Statt Zwangsverheiratung: Aus Wut Karriere gemacht

Cennet Krischak mit ihrem Malteserhund Floki
Lichtgut/Max KovalenkoStuttgart - Vor 47 Jahren wurde Cennet Krischak im Dorf Pazarcik bei Kahramanmaras in Anatolien geboren. „Dort verbrachte ich eine glückliche Kindheit. Ich war unzähmbar, rebellisch, sehr aufgeweckt, ließ mir nichts gefallen und schlug ab und zu andere Kinder. Wo ich auftauchte und verschwand, ahnte niemand. Deshalb nannten mich alle den Geist“, erzählt sie. Cennet Krischak ist in soliden Verhältnissen aufgewachsen: „Mein Vater ist ein begnadeter Maurer, er hat viele Häuser gebaut, und mein Opa war Dorfvorsteher und reich. Armut kannte ich nicht, erst in Deutschland habe ich sie kennengelernt.“
Nach Almanya, wie Deutschland in der Türkei heißt, gingen ihre Eltern Anfang der 70er Jahre und ließen Cennet und ihre vier Geschwister zwei Jahre lang bei den Großeltern, Ende 1974 lebten dann alle erst in Esslingen, später in Stuttgart-Gablenberg. Dort gab es aber familiäre Probleme: „Meine Mutter ist reich aufgewachsen und war verwöhnt. Sie konnte kein Deutsch und jeden Tag gab es Streit. Das gemütliche Leben wie in der Türkei hatte aufgehört.“
Als ihr Vater Arbeit in einer Zeche in Nordrhein-Westfalen bekam, zog die Familie wieder um. „Damals ist meine ältere Schwester mit ihrem Freund durchgebrannt und hat ihren Verlobten sitzen lassen. Weil die Sippen der jungen Leute eng verbunden waren, wollte man die Familienehre wieder herstellen und beschloss, dass der sitzen gelassene 25-Jährige Grundbesitzersohn als Tourist nach Deutschland kommen solle, um die 13-jährige Cennet zu heiraten. „Meine Eltern holten mich von der Schule ab, und meine Mutter sagte mir im Auto: ‚Du musst Hasan heiraten.’“ Die Eltern ließen sich die Ehe vom Konsulat in Stuttgart genehmigen. „Dann fuhr man mich zu seinen Verwandten nach Frankfurt, weil es sich für die Braut nicht gehörte, im Elternhaus entjungfert zu werden. Anschließend standen wir da, ohne Wohnung und ohne Arbeit. Außerdem war ich schwanger.“
Es war Cennet, die arbeiten musste, damit ihr Mann, der als Tourist kein Arbeitsvisum besaß, in Deutschland bleiben durfte. Mit dickem Bauch schuftete sie bei rund 35 Grad acht Stunden am Tag an einer Wäschemangel. Als sie 14 Jahre alt war, kam ihre Tochter zur Welt. „Mit elf Monaten hat sie mein Mann, ohne mich zu fragen, zu seinen Eltern in die Türkei gebracht, dann begann er, selbst zu arbeiten.“ Die Ehe wurde zur Hölle: „Er brachte mich zur Arbeit, holte mich ab und schloss mich ein. Wenn ich mich mit deutschen Freundinnen traf, saß er dabei. Daheim musste ich seine Verwandten und Freunde bekochen, das waren oft 30 Leute, und wenn ich mal lachte, sagte er: ‚Warum lachst Du, ich habe Dir das nicht erlaubt.’“
Nach mehreren Selbstmordversuchen beschloss sie, etwas zu ändern. Sie wollte Bürogehilfin werden. Der Berater im Arbeitsamt war erstaunt, dass ihm jemand nur mit Grundschulbildung diesen Wunsch vortrug, aber er war von Cennets Willen beeindruckt und belegte für sie einen Deutschkurs an einer Fernschule. Dann begann ihre Ausbildung bei Thyssen mit Berufsschule und Praktikum im Betrieb. „Beim ersten Diktat in der Berufsschule hat mich meine Deutschlehrerin fast ausgelacht und gefragt, was ich in der Klasse zu suchen habe. Aus Wut ging ich in die Bücherei und nahm alle Diktatkassetten mit.“
