Schwäbische Freunde
: Die Travestie-Lady und der OB

Ein Foto und seine Geschichte. 1991 haben sie sich beim „Gay-Day“ mit Marianne Rosenberg im Perkins Park kennengelernt: Richard Arnold, seit 2009 der OB von Schwäbisch Gmünd, und Travestielady Frl. Wommy Wonder. Eine Freundschaft unter Schwaben.
Von
Uwe Bogen
Stuttgart
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Beim Auftritt von Schlagerstar Marianne Rosenberg im Perkins Park im Jahr 1991 lernten sich Richard Arnold, der heutige OB von Schwäbisch Gmünd, und Travestie-Lady Frl. Wommy Wonder kennen. Arnold steht links neben dem Fräulein mit der Perücke

Thomas Hörner/Michael Panzer

Stuttgart - Ein Foto und seine Geschichte. 1991 haben sie sich beim „Gay-Day“ mit Marianne Rosenberg im Perkins Park kennengelernt: Richard Arnold, seit 2009 der OB von Schwäbisch Gmünd, und Travestielady Frl. Wommy Wonder. Eine Freundschaft unter Schwaben.

Wenn Michael Panzer, der seit 30 Jahren als schwäbische Diva mit großem Herz auftritt und als Frl. Wommy Wonder eine Marke ist, von jener Zeit spricht, rutscht ihm/ihr/es ein Ausruf raus wie: „Mein Gott, war ich naiv!“

Es war das Jahr 1991. Der Sohn eines Bestatters studierte Katholische Theologie in Tübingen und ahnte, dass aus einer Karriere in der römischen Kurie bei ihm nichts werden würde. Der Junge von der Alb wohnte in einem Tübinger Kellerzimmer. Seine Vermieterin, erzählt Wommy, sei praktische 1,20 Meter groß gewesen: „Sie musste sich nicht bücken, wenn sie durchs Schlüsselloch in mein Zimmer blickte.“ Vor jenem „Gay-Day“ – so hieß 1991 die Party in der Killesberg-Disco Perkins Park mit Stargast Marianne Rosenberg (ihr Hit „Er gehört zu mir“ war seit den 1970ern die inoffizielle Schwulenhymne) – hatte Panzer von seiner Clique die Nachricht erhalten, man treffe sich beim Rosenberg-Double-Abend. Alle sollten kostümiert erscheinen, so die Order. „Ich war so naiv und hab’ das geglaubt“, erzählt der 47-Jährige. Tatsächlich sei er der Einzige mit Perücke gewesen.

Der Theologiestudent fühlte sich deshalb im Perkins Park nicht wohl. Dies änderte sich schlagartig, als ihn ein junger Mann ansprach. „Dieser Hüne sah umwerfend gut aus“, erinnert sich Panzer gern daran zurück. Der Schöne habe ihn zu einem Drink an der Bar eingeladen. „Ich dachte, jetzt beginnt für mich das Leben!“ Doch dann sei es mal wