Debatte über die Tradition
: „Ohne Cannstatt kein Volksfest“ – Namensstreit erhitzt die Gemüter

München hat die Wiesn, Cannstatt das Volksfest. Und der Wasen? So heißt nur der Platz, sagen die Traditionalisten. Emotionen kochen hoch, weil vom „Stuttgarter Wasen“ die Rede ist.
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
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Die Dirndl-Zeit beginnt: Am 26. September startet das 178. Cannstatter Volksfest.

LICHTGUT

Traditionell starten die Bayern mit dem Oktoberfest früher als das Volksfest. Während in München längst alle Welt „auf die Wiesn“ geht, stößt eine ähnliche Sprachgewohnheit am Neckar sauer auf. „Auf den Wasen“ – so sagen zwar viele Besucher, aber für eingefleischte Cannstatter ist das ein rotes Tuch. „Der Wasen ist ein Platz, kein Fest“, sagen die Bewahrer der Tradition und erklären mit Nachdruck: „Wir feiern das Volksfest, nicht den Wasen!“

„Ohne Cannstatt kein Volksfest“, erklären die Traditionalisten

Wenn gar vom „Stuttgarter Wasen“ die Rede ist, erhebt sich Widerstand. Barbara Zander, Ur-Cannstatterin, kann es nicht fassen. Als ihr die gemeinsame Werbezeitung von Krüger Dirndl und den Wilhelmer Festbetrieben in die Hände fiel, die den Titel „Stuttgarter Wasenpost“ trägt, sträubte sich bei ihr „jedes einzelne Nackenhaar“, wie sie sagt.

„Ohne Cannstatt kein Volksfest“ – dieser Ruf hallt seit vielen Jahren am Neckar. Denn ein „Stuttgarter Volksfest“ hat es nie gegeben. Als König Wilhelm 1818 nach dem „Jahr ohne Sommer“ das Fest ins Leben rief, tat er dies auf den Neckarwiesen in Cannstatt – lange bevor die stolze „Kannstadt“ im Jahr 1905 Teil von Stuttgart wurde.

„Bei den Brüdern Atz wäre das niemals möglich gewesen“

Festwirt Michael Wilhelmer räumt den Fauxpas ein. Nicht er, sondern eine Agentur habe die Zeitung erstellt, die er mit Krüger Dirndl herausgibt. Zugleich wirbt er um Verständnis: Immer mehr internationale Gäste kämen gezielt nach Stuttgart, von Cannstatt wüssten viele gar nichts. Wenn im Titel „Stuttgart“ stehe, punkte er besser im Ausland.

Es geht bald wieder rund beim Cannstatter Volksfest.

Foto: dpa/Christoph Schmidt

Was obendrein verwirrend ist: Während es „Cannstatter Volksfest“ heißt, sagt man „Stuttgarter Frühlingsfest“. Dies liegt daran, dass die „kleine Schwester“ des Volksfestes erst entstand, nachdem Cannstatt bereits Teil der Stadt war.

Wasen oder Volksfest?

Kommt im neu entflammten Streit gar ein unterschwelliges Konkurrenzgefühl gegenüber München hinzu? Dort hat sich „Wiesn“ längst als liebevolles Synonym fürs Oktoberfest etabliert. In Stuttgart aber sehen viele die Gefahr, dass ihr Volksfest durch die Abkürzung „Wasen“ auf eine reine Kopie der Wiesn reduziert wird. Wenn in den Fernsehnachrichten verkündet wird, „der Wasen geht bald los“, sorgt das für Kopfschütteln bei den Cannstattern. „Wohin soll der Wasen denn gehen?“, fragt man sich dann. Der Streit um die richtige Bezeichnung ist für die Traditionalisten keine Haarspalterei, sondern Ausdruck von Lokalstolz und dem Willen, die eigene Kultur sichtbar zu erhalten.

Der Festwirt sagt: „Der Wasen ist zu einer Marke geworden wie die Wiesn“

Michael Wilhelmer hingegen plädiert für eine Anpassung der Sprache: „Der Wasen ist zu einer Marke geworden wie die Wiesn.“ Eine Marke, die auch im Ausland funktioniere. Nur auf die Vergangenheit zu pochen, sei nicht zeitgemäß, findet der Schwabenwelt-Chef. Den Traditionalisten gibt er zudem mit auf den Weg: „Vielleicht wäre es besser, die Cannstatter würden sich auch mal darum kümmern, wie sie ihren Stadtbezirk verschönern können.“ Der sei nämlich nicht überall attraktiv.

Zeitung wird nicht eingestampft

Die „Stuttgarter Wasenpost“ wird trotz der Proteste nicht eingestampft. Die Zeitung liegt seit dem Weindorf an vielen Orten aus. Wilhelmer verweist darauf, dass der Name „Wasen“ international gut zünde. Den Traditionalisten entgegnet er: „Man muss auch an die Zukunft denken, die Sprache entwickelt sich weiter – und da ist der Name Wasen ein guter Begriff.“

Zwischen Tradition und Moderne

Die Aufregung zeigt vor allem eines: Das Cannstatter Volksfest ist weit mehr als ein Rummel. Es steht für die enge Verbindung der Menschen zu ihrer Geschichte – und dafür, wie sensibel sie reagieren, wenn diese infrage gestellt wird. Gleichzeitig wird deutlich: Trotz all dieser Tradition denken viele an die Zukunft und haben nichts dagegen, wenn sich die Sprache weiterentwickelt. Ob man nun „Volksfest“ oder „Wasen“ sagt – am Ende bleibt es ein Fest, das Menschen zusammenführt.

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