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Stadtentwicklung im Dritten Reich: Wie viel Nazi-Architektur steckt in Stuttgart?

Stuttgarts Oberbürgermeister Karl Strölin begrüßt Adolf Hitler in Stuttgart. In unserer Bildergalerie stellen wir Bauwerke in Stuttgart vor, wie sie die Nazis gerne gesehen haben.
Archiv/Presse-Illustrationen Hoffmann
Die Kochenhofsiedlung auf dem Killesberg, die 1933 unter der Leitung des Stuttgarter Architekten Paul Schmitthenner errichtet wurde, gilt als Gegenentwurf zur fünf Jahre zuvor unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe erbauten Weißenhofsiedlung. Stephan Trüby von der Uni Stuttgart „rechnet sie der sogenannten Blut-und-Boden-Architektur zu“.
Achim Zweygarth
Wohnen in der Stadt wollten die Nationalsozialisten attraktiver machen. Die Knochenhofsiedlung sollte zu einer „völkischen Brutstätte“ werden.
Archiv
Der Höhenpark Killesberg ist während der Reichsgartenschau 1939 nach Plänen von Hermann Mattern (Garten- und Landschaftsarchitektur) und Gerhard Graubner (Bauten) entstanden.
Archiv
Gerhard Graubner verwendete für seine „Ehrenhalle des Reichsnährstandes“ suggestive Steinbogenmotive, deren monumentalisierende Formensprache bei den Eröffnungsfeierlichkeiten von Walther Darré, dem Begründer der nationalsozialistischen Blut- und Boden-Ideologie, „für seine Inszenierungen einer Volksgemeinschaft gut genutzt werden konnte“, so Trüby.
Lichtgut
Nicht allen Nazi-Größen gefiel die neue Attraktion auf dem Killesberg. Einigen NS-Gartenarchitekten war die von Hermann Mattern entworfene Parkanlage zu individualistisch“, so Roland Müller, Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs.
Archiv/Manfred Storck
Das ehemalige TWS-Gebäude an der Lautenschlagerstraße galt als einzig fertiggestelltes Herrschaftsgebäude in Stuttgart. Abgerissen wurde es schließlich 2011.
Horst Rudel
Auch der Wagenburgtunnel (Bild aus dem Jahre 1959) entstand während der NS-Zeit. Er sollte zu einem die Verkehrssituation in der Stadt verbessern und zu anderem den Bürgern Schutz bei möglichen Luftangriffen bieten. Architektonisch betrachtet hat er aber keine nazispezifischen Eigenschaften.
Archiv/Wibke Wieczorek
Ein weiterer bekannter Bunker entstand unter dem Nazi-Regime am Stuttgarter Marktplatz.
Stadtarchiv Stuttgart
Ein Mal im Jahr öffnen heutzutage die später zu einem Hotel umfunktionierten Katakomben ihre Tore für Besucher. Außer dem Baudatum ist der Bunker zweckmäßig und ohne jede Nazi-Herrschaftssymbolik.
Archiv/ Hannes Kilian
Der Stuttgarter Flughafen stammt vom Reißbrett desselben Architekten, der den Flughafen Tempelhof in Berlin entworfen hat: Ernst Sagebiel. „Tempelhof folgt ganz klar der Totenburg-Ästhetik der Nazis“ sagt Stephan Trüby. Am Stuttgarter Flughafen sei diese allerdings nur noch leicht zur Flugzeugseite an der Travertinkleidung zu erkennen.
Flughafen Stuttgart GmbH
Die B 27 ist unter den Nationalsozialisten erbaut worden, der Cityring stammt aber teilweise noch aus der Vorkriegsplanung. Die Idee der Stadtautobahn fügt sich laut Trüby insofern in die städtebaulichen Planungen und Kriegsplanungen der Nazis ein, dass sie Nachschublieferungen an die Front beschleunigen sollten.
Michael Steinert
Die Travertinsäulen an der Neckartalstraße beim Viadukt in Münster wurden von Albert Speer für ein geplantes Mussolinidenkmal auf dem ehemaligen Adolf-Hitler-Platz in Berlin (heute Theodor-heuss-Platz) bestellt, aber nie abgeholt.
Lichtgut/Max Kovalenko
„Das Speer-Denkmal hätte wäre ganz klar im vergröberten neoklassizistischen Stil der staatlichen Repräsentationsbauten der Nazis gehalten“, sagt der Architekturprofessor Stephan Trüby.
Lichtgut/Max Kovalenko
Die Siedlung am Rotweg entstand trotz Vierjahresplan zwischen 1938 und 1940. Chancen auf eine Bleibe hatten hier nur Angehörige der SS, Gestapo oder andere ranghohe Nazis.
Archiv
Kurz nach der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 entsteht in Stuttgart auch die Siedlung Wolfbusch. Damit sollte vor allem die akute Wohnungsnot bekämpft werden. Gleichzeitig wollte man den „rassistisch wertvollen Volksgenossen“ eine besser Bleibe ermöglichen, wie Roland Müller, Leiter des Stadtarchivs, sagt.
Achim Zweygarth
Professor Stephan Trüby ist Institutsleiter an der Uni Stuttgart und hat bis 2014 auch in Harvard gelehrt. Der Autor vieler Bücher beschäftigt sich intensiv mit Architektur unter historischen Gesichtspunkten. Zuletzt hat er in der Fachzeitschrift „Arch+“, deren letzte Ausgabe sich mit dem Thema „Rechte Räume“ befasst, eine Debatte ausgelöst, wie moderne Architektur zu denken ist.
TU München/andreas Heddergott