Süßes zum Osterfest
: Ohne Rahmhase ist das Nest nicht komplett

Wir glauben an den Osterhasen. Unbeirrt. Vor allem, wenn er aus Schokolade, Zucker, Fondant oder Krokant im Nest sitzt. Und, oh Wunder, auch noch Eier aus Nougat oder Champagnertrüffel gelegt hat.
Von
Heidemarie A. Hechtel
Stuttgart
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Jedes Kind weiß, dass Hasen (fast) alles können: Dieses Trio, geformt in antiken und wertvollen Formen, macht Musik

Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Blubbernd und brodelnd kocht im Topf eine Mischung aus Wasser, Zucker, Butter und Glykose: Daniela Hellstern, Konditorin im Café Schurr, erhitzt dieses flüssige Gebräu auf 150 Grad. Es dauert nur ein paar Minuten, bis der Duft nach Karamell die kleine Küche neben der Backstube erfüllt und Michael Antonius Wulf, Konditormeister und Inhaber des Cafés, seiner Mitarbeiterin die erste Hasenform zum Eingießen hinhält. Umgedreht, damit die Masse satt und dick in den Hohlkörper fließen kann, der postwendend wieder geleert wird. Zurück bleibt nur, was sich an die geölten Wände der Form angelegt hat, nun erkaltet und schon nach kurzer Zeit befreit wird: Zuckerhasen, auch Rahmhasen genannt und heiß geliebt.

Im Café Schurr, 1955 von Wulfs Großvater Willi Schurr in Heslach gegründet, gehören die Zucker- alias Rahmhasen seit jeher zum festen österlichen Produktionsrepertoire. „Unsere Formen stammen noch aus König Wilhelms Zeiten“, verweist Wulf stolz auf die Sammlung gusseiserner Formen: Hasen, die Körbe schultern, auf Roller und Einrad fahren, Ringelreihen tanzen oder Instrumente spielen. Lauter wertvolle Antiquitäten aus dem 19. Jahrhundert. Er besitze sogar die Form eines Hasen auf dem Panzer, lacht Wulf. Offenbar aus heroischen Zeiten und jetzt ausgemustert.

Stattdessen entdeckt man inmitten der Mümmelmänner einen Hund: „Ein Spitz, wie die Hunde vom König Wilhelm II.“, erklärt Wulf. Diese Reverenz an Württembergs König kam nicht von ungefähr, denn ein Formenhersteller, die Firma Georg Lieb, hatte seinen Sitz in Degerloch, und ein zweiter, Julius Mühlschlegel, produzierte in Biberach-Riß. „Daher kommt es wohl, dass die Zuckerfiguren bis heute vor allem im süddeutschen Raum verbreitet sind“, weiß der Zuckerbäcker und erzählt von der westfälischen Verwandtschaft, bei der diese Süßigkeit ohne die Liebesgaben aus Schwaben bis heute völlig unbekannt geblieben wäre.

In der Konditorei in der Böblinger Straße ist die Parade der Zuckerhasen aufgereiht: Milchig braun wie Karamell-Bonbons, dank Lebensmittelfarbe in Rot und seit neuestem auch in Grün „passend zu unserer Landesregierung“, witzelt Wulf. In Konkurrenz zu den Langohren aus Milch- und Zartbitter-Schokolade, die im Prinzip genauso, aber in Formen aus Plastik oder Blech gegossen werden. Wohin man blickt, in diesem Schlaraffenland: Hasen und Eier, Eier und Hasen, alles haus- und handgemacht. „Wir fangen schon im Februar mit der Produktion an“, versichert Wulf. Anders wäre die umfangreiche Kollektion nicht zu schaffen: Die Pralinen-Eier, die kleinen Figuren wie Küken und Häschen aus Fondant und natürlich die Krokant-Eier aus Zucker, Butter und gehobelten Mandeln, frisch hergestellt beinahe bis zum letzten Tag vor dem Fest. Eine Mitarbeiterin, so Wulf, habe deshalb statt um 6 schon um 4 Uhr früh mit der Arbeit begonnen, um die Krokanteier mit Palmkätzchen aus Zucker und einem Blütendekor aus Marzipan zu verzieren. Respekt!

Wie viele Kilos oder gar Zentner an Zucker und Schokolade werden hier in solchen Hoch-Zeiten verschafft? „Eine Menge“, bleibt Wulf in seiner Auskunft eher vage. Dem Biskuitteig, aus dem Wulf die traditionellen Osterlämmer bäckt, gibt ein Hauch Zitrone ein wunderbares Aroma. In der christlichen Ikonografie sind die niedlichen Lämmchen Symbol des Lebens, der Unschuld und der Opferbereitschaft. „Und wo ist das Fähnele?“, moniert ein Kunde, der das Gebäck aus dem Allgäu kennt und weiß, dass die Siegesfahne der Auferstehung das Osterlamm erst komplett macht. Zumindest in katholischen Gegenden.

Kuchen, herzhaft, mit Eiern, Ricotta und Spinat gefüllt, oder süß, spielen in Italien zu Pasqua eine wichtige Rolle. Was zu Weihnachten der Panettone, ist nun die Colomba: Ein Hefegebäck mit kandierten Früchten, Mandeln und gebackenem Hagelzucker. Ähnlich unserem Osterfladen, aber in Form einer Taube. „Wahrscheinlich eine Friedenstaube“, vermutet Antonio Fattizzo vom italienischen Delikatessenstand Buongustaio in der Markthalle. Im übertragenen Sinne hat Fattizzo Recht, denn in Italien gilt die Taube als Symbol für Jesus.

Der Genuss all dieser Köstlichkeiten ist, wenn man es mit der Fastenzeit ernst nimmt, erst am Ostersonntag gestattet. Dann aber gibt es keinen Zweifel mehr: Der Osterhase existiert und hat ganze Arbeit geleistet.

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