Stuttgart: Warum der Fernsehturm nicht umfällt
Stuttgart - Die ersten Touristen sind schon da. Weit lehnen sie sich auf dem Parkplatz nach hinten, hantieren mit der Kamera und bekommen das Stuttgarter Wahrzeichen doch nicht ganz aufs Bild. Beeindruckend wächst der Fernsehturm auf der Waldau in den Himmel. Mächtig und doch filigran. So trotzt er auch den Windstößen, die an diesem Morgen über die Degerlocher Höhen fegen. "Hoffentlich kippt der nicht um", sagen die Besucher und lachen. Und erinnern damit unbewusst an den berühmten Erbauer Fritz Leonhardt. Dem soll morgens seine Frau immer vom Fenster aus zugerufen haben: "Er steht noch!"
Das Geheimnis, warum das bis heute so ist, verbirgt sich zu guten Teilen unter der Erde. Am Eingang wartet schon Jürgen Frank, um hinabzusteigen. Der Betriebstechniker kennt jedes Detail des Turms. Seine Augen blitzen, wenn er geradezu liebevoll von dem Bauwerk spricht - fast wie von einem Kind. "Es ist faszinierend, was Leonhardt sich damals überlegt hat", schwärmt Frank - und ergänzt trocken: "Die größte Leistung liegt aber darin, dass er dafür in Stuttgart eine Baugenehmigung bekommen hat." Auch schon in den fünfziger Jahren waren große Bauprojekte umstritten.
Über eine Leiter geht es hinunter ins Fundament. "Das hier", sagt Frank feierlich, "ist eine Stätte, die nicht jeder kennt, die aber sehr sensibel ist." 27 Meter misst die Bodenplatte im Durchmesser. Dem 3000 Tonnen schweren Stahlbetonturm wird hier ein Gewicht von weiteren 1500 Tonnen entgegengesetzt. Unter der Erde, um deren Last zu nutzen, aber auch aus ästhetischen Gründen. In der Mitte führt eine sogenannte Kegelstumpfschale hinunter zum Boden. "Leonhardt hat den Turm wie auf eine Bleistiftspitze gestellt", sagt Frank.
Unten schwer, oben leicht - wie ein Stehaufmännchen
Damit das Fundament die enormen Kräfte aushält, die darauf einwirken, ist die Bodenplatte mit Stahlträgern wie eine Radfelge konstruiert und verspannt. Um das Gleichgewicht zu wahren, sind die Wände des Turms unten 60, ganz oben aber nur noch 19 Zentimeter dick. Unten dick und schwer, oben dünn und leicht: "Der Turm ist wie ein Stehaufmännchen gebaut", sagt der Techniker, "das ist das Geheimnis, warum er überhaupt steht."
Durch diese Konstruktion ist die elegante Nadel beweglich, ohne kippen zu können. "Je nach Windstärke kann sich der Turmkorb um 30 Zentimeter zur Seite bewegen", erzählt Frank. An der Spitze der Antenne könnten es sogar eineinhalb Meter sein, so genau weiß man das nicht. Zudem dreht sich der Turm um einige Zentimeter, je nachdem, von welcher Seite und wie intensiv die Sonne ihn erwärmt.
So hält er jedem denkbaren Sturm oder Erdbeben stand. Spätere Berechnungen haben ergeben, dass die zugrunde gelegten Sicherheitswerte doppelt so hoch sind, wie sie auch im extremsten Fall hätten sein müssen. Computer gab es schließlich damals noch nicht. "Den Stuttgarter Turm haben wir mit übertrieben großen Sicherheiten bemessen, weil Neuland beschritten wurde", sagte Leonhardt dazu. Einen stabileren findet man kaum in der Welt.
762 Stufen sind es bis oben
Doch das Innere verbirgt noch mehr Geheimnisse. Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf in den Schaft. "Haltestelle Mitte" nennt Frank den Stopp in halber Höhe. Bis dorthin windet sich die Treppe im Kreis, danach zieht sie einen Zickzackkurs, weil der Platz zu eng wird. 762 Stufen sind es von unten bis oben. Den Rekord hält der Stuttgarter Treppenläufer Thomas Dold, der inzwischen Läufe auf der ganzen Welt gewonnen hat. "Als der früher in Hohenheim studiert hat, kam er öfter rübergejoggt", erzählt Annette Schmidt vom Turmbesitzer SWR. Heute lässt er sich vor allem dann blicken, wenn der Lauf auf ein Hochhaus in Taipeh bevorsteht - dort sind die Stufen gleich hoch. Rauflaufen, mit dem Aufzug runter - und das ein paarmal.
Zwischen den Betonwänden steckt heutzutage moderne Technik. Überall sind kleine Röhren zu sehen. Sie saugen Luft an und überprüfen sie auf Schadstoffe. "Wir kriegen hier einen Kabelbrand mit, bevor man ihn riechen kann", sagt Techniker Frank. Eine Stickstoff-Löschanlage ist zur Brandbekämpfung vorgesehen. Notstromkabel, Durchsagesystem, Funkempfänger: alles vorhanden. Und sogar noch eine weitere Überraschung. In der untersten Ebene des Turmkorbs findet sich neben allerlei Technik für das Café ein hochsensibles Radioaktivitätsmessgerät. Seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl misst die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg hier oben die Strahlung. Heute ist alles in Ordnung. So wie immer.
Majestätisch ist die Aussicht. Die Stadt liegt dem Besucher zu Füßen. "Der Turm ist sehr teuer im Unterhalt", sagt SWR-Frau Schmidt. Zumal inzwischen nur noch Radioprogramme von hier gesendet werden. Doch die Menschen lieben die filigrane Betonnadel. "Nur durch seine Besucher lebt der Turm", sagt Annette Schmidt liebevoll, "und das hat er auch verdient." Nichts verstellt den Blick. Nur die Polizei wagt sich mit ihren Helikoptern manchmal nah heran. "Hubschrauber füttern verboten", sagt Jürgen Frank trocken und lacht.
Die Touristen vom Morgen haben es inzwischen auf die Aussichtsplattform geschafft. Mit roten Wangen stehen sie im Wind, die Mäntel flattern. Halb belustigt, halb irritiert nehmen sie wahr, dass der Turm sich leicht bewegt. Ein paar Zentimeter nur, aber doch irgendwie unheimlich. Wie gut, dass er nicht umfallen kann.

