Nur nachts fand die junge Frau Zeit zum Lernen, aber in kurzer Zeit schrieb sie fehlerfrei. Dennoch flog ich wegen Steno durch die Prüfung.“ Die Überraschung war deshalb groß, als sie dennoch übernommen wurde. Der Personalchef sagte ihr: „Was Sie angesichts ihrer Lebensgeschichte in kurzer Zeit geschafft haben, zeigt mir, welches Potenzial in Ihnen steckt.“
Sie hängte sich rein und überraschte schließlich ihren Chef durch ihre Schnelligkeit am Computer. Ihr Mann dagegen erhöhte dermaßen Druck, dass sie ohne Antidepressiva nicht auskam und er sie von einem türkischen Arzt in die Psychiatrie einweisen lassen wollte. Der Arzt bestand jedoch darauf, sie allein zu sprechen und sagte danach: „Ihr Mann gehört in die Psychiatrie. wenn er Ihnen etwas antut, melden Sie sich bei mir.“ Daraufhin entschloss sich Cennet zur Trennung. „Damals war solch ein Schritt in unserer Sippe tabu.“ Es gab ein großes Theater, und die Männer ihrer Familie und der ihres Mannes setzten sich zusammen, um über Cennets Schicksal zu entscheiden. Da ergriff die Gepeinigte die Initiative und sagte: „Ihr habt zwei Möglichkeiten: Ihr bringt mich um, oder Ihr lasst mich gehen.“ Nach einigem hin- und her brachte ihr Vater ihren Koffer und sagte: „Du darfst gehen.“
1993 zog Cennet Krischak nach Stuttgart, bekam einen Job bei der Gewerkschaft in der Datenerfassung und absolvierte Computerkurse. Sie erfuhr von Metis, einer neu gegründeten Firma, die sich mit Langzeitarbeitslosen beschäftigte. Cennet Krischak arbeitete mit, in der Verwaltung, programmierte eine große Datenbank. Weil sie nur von Akademikern umgeben war, erinnerte sie sich an das rebellische Mädchen, das sie als Kind im Dort in Anatolien gewesen war, und beschloss, sich durchzubeißen. „Ich wollte Fachinformatikerin werden. Dazu musste ich ohne Hauptschulabschluss und ohne Englisch das Arbeitsamt von einer Umschulung überzeugen.“
Doch auch diese Hürde hat sie übersprungen und ließ sich dann durch nichts mehr bremsen. Sie absolvierte Kontaktstudiengänge an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg in den Bereichen Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung. Beim Moreno-Institut in Stuttgart absolvierte sie die Weiterbildung zum Psychodrama-Practioner. Plötzlich lächelt Cennet Krischak. „Damals habe ich meinen Mann, einen Psychologen bei Metis geheiratet“, erzählt sie, „Ich würde ihn immer wieder heiraten.“ Sie bekam ein Wunschkind: das Töchterchen Kiana-Maria, das sie zur Arbeit mitnahm.
Und die Tochter aus erster Ehe? Als sie 18 Jahre alt war, rief sie ihre Mutter an und sagte: „Mama, ich will Dich sehen.“ Dann haben sich die beiden ausgesprochen und sehen sich jetzt immer wieder. „Es tut mir leid, dass ich früher nicht für sie da sein durfte, aber ich war ja selbst noch ein Kind.“ Inzwischen hat sich das Verhältnis zu ihrer Familie normalisiert, die sie ihrer Leistung wegen als Vorbild akzeptiert. Ihr Vater sagt jetzt: „Wenn man ein Goldstück in den Dreck werfe, verliert es dennoch nicht an Wert.“
In ihrem Haus in Bad Cannstatt entspannt sich Cennet Krischak bei der Arbeit in ihrem Garten oder sie besucht in ihrer Freizeit die Staatsgalerie. Stuttgart ist längst ihre Heimat geworden. „Wenn ich mit dem Flugzeug ankomme und den Fernsehturm unter mir sehe, dann geht mir das Herz auf.“