Prozess um getötete Schülerin aus St. Leon-Rot: Gewalt an Schulen: So ist die Lage in den Bundesländern

Wachsende Gewalt an deutschen Schulen: „Wir sehen in den Ergebnissen die Momentaufnahme eines kranken Systems“ (gestellte Szene).
Imago/Gerhard LeberEr soll seine 18-jährige Ex-Freundin in einem Aufenthaltsraum der gemeinsamen Schule erstochen haben: Rund ein halbes Jahr nach dem Tod der Abiturientin muss sich der mutmaßliche Täter, ihr gleichaltriger Ex-Freund, ab Dienstag (16. Juli) vor dem Heidelberger Landgericht verantworten. Ihm werden unter anderem Mord und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.
18-Jährige mit Fleischermesser erstochen
Laut Anklage soll er am 25. Januar 2024 mit einem Fleischmesser mehrfach auf die junge Frau eingestochen haben - unter anderem in den Nacken und die Herzgegend. Die 18-Jährige starb noch am Tatort auf einem Schulgelände in St. Leon-Rot bei Heidelberg. Der Angeklagte war dann mit einem Auto geflohen. Nach einem Unfall in Niedersachsen klickten die Handschellen.
Wachsende Agression an Schulen
Die Tat ist ein extremer Fall von Gewalt an Schulen, aber kein Einzelfall. Schläge, Tritte, sexuelle Übergriffe: Aus Schulen in Deutschland werden mehr Fälle von Gewalt bekannt. Den Landeskriminalämtern und Bildungsministerien wurden Tausende solcher Vorfälle gemeldet.
Auch Deutschlands Lehrer sind zunehmend besorgt. Fast jede zweite Lehrkraft in Deutschland sieht an der eigenen Schule ein Problem mit psychischer oder physischer Gewalt. Das geht aus dem aktuellen Deutschen Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung hervor.
Mit dem Deutschen Schulbarometer lässt die Robert-Bosch-Stiftung seit 2019 regelmäßig repräsentative Umfragen zur aktuellen Situation der Schulen in Deutschland erheben. Für die aktuelle Ausgabe wurden vom 13. November bis zum 3. Dezember 2023 insgesamt 1608 Lehrkräfte an allgemein- und berufsbildenden Schulen durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa befragt.

Das wachsende Ausmaß von Gewalt an Schulen führt zu zusätzlichem Stress für Schüler und Lehrer.
Foto: dpa/Maurizio GambariniSchüler und Gewalt: Daten, Fakten, Zahlen
Gleich in mehreren Bundesländern ist die Zahl erfasster Gewaltdelikte im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie gestiegen – mitunter deutlich.

Zwei Schüler prügeln sich auf einem Schulhof (gestellte Szene).
Foto: dpa/Oliver BergNur wenige Fälle von Mord und Totschlag
Trotz vieler Polizei-Einsätze kommen Fälle wie der tödliche Messerangriff auf die 18-jährige Schülerin aus St. Leon-Rot in den Statistiken selten vor.

Markierungen der Spurensicherung liegen auf dem Boden am Tatort des Angriffs auf zwei Kinder (28. Februar 2024), einige Meter von einer Schule im nordrhein-westfälischen Duisburg entfernt. Auf einem kleinen Parkplatz hat die Polizei Flatterband gespannt und alles abgesperrt.
Foto: dpa/Christoph ReichweinVielzahl an Gründen für Gewalt und Verrohung
Die Gründe, dass Schüler Gewalt ausübten oder androhten, sind nach Einschätzung des Brandenburger Bildungsministeriums vielschichtig. Dazu zählten Faktoren wie „Defizite in der Selbststeuerung und geringes Selbstwertgefühl, aber auch familiäre und soziale Ursachen wie Gewalterfahrungen in der Familie oder Akzeptanz sowie soziale Normen und Werte und die jeweilige Akzeptanz in der Gruppe der Gleichaltrigen“. Auch Gewaltinhalte in Medien und auf Online-Plattformen könnten aggressives Verhalten begünstigen.
Mehr Waffen in Schulen als früher
Nach Einschätzung des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschlands haben viele Lehrkräfte das Gefühl, dass die Bereitschaft zur Gewalt zugenommen hat. „Wir haben bemerkt, dass mehr Waffen zur Schule mitgenommen werden als früher“, sagt der Verbandsvorsitzende Sven Winkler.
Dabei handelt es sich vor allem um Messer und sogenannte Anscheinswaffen. Das sind Waffen, die echten Schusswaffen täuschend ähnlich sehen. Ob Kinder und Jugendliche Waffen dabeihaben, weil sie gewaltbereit sind, oder weil sie Angst haben und diese zur Selbstverteidigung nutzen wollten, sei unklar.
(Mit AFP/dpa-Agenturmaterial erstellt).
