Wilhelma: Mary Zwo ist Halbwaise

Das am 2. Juli 2007 vom Allwetterzoo Münster zur Verfügung gestellte Bild zeigt das sechs Wochen alte Gorilla-Baby "Mary Zwo" in seinem Brutkasten im Büro von Zoodirektor Jörg Adler in Münster.
Foto: APBlättern Sie in Mary Zwos Babyalbum.
Familienzusammenführung der Gorilla-Halbwaisen in der Wilhelma - was für ein reizvoller Gedanke von Zoo-Romantikern, was für eine Happy End. Marianne Holtkötter kann bei derart menschlichen Vorstellungen vom Tierleben nur den Kopf schütteln. "Das ist nur die letzte Variante, für den Fall, dass sich Claudia nicht mehr in die Gorilla-Gruppe in Münster integrieren lässt", sagte die stellvertretende Wilhelma-Direktorin am Montag.
Treffen würde Claudia, derzeit im Allwetterzoo im westfälischen Münster zu Hause, in Stuttgart auf Mary Zwo. Beide haben dieselbe Mutter. Gana, die zuletzt erkrankt war, starb in der Nacht zum vorigen Sonntag offenbar "an Veränderungen in ihrem Gehirn", deren Ursache noch untersucht werden muss, heißt es in Münster.
Keine Rücksicht auf Familienzusammenführung
Mutterglück war Gana nie wirklich vergönnt. Ihr erstes Affenbaby, Mary Zwo, kam im Sommer 2007 in einem jämmerlichen Zustand nach Stuttgart ins Jungtieraufzuchthaus. Den Gorillas der Gruppe in Münster war Mary Zwo eher lästig, die Unerfahrenheit von Mutter Gana tat ein Übriges. Mary Zwo hat sich inzwischen aber zu einem prächtigen Gorilla-Kind entwickelt. Auch die Freude über Claudio, Ganas zweites Baby, währte nur drei Monate, dann starb das Knäuel an Darmentzündung. Unter viel Anteilnahme der Öffentlichkeit trauerte Gana heftig um Claudio, indem sie das tote Tier eine Woche lang mit sich trug.
Ohne Mutter steht dem dritten Jungen, Claudia, ein womöglich ähnliches Schicksal wie der älteren Schwester in der Wilhelma bevor. Es könnte sogar zum Treffen der Geschwister in Stuttgart kommen, was nach derzeitigem Stand noch unwahrscheinlich ist.
Eine 37-jährige, kinderlose Gorilla-Dame im Zoo von Münster hat sich der Halbwaisen angenommen, zudem ist Claudia schon gewohnt, Nahrung aus dem Fläschchen zu sich zu nehmen. Gelingt es auf dem Weg, das Kleine in die Gruppe zu integrieren, ist ein Reha-Aufenthalt im Aufzuchthaus der Wilhelma unnötig.
"Es sieht ganz gut aus, wir müssen die nächsten Tage abwarten", sagt Ilona Zühlke, Sprecherin des Zoos in Münster. Wann Claudia eingliederungstechnisch überm Berg ist, lasse sich schwer abschätzen. "Wir stehen bereit, aber für Claudia wäre ein Verbleib in der Gruppe die beste Lösung", so Marianne Holtkötter in Stuttgart. Mit dem zuständigen Koordinator sei das Vorgehen besprochen, man sei ständig in Kontakt mit Münster. Die Wilhelma ist der einzige Aufzuchtzoo des Europäischen Erhaltungsprogramms (EEP) für problematische Gorilla-Kinder.
Für den Fall, dass Claudia doch in Stuttgart aufgezogen werden muss, wird Mary Zwo sein Schwesterchen aber wohl gar nicht als solches wahrnehmen. Mary Zwo steht ohnehin auf dem Absprung. Ab einem bestimmten Alter siedeln die Junggorillas in Gruppen in anderen Zoos um. Mary Zwo soll nach Zürich. "Es wird Zeit für sie, auf eine Familienzusammenführung können wir dabei keine Rücksicht nehmen", sagt Marianne Holtkötter. Mary und Claudia vereint - ist nur etwas für Tier-Romantiker.