VfB-Stuttgart-Urgestein: Reinhold Zech braucht dringend ein Spenderherz
Der frühere VfB-Kapitän und -Vorstand Reinhold Zech ist schwer krank. Weil er sein Haus in Oberriexingen kaum noch verlassen kann, besuchen ihn jetzt seine früheren Mitspieler. Horst Köppel kommt sogar aus Mönchengladbach. Zech: „Es hilft mir unglaublich, dass die Jungs mich besuchen.“
Stuttgart - Jede Minute ist wie eine Schlittschuhfahrt auf dünnem Eis. Es kann alles gutgehen, muss es aber nicht. Mit dieser Gewissheit lebt Reinhold Zech (65), der frühere Kapitän und Vorstand des VfB Stuttgart. Sein Herz kann jederzeit aufhören zu schlagen. Nur ein Spenderherz kann ihn retten.
Aber das Leben von dieser Seite aus zu betrachten ist nicht seine Art. Sein Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll. Zech lebt von und mit der Zuversicht auf Heilung. Seit fünf Jahren wartet er auf einen Anruf aus dem Herzzentrum in Heidelberg mit der erlösenden Botschaft: Es ist so weit. Wir haben ein Spenderorgan!
„Daran ziehe ich mich hoch. Ich lebe in der Hoffnung, immer noch einen weiteren Tag zu erleben, bis es so weit ist“, sagt er und lacht. Es ist ein echtes Lachen. Ganz ohne Galgenhumor. Es drückt vielmehr eine Geisteshaltung aus. Auch das, was einen langjährigen Profisportler ausmacht: Optimismus, Disziplin, Mut und Stärke. Nur deshalb lebt er überhaupt noch. Ohne die körperlichen und charakterlichen Prägungen des Hochleistungssports wäre Zech vermutlich nicht mehr am Leben. „Mein Herz bringt noch 14 Prozent Leistung. Nur dem Sport und meiner gesunden Lebensführung ist es zu verdanken, dass ich noch so dastehe. Andere könnten sich nicht einmal mehr selbst die Zähne putzen.“
Es ist paradox. Was Zech heute rettet, hat ihn erst in diese Lage gebracht: der Fußball. Ein Schlag auf die Brust während seiner aktiven Zeit beim VfB (1967–1975) hat einen stillen Infarkt ausgelöst. „Ich habe nie was davon gemerkt“, sagt er, „der Körper bildet eigene Bypässe, aber es stirbt ein Teil des Herzgewebes ab.“ Erst zehn Jahre später stellen die Ärzte fest: Die Herzspitze ist vernarbt, das Herz bringt nur noch 50 Prozent Leistung. Richtig schlecht geht es ihm aber erst seit sieben Jahren: Embolie, Thrombus in der Herzkammer, Rhythmusstörungen, implantierter Defibrillator.
„Ich will keine Chance verpassen“
Dieses medizintechnische Meisterstück in Zechs Brust bringt sein Herz immer wieder in den richtigen Rhythmus, wenn es flimmert. Im Zusammenspiel mit täglich 25 Medikamenten garantiert es sein Überleben im Wartesaal der Organspende-Empfänger.
Etwa 11 000 Schwerkranke warten in Deutschland auf ein lebensrettendes Organ. An jedem Tag sterben im Schnitt drei Patienten, die auf der Warteliste stehen, aber kein passendes Spenderorgan bekommen.
„Weil es täglich so weit sein kann, dass ich ein Spenderorgan bekomme, wage ich mich nie weit von zu Hause weg, ich will keine Chance verpassen“, sagt Zech. Selbst der Weg von seinem Wohnort Oberriexingen nach Stuttgart ist ihm zu riskant. Damit sind auch Stadionbesuche tabu. Aber es schmerzt ihn weniger, auf die VfB-Profis von heute zu verzichten. Die alten Kameraden sind es, die er mehr vermisst.
Erst neulich wieder. Da trafen sich die alten Kämpen, die mit Zech 1966 Süddeutscher A-Jugend-Meister geworden waren. Unter anderen Charly Handschuh, der für die Roten 64-mal traf. Oder Gerhard Heinze, der wohl beste Flieger im VfB-Tor. Last but not least Horst Köppel, der mit Mönchengladbach fünfmal deutscher Meister wurde und mit Reinhold Zech schon in der D-Jugend des SV Rot zusammen gekickt hat.
Kurzum: Dieses Treffen löste bei den älteren Herren große Gefühle aus. Obwohl sich manche erst nach 46 Jahren wieder sahen, herrschte schnell wieder die gewohnte Vertrautheit. Das vielbeschworene Sepp-Herberger-Gefühl („Elf Freunde müsst ihr sein“) lebte sofort wieder auf. Und doch spürte sein treuer Freund Michael Techert: Wir sind gefühlt nur zehn, Reinhold fehlt. Ausgerechnet der Reinhold. Das müssen wir ändern. Von da an beschlossen die 66er-Meister, ihren Kumpel regelmäßig zu treffen.
Echte Freunde, die den roten Brustring getragen haben, stehen seitdem zusammen.
Gegen Alleingänge aufgelehnt
Dabei ging es Techert und den Kameraden nicht nur darum, einen schwer kranken Freund zu besuchen. Darin steckt auch jede Menge Wertschätzung. Denn Zech war immer schon ein wichtiger Teil der Mannschaft und der roten Familie. Damals in der Jugend, später als Kapitän bei den Profis und schließlich als VfB-Vorstand. Reinhold Zech war einer der wenigen im Verein, die es wagten, dem früheren Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder zu widersprechen. Nur Zech und später Aufsichtsrat Heinz Bandke lehnten sich gegen die Alleingänge von MV auf. Zum Beispiel gegen die eigenmächtige Ablösung von Trainer Joachim Löw und die darauffolgende Verpflichtung von Winnie Schäfer. Den heimlich geschlossenen Sechs-Millionen-Rentenvertrag für Krassimir Balakov. Oder die Verpflichtung von Karlheinz Förster und Hansi Müller als Manager – wie immer ohne Rücksprache mit dem Vorstand. „Das konnte ich alles nicht mehr mittragen und verantworten. Also bin ich zurückgetreten“, erzählt Zech in seiner 66er-Runde, die ihm in diesen Tagen so viel bedeutet.
So wie am vergangenen Donnerstag, einem dieser goldenen Herbsttage, an dem die Kumpels zu ihm nach Oberriexingen gekommen sind. Sogar Horst Köppel scheut den Weg von Mönchengladbach nicht. Es wird gelacht, es werden viele alte Geschichten erzählt . Von VfB-Trainer Branko Zebec, der Zech strengstens verbot („Du bist mein Schwarzenbeck“), über die Mittellinie zu gehen. Oder die von Torwart Gerhard Heinze, der von Ehrgeiz zerfressen gewesen sei und noch heute als Tennis- und Skilehrer am Ammersee eine gute Figur macht. Solche Anekdoten füllen den Nachmittag und bereichern das Leben von Reinhold Zech. „Es hilft mir unglaublich, dass die Jungs mich besuchen“, sagt er, „es ist wie ein Geschenk.“
Das größte Geschenk wäre allerdings der langersehnte Anruf aus Heidelberg.



