EKD-Vorsitzende
: Käßmann bedauert Alkoholfahrt

Mit 1,54 Promille bei Rot über die Ampel: Margot Käßmann ist von der Polizei erwischt worden.
Von
Claudia Lepping und Stephan Köhnlein
Stuttgart
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Margot Käßmann wurde mit 1,54 Promille am Steuer erwischt. Wie viel Alkohol müssten eine Frau (Durchschnittsgewicht 65 Kilo) und ein Mann (Durchschnittsgewicht 80 Kilo) trinken, um das zu erreichen? Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Die Berechnungen gehen davon aus, dass die Getränke innerhalb von ein bis zwei Stunden getrunken werden.

Foto: dpa

Hannover/Berlin - Wenn Hollywoodstars betrunken Auto fahren oder Rockstars öffentlich über ihre Drogensucht philosophieren, gilt das vielen als irgendwie menschlich. Die Fallhöhe von Pastoren und Bischöfen ist da erheblich höher.

Margot Käßmann hat sich oft angreifbar gemacht - mit ihrer Meinung wie auch als Person: Als eine der wenigen Frauen in einem leitenden geistlichen Amt steht die 51-Jährige unter kritischer Beobachtung. Ihre temperamentvolle Art stößt nicht überall auf Gegenliebe - und dann ist die hannoversche Landesbischöfin auch noch geschieden. Trotzdem wurde sie vor vier Monaten zur ersten Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt. Doch mit ihrer Alkoholfahrt wird die Luft für sie dünn.

Samstagabend, 23 Uhr, Käßmann ist mit ihrem Dienstwagen von einem privaten Termin auf dem Weg nach Hause. In der Innenstadt von Hannover überfährt sie eine rote Ampel, wird von der Polizei gestoppt. Ein Atemalkoholtest ergibt zunächst 1,1 Promille, die angeordnete Blutprobe fällt mit 1,54 Promille noch höher aus. Die Bischöfin muss ihren Führerschein abgeben. Ein Strafverfahren wird eingeleitet.

Käßmann gibt sich reuig. Der "Bild"-Zeitung sagt sie: "Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe. Mir ist bewusst, wie gefährlich und unverantwortlich Alkohol am Steuer ist. Den rechtlichen Konsequenzen werde ich mich selbstverständlich stellen." Ob diese Reue reicht, um ihre Führungsämter weiter ausüben zu können, ist fraglich. Am Dienstag heißt es zunächst, Käßmann erledige ihre Arbeit wie bisher. Wenig später sagt sie alle öffentlichen Termine bis auf weiteres ab. Die EKD erklärt, es werde darüber beraten, ob das Alkoholvergehen ihrer Ratsvorsitzenden Konsequenzen bis hin zum Rücktritt nach sich ziehen wird.

Doch Käßmann ist eine Kämpfernatur. Das hat sie mehrfach bewiesen. 2006 wird bei der vierfachen Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Sie wird operiert und muss ihre Amtsgeschäfte für zwei Monate ruhen lassen. Ein Jahr später gibt sie die Scheidung von ihrem Mann Eckhard nach 26 Ehejahren bekannt. Doch Käßmann kämpft sich immer wieder zurück, überzeugt ihre Kritiker.

Im politischen Berlin fallen die Reaktionen am Dienstag einhellig beschwichtigend aus. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) sagt: "Ich hoffe, dass die Gläubigen der Landeskirche Niedersachsen und die Bischofskollegen der EKD zu Frau Käßmann stehen und sie stützen. Dann wird sie auch diesen groben Fehler heil überstehen." Geistliche seien auch nur Menschen; "die Heiligkeit der Kirche bezieht sich nicht auf die Heiligkeit der Amtsträger".

Thierse betont, Frau Käßmann genieße durch ihre öffentlichen Bekenntnisse zu ihrer Scheidung und Krebserkrankung einen großen Sympathievorsprung. "Ich glaube nicht, dass dieser Vorsprung nun aufgebraucht ist. Die meisten Menschen werden kurz innehalte, an sich selbst denken und nicht den ersten Stein werfen, weil auch sie schon in ähnlicher Situation gefehlt haben." Der Politiker bedauert zudem "eine verbreitete Häme als Grundton der politischen Kommunikation. Ein bevorzugtes Objekt ist jeder, der in irgendeiner Weise moralische Autorität beansprucht oder besitzt. Moralische Autoritäten sind offenbar für hämische Menschen schwer zu ertragen. Wenn es Anlass gibt, stürzen sie sich drauf."

Auch der religionspolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Raju Sharma, beschwichtigt: "Bischöfin Käßmann hat für sich nicht den Anspruch der Unfehlbarkeit erhoben. Sie ist ein Mensch mit Fehlern und Schwächen, der sich nun den weltlichen Konsequenzen zu stellen hat." Auf die Frage, ob sie zurücktreten müsse, antwortet Sharma: "Der einzige Rücktritt wäre der von ihrem Führerschein."

Christian Weisner, Sprecher der Reformbewegung Wir sind Kirche, sagt: "Es ist nur gut, dass niemand zu Schaden gekommen ist." Alkohol komme wie in anderen Gesellschaftsbereichen auch in Kirchenkreisen vor. "Ihr Rücktritt wäre übertrieben. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen."