Stuttgart-Album
: Schlittenvergnügen vor über 100 Jahren: „Aus dr Boah!“

Von Degerlochs Höhen ging’s steil hinab zur Wernhalde: An die einst beliebte Schlittenbahn Waldau erinnern heute mitten im Wald noch Stufen zu einer Brücke, die längst eingestürzt ist. War früher mehr Winter in Stuttgart?
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
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  • Die Waldau-Schlittenbahn im Jahr 1906 mit der Brücke im Wald, von der heute nur noch die Stufen geblieben ist.

    Sammlung Wolfgang Müller
  • Die Treppen erinnern an die Brücke über der Waldau-Schlittenbahn.

    Reinhold Weh
  • Treppen im Wald, die unterhalb der Waldau ins Nichts führen.

    Reinhold Weh
  • Schlittenbahn von Degerloch zur Wernhalde im Jahr 1908.

    Sammlung Brigitte Bonnet
  • Die beliebte Eisbahn auf der Waldau im Jahr 1910.

    Sammlung Brigitte Bonnet
  • Schlittenwiese in den 1960ern beim Bismarckturm.

    Thomas Mack
  • Skihang Piz Mus in Musberg.

    Stadtarchiv Leinfelden-Echterdingen
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Stuttgart - An den Fernsehturm war noch lange nicht zu denken. Und auch der Wasserturm ist erst 1912 gebaut worden. Anfang des vorigen Jahrhunderts trafen sich im Winter Kinder mit ihren Schlitten auf dem Hohen Bopser, um den steilen Hang zwischen Bäumen runterzusausen. Ihre Eltern nahmen derweil auf einer Holzbrücke Aussichtsplätze ein, um ihre tollkühnen Sprösslinge beim Rasen zu beobachten. „Aus dr Boah!“, hörte man im Wald. Im Weg aber standen die Zuschauer nicht. Denn die Schlittenbahn führte unter dem kleinen Überweg hindurch, unter der Kommandobrücke der Erwachsenen.

Die Treppen führen ins Nichts

Die Ansichtskarte, auf der diese Wintersport-Szene zu sehen ist, erschien im Jahr 1906 im P. Uebele-Verlag. Sie stammt aus der Sammlung unseres Lesers Wolfgang Müller. Heute, da der Winter nicht mehr genügend Schnee- und Rutschfläche zu liefern scheint, erinnern brückenlose Stufen im Wald unter der Waldau an das einstige Rodelvergnügen. Leser Reinhold Weh kennt sich in dem Wäldchen gut aus. Er gehörte zu den freiwilligen Erfassern von Kleindenkmalen in Stuttgart. Dabei fand er auf dem Weg zwischen Grillstelle und Haltestelle Weinsteige die Ruine einer Brücke mit zwei aufgeschütteten Aufgängen, mit Stufen aus Steinfliesen, die wie verzaubert ins Nichts führen. In unserer Serie „Geheimnisse des Waldes“ haben wir darüber berichtet. Heute also folgt die Postkarte aus der Zeit, als die eigentliche Brücke aus Stahl und Holz die Schlittenbahn überspannte, also ihren Zweck erfüllte.

Im Facebook-Forum unseres Stuttgart-Albums hat diese Aufnahme tolle Erinnerungen geweckt. „Ich war eine ganz Wilde“, verrät Gisela Salzer-Bothe, „und liebte das Schanzenfahren“. Stundenlang habe sie sich hier mit ihren Freundinnen vergnügt.

Oma hatte immer einen Boskop-Bratapfel im Ofen

„Von Stuttgart-Mitte schaute man immer hoch zum Haigst, ob es dort droben Schnee ,häbe’, fuhr mit der Zacke hoch und lief das Königssträßle hoch“, schreibt sie. „Wir hatten gehäkelte Leible mit Strapsergummi, braune kratzige Strümpfe, einen handgestrickten Pullover an und trugen Handschuhe am Bändel und Stiefele.“ Wenn es „halb erfroren“ und mit roten Backen nach Hause ging, berichtet die Leserin weiter, hingen an den Schnürsenkeln „Schnee- und Eisböbbele“. Die Oma habe daheim immer einen Boskop-Bratapfel im Ofen gehabt.

Brigitte Bonnet hat weitere Karten von der Waldau-Schlittenbahn (aus dem Jahr 1908) und der Waldau-Eisbahn (aus dem Jahr 1910) geschickt. „Im Gegensatz zum Rodelsport hat der Schlittschuhsport bis heute ständigen Auftrieb zu verzeichnen“, schreibt sie. Nicht ganz ungefährlich war das Waldau-Rodeln, wie Erika Lanz weiß: „Immer wieder haben Wurzeln rausgeschaut, wenn man da nicht aufgepaßt hat, hat es einen ruck-zuck rausgehauen.“ Und schon war man selbst aus „dr Boah“.

www.facebook.com/Album.Stuttgart.

Stadtgeschichtsserie sind im Silberburg-Verlag erschienen.

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