Stuttgarter Maler: Der Herr Lesehr und seine Tante

„Ich kann nur Licht malen, wenn ich um das Dunkle weiß“, sagt Michael Lesehr.
Leif PiechowskiStuttgart - Sein Haus ist ein Museum, seine Farben bestehen aus Halbedelsteinen, seine Hände können synchron und spiegelverkehrt zeichnen, die Staatsgalerie und das Kunstmuseum haben Bilder von ihm in ihrem Besitz: Michael Lesehr ist ein unbekannter bekannter Maler.
Der Hausherr trägt Hemd, Sakko, Stoffhose und Badelatschen. Dort bleibt der Blick hängen – und wird deshalb auf einen weißen Farbklecks am Hosensaum von Michael Lesehr aufmerksam. Farbe, wo sie nicht hingehört. Ansonsten aber sitzt jeder Tupfen perfekt und ist mit Bedacht gesetzt, auf all den Gemälden, die hier hängen.
Sie zieren die Wände des gesamten dreistöckigen Hauses des Malers Michael Lesehr, das an Maurits Cornelis Eschers berühmtes Bild „Relativität“ erinnert, welches einen Raum darstellt, in dem Treppen gleichzeitig auf und ab zu führen scheinen. Es scheint aus Hunderten von Metern an Treppengeländern zu bestehen, an dem entlang man sich von Stockwerk zu Stockwerk hangelt, hoch und runter, kreuz und quer, vor allem aber von Bild zu Bild.
Im düsteren und kühlen Hausflur sind die Zeichnungen gut aufgehoben
Farbe zeigt sich allerdings erst im Keller, denn im Eingangsbereich hängen mit Bleistift und Grafit gefertigte Zeichnungen an der Wand. „Die habe ich im Halbdunkel der Bären- und Nebelhöhle gezeichnet“, sagt Michael Lesehr. „Das Papier war nach vier Stunden vollgesogen vor Nässe, ich musste es dann mit dem Haarföhn trocknen.“
Im Halbdunkel müssen die Zeichnungen denn aber auch verbleiben. Ansonsten bleichen sie aus. Deshalb sind sie im düsteren und kühlen Hausflur gut aufgehoben. Und deshalb zeigt die Stuttgarter Staatsgalerie die Zeichnungen, die sie aus dieser Reihe gekauft hat, auch nur in Sonderausstellungen. „Sie dürfen nicht ans Licht“, sagt Lesehr, der 1941 in Stuttgart geboren wurde.
Licht ist andererseits ein wichtiges Thema in all seinen Gemälden. Wir folgen dem wippenden weißen Farbtupfen in den Keller – nicht ohne uns ständig am Geländer festzuhalten, um nicht zu taumeln ob all der Bilderwucht. Farben und Formen allüberall. Im Keller tun sich hinter einer der Türen drei Räume auf, die wie Perlen an einer Kette aneinanderhängen. Im hintersten erkennt man aus der Ferne auf einer Staffelei ein großes Bild. Aus dessen Mitte wiederum erstrahlt ein Leuchten, als wäre die Leinwand transparent und dahinter ein Strahler eingeschaltet. Das Leuchten erwächst einem warmen Braunton. „Ich kann nur Licht malen, wenn ich um das Dunkle weiß“, sagt Lesehr, und: „Treten Sie ruhig näher“.
Mit jedem Schritt , den man näher kommt, sieht man sie deutlicher, die Pinselstriche, die dem Bild Konturen geben und ihm aus der Ferne betrachtet eine seltsame Dreidimensionalität mit einer hellen Mitte verleihen. „Beim Malen trete ich auch dauernd vom Bild zurück“, sagt Lesehr, der von einer Kiew-Reise („Von dort ging die Christianisierung Russlands aus“) zu einer ganzen Serie solcher „Leucht-Bilder“ angeregt wurde.
