Türkei und Stuttgarter Oper
: Das kontroverse Erbe von Mustafa Kemal Atatürk

Bevor der Inhalt einer geplanten Stuttgarter Oper über den türkischen Staatsgründer bekannt ist, hagelt es schon Kritik. Was an Atatürk kritisiert wird.
Von
Erdem Gökalp
Stuttgart
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Bei einem Protest in Istanbul wird ein Bild des Staatsgründers hochgehalten.

Ozan Kose/AFP

Um einen Eindruck davon zu erhalten, welchen Stellenwert Mustafa Kemal Atatürk in der türkischen Gesellschaft noch immer hat, muss man am 10. November um 9.05 an einen belebten Ort gehen. Um genau diese Uhrzeit steht jedes Jahr der Verkehr still, die Menschen steigen aus ihren Fahrzeugen, Sirenen erklingen, die Türken bleiben auf Gehwegen stehen. Im Dolmabahce-Palast in Istanbul bilden sich vor dem Zimmer, in dem Atatürk 1938 gestorben ist, lange Schlangen von Menschen, die Blumen auf dessen Totenbett ablegen wollen. Sie alle gedenken in einer Schweigeminute des Todeszeitpunktes des Mannes, dem man einst den Beinamen „Vater der Türken“ gegeben hatte.

Obwohl der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan lange Zeit die Zerschlagung des nach Atatürk benannten Kemalismus als wichtiges Ziel seiner Politik verfolgt hat, herrscht auch in der heutigen Türkei immer noch ein unerschütterlicher Personenkult um den Mann, der am 29. Oktober 1923 den Staat gegründet hat. Sein Konterfei findet sich in vielen Behörden, Geschäften und Privatwohnungen wieder. Verschiedene Feiertage erinnern an Atatürks Leben und seine Errungenschaften.

Gesetze erschweren Aufarbeitung von Atatürks Erbe in der Türkei

Gleichzeitig ist eine umfängliche Aufarbeitung des gesamten politischen Erbes Atatürks in der Türkei durch die Gesetzeslage erschwert. Es gibt mehrere Gesetze, die es unter Strafe stellen, das Andenken Atatürks in irgendeiner Weise zu beflecken. Unter anderem das seit 1951 geltende Gesetz Nummer 5816. Mehrere Jahre Gefängnis können einen erwarten. Teil von Atatürks Erbe ist daher sicherlich auch, dass nach seinem Tod viele Menschen wegen seiner Person im Gefängnis gelandet sind.

Doch wie ist Atatürk zu dieser Kultfigur für viele Türken geworden? Er gilt einerseits als Symbol für den Widerstand gegen nicht zeitgemäße religiöse Strukturen und andererseits für viele als Autokrat und Unterdrücker religiöser und ethnischer Minderheiten.

Atatürk führt das Land in die Unabhängigkeit

Über seinen genauen Geburtsort, seinen Geburtstag und seine ethnische Herkunft gibt es verschiedene Angaben. Er ist vermutlich im Jahr 1881 im heutigen Thessaloniki in eine osmanische Mittelschichtsfamilie geboren worden. Später hat er im osmanischen Militär einen steilen Aufstieg hingelegt und den Höhepunkt seiner militärischen Karriere in den Jahren zwischen 1919 und 1922 erreicht. Zu dieser Zeit fanden die sogenannten Türkischen Unabhängigkeitskriege statt, in denen Atatürk eine zentrale Rolle einnahm. Er hatte das Kommando über das Militär inne, als das Land Krieg gegen Griechenland geführt und dessen Truppen besiegt hat.

In seiner Atatürk-Biographie beschreibt der türkische Historiker Şükrü Hanioğlu zudem, wie Mustafa Kemal zu entscheidender Zeit als ein herausragender Anführer in die Verhandlungen mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs eintrat. Nach der Gründung des Staates war Atatürk von 1923 bis 1938 der erste Präsident des Landes. Nach seinen militärischen Siegen hat er das hinfällige Sultanat abgeschafft, den Nationalstaat begründet und die gesamte Kultur und Gesellschaft nach westlichem Vorbild umstrukturiert.

Vorreiter für Frauenrechte

Atatürks politisches Erbe wird von der Partei CHP verteidigt. Ihr Parteichef Özgür Özel wurde abgesetzt.

