Misshandlungsskandal
: Das meistgehasste Paar Englands

Tracey Connelly und ihr Lebensgefährte Steven Barker sind die meistgehassten Personen der Insel. Sie haben ein Baby zu Tode gequält.
Von
Jasmin Fischer
Stuttgart
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Stuttgarter Nachrichten

Als 1993 zwei Jugendliche den 12-jährigen James Bulger umbrachten, wurden die Mütter der Täter mit Hass, Prügel und Brandattacken überzogen. Die Parallelen zum aktuellen Fall von Baby P. sind vielerlei, und sie beginnen mit ähnlicher, nur vielfach größerer Wut auf die Mutter des toten Jungen. Das "Monster", das sie für viele ist, hat seit gestern einen Namen und ein Gesicht. Binnen Minuten nach Bekanntgabe ihrer Identität forderten Hunderte im Netz bereits ihren Tod, beschimpften sie als Biest und Bodensatz, stempelt der Boulevard sie als "sexhungrige Schlampe" ab. Connelly musste zu ihrem Schutz vom Londoner Gefängnis in die Einzelzelle eines Hochsicherheitstraktes nach Durham verlegt werden.

Man versteht den außerordentlichen Hass der Briten nur, wenn man weiß, wie Baby P. gestorben ist. Vor zwei Jahren holten Rettungsmediziner das 17 Monate alte Kind aus seinem verwahrlosten Zuhause in Tottenham, einem Stadtviertel zwischen der Londoner Innenstadt und dem Flughafen Stansted. Für P. kam jedoch jede Hilfe zu spät - er hatte 22 verschiedene Verletzungen, darunter Wirbelsäulen- und Rippenbrüche.

Finger- und Zehennägel waren ihm abgezogen, ein Ohr angerissen worden. Seine Fingerkuppen trugen Schnitte, die ein Teppichmesser vermuten ließen. Um das alles darzustellen, behalfen sich die Gerichtsmediziner mit einer Grafik - sie geriet zum blutunterlaufenen Bild eines monatelangen Martyriums, dreidimensional, fassbar und entsetzlich. Viele Briten sind zwar abgehärtet, was solche Fälle betrifft: Erst vor kurzem ist eine Dreijährige über einer Kneipe verhungert, Anfang der Woche traktierten Kinder einen Mitschüler mit einer bissigen Schlange.

Selten kocht da noch öffentliche Empörung hoch. Doch der Fall von Baby P. war zu grotesk, um ihn einfach wegzuwischen. Nach und nach stellte sich heraus, dass Sozialarbeiter und Kinderärzte über 60-mal bei der Familie ein- und ausgegangen waren. Die Mutter galt als Risiko, vernachlässigte die Kinder. Doch keinem waren die Verletzungen von P. aufgefallen, obschon er durch den Wirbelsäulenbruch länger halbseitig gelähmt gewesen war.

Vor allem die Mutter hatte die Behörden an der Nase herumgeführt. Blaue Flecken im Gesicht von P. versteckte sie hinter Schokoladen-Aufstrich. Den Täter hielt sie ebenso geheim: Ihr neuer Freund Steven Barker, der auch das Kind quälte, war bereits zuvor durch Gewalttätigkeit aufgefallen. Das Jugendamt hätte Connelly die Kinder weggenommen und den Unterhalt gekürzt, hätte man von ihrem Mitbewohner gewusst. Während der Torturen soll sich die Mutter, selbst geprägt durch Misshandlungen in der Kindheit, im Netz Pornos angeschaut, Poker gespielt und sich betrunken haben. Die 33-Jährige war arbeitslos und erneut schwanger.

Weil gegen Barker ein unabhängiges Verfahren wegen der Vergewaltigung einer Zweijährigen lief, hatte das Oberste Gericht die Identität aller Beteiligten im Fall Baby P. geschützt. Dem Mann sollte ein vorurteilsfreier und fairer Prozess ermöglicht werden. Am Dienstag lief die einstweilige Verfügung jedoch aus, und um Punkt Mitternacht kamen britische Medien mit weiteren schockieren Details, Namen und Fotos auf den Markt. Der Volkszorn auf Connelly und Barker ist seitdem so bedrohlich, dass bereits darüber nachgedacht wird, sie nach ihrer Entlassung in jeweils fünf und 20 Jahren - ähnlich wie die Mörder von James Bulger - mit neuer Identität, anderen Namen, einer geheimen Unterkunft und Polizeischutz auszustatten. Baby P. hieß übrigens Peter.