Im Dämmerlicht des Kellergangs hüpft der weiße Farbklecks über die Fliesen. Dann öffnet Lesehr eine weitere Tür. Dahinter verbirgt sich sein Heiligstes, sein Atelier. Hunderte von Pinseln warten dort in Gläsern auf ihren Einsatz, Leinwände lehnen an den Wänden und überall stehen kleine Apothekerfläschchen gefüllt mit farbenprächtigen, körnigen Substanzen.
Aber auch ganze farbige Klumpen liegen in Schälchen herum. Ist das hier ein Atelier – oder doch eine Hexenküche? „Das sind meine Halbedelstein- und italienischen Erdfarben“, sagt Lesehr. „Nachdem ich sie im Mörser oder der Farbmühle fein zerreibe, bereite ich daraus mit Leinöl, destilliertem Wasser und einem Ei eine Emulsion.“ Das Phänomen des Leuchtens ist also neben der Technik und Malkunst von Michael Lesehr auch seinen besonderen Farben geschuldet. Allein 60 Blautöne aus dem Lapislazuli stehen ihm zu Verfügung.
Aber auch mit einem schlichten Bleistift vollbringt Lesehr kleine Wunder. Oder vielmehr: mit zwei Bleistiften. Einen davon hält er in der rechten Hand, den anderen in der linken. Dann geht es los: Lesehr zeichnet beidhändig, synchron und spiegelverkehrt verschnörkelte Linien, aus denen sich eine Teufelsfratze ergeben. „Keine Angst, das ist ein guter Dämon, einer, der Sie beschützt“, sagt Lesehr, während er anfängt zu schreiben. Links natürlich spiegelverkehrt. „Mein Vater Georg Lesehr, der Bildhauer war, hat mich darauf gebracht – er selbst konnte auch beidhändig zeichnen“, erzählt Lesehr.
Zwischen Porträts und Ikonen
Lesehr, der von 1960 bis 1967 Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Manfred Henninger und Albrecht Appelhans studiert hat, geleitet weiter durch seine Bilderwelt. Im ersten Obergeschoss hängen vornehmlich Bilder von ihm selbst, dazwischen aber auch etliche Ikonen. „Meine erste, heiß ersehnte Ikone habe ich mit zwölf Jahren von meiner Mutter bekommen“, erinnert sich Leseher. Natürlich hat er sie noch. Bei einer anderen empfiehlt er, die Hand aufzulegen. „Die Ikone beschützt Sie“, sagt er.
Aber auch seine eigenen Werke sollen Kraft spenden können. 1980 stellte er im Schloss Meersburg „Der von Wolken begleitete Engel“ aus, als eine junge Frau zu ihm kam, ihm von ihrer Krebserkrankung erzählte und sagte: „Dieses Bild brauche ich neben meinem Bett, dann kann ich ruhig sterben“. Lesehr gab es ihr damals. Er selbst glaubt an Visionen, das Übersinnliche. Kurz bevor seine Mutter Lotte Lesehr-Schneider starb, die er acht Jahre lang gepflegt hat, sagte sie, die sie selbst Malerin war, ihm „nie gesehene Bilder zu senden“.
Die Stadt liegt der alten Dame zu Füßen
Derzeit pflegt Lesehr seine Tante, die ehemalige Ausdruckstänzerin Else Schneider. Sie ist 99 Jahre alt und lebt im zweiten Stock des Hauses. Michael Lesehr geleitet sie liebevoll hinaus auf den Balkon, auf dem die stolze, aber zerbrechlich erscheinende Frau an der Balustrade auf und ab geht. „Ich war Tänzerin, und ich bin heute noch ein Bewegungstalent“, sagt Else Schneider. Dann wird das Balkongelände für sie zur Ballettstange, und sie dreht eine kleine Pirouette. Die Stadt liegt der alten Dame zu Füßen.
Während die Strickjacke von Else Schneider im Wind flattert, ruht der weiße Farbklecks erstmals. Doch nicht lange. Dann führt Michael Lesehr seinen Besuch in den dritten Stock, wo die Werke seiner Mutter und seines Vaters untergebracht sind. Am Gelände entlang taumelt man wieder ins Erdgeschoss. Die Sonne draußen sieht aus wie ein Strahler hinter einer Leinwand.