Foto: Tunahan Turhan/SOPA Images via Z

Zu seinen Errungenschaften zählen die Alphabetisierung der Bevölkerung und der Wechsel von der arabisch-persisch-osmanischen Schrift ins moderne türkische Alphabet, das sich an der Lateinschrift orientiert. Er hat die Frauenrechte gestärkt, die Säkularisierung des Landes geprägt, das Wahlrecht für Frauen eingeführt und eine staatlich gelenkte Industrialisierung eingeführt. Er legte damit den Grundstein für den modernen türkischen Staat.

Atatürk war aber auch für ein rigoroses Vorgehen gegen Minderheiten bekannt. Im Jahr 2019 hat die Linke-Fraktion im Bundestag mehrere Anträge gestellt, die gezielt die Aufarbeitung des sogenannten Massakers von Dersim aus dem Jahr 1937 und 1938 zum Inhalt hatten. Unter anderem ging es um eine mögliche deutsche Beteiligung durch die Lieferung chemischer Waffen an die Türkei. In dem Antrag heißt es, dass große Teile der kurdischen, alevitischen, zazaki- und kurmancisprachigen Bevölkerung in Ostanatolien im Rahmen der von Ankara beschlossenen zwangsweisen Türkisierung nichttürkischer Bevölkerungsgruppen von der türkischen Armee ermordet worden sein sollen.

Rigoroses Vorgehen gegen Minderheiten und „Massaker von Dersim“

Der Historiker Maurus Reinkowski schreibt über das Massaker in seinem Werk „Geschichte der Türkei“, dass in Dersim ein kurdischer Aufstand gegen verschiedene staatliche Maßnahmen aufbegehrte. Die Kurden gingen nach Ende der Unabhängigkeitskriege weitestgehend leer aus. Auf ihre Wünsche nach einem eigenen Nationalstaat wurde von der jungen türkischen Republik nicht eingegangen, obwohl sie auf der Seite der Türken geholfen hatten, den Krieg zu gewinnen. Beim Aufstand von Dersim, bei dessen Unterdrückung bis zu 40 000 Menschen gestorben sein sollen, handelt es sich laut Reinkowski um das dunkelste Kapitel des Kemalismus. Danach habe es keine historische Aufarbeitung gegeben. Stattdessen sei Unterrichtsgegenstand an Schulen und Universitäten vor allem die Heroisierung der türkischen Taten gewesen.

Kemalisten über alle politischen Lager hinweg

Bis heute lassen sich Kemalisten keinem bestimmten politischen Lager zuordnen. Laut dem Historiker Reinkowski gibt es Rechtskemalisten, Linkskemalisten, Islamokemalisten oder sogenannte Kemalokemalisten. Dieser Neologismus beschreibt die Hardliner unter den Kemalisten. Im heutigen Parlament setzt sich vor allem die aktuell in Bedrängnis geratene Partei CHP dafür ein, das politische Erbe Atatürks aufrechtzuerhalten.

Staatspräsident Erdoğan teilt zwar viele Gemeinsamkeiten mit dem Staatsgründer: Beide stehen für einen starken Nationalstaat mit einem autoritären Führer. Doch gibt es auch wesentliche Unterschiede: Erdoğan hat Atatürks wichtige Errungenschaft, Religion und Staat voneinander zu trennen, wieder rückgängig gemacht. Teil seiner Agenda ist es, eine vermeintliche Verbindung zu den kulturellen und religiösen Wurzeln der Türkei wiederherzustellen.

Kritik an Atatürk kommt jedoch nicht nur von der aktuellen Regierungspartei AKP oder den Kurden. Auch in Stuttgart ist derzeit eine öffentliche Debatte über den türkischen Staatsgründer entbrannt. Der Anlass ist eine geplante Oper über Atatürk, die 2027 aufgeführt werden soll. Noch bevor der Inhalt der Inszenierung über den türkischen Staatsgründer überhaupt bekannt ist, haben kurdische und alevitische Aktivisten aus Deutschland starke Bedenken geäußert. Sie wollen ein Ende der Heroisierung Atatürks und eine Aufarbeitung seiner dunklen Vergangenheit. An der Debatte zeigt sich bereits, dass die Stuttgarter Oper vor einer enormen Aufgabe stehen wird, dem Erbe Atatürks auch aus Sicht seiner Opfer gerecht zu werden. Ob es ihr gelingen wird, wird sich im nächsten Jahr zur Premiere des Stückes zeigen.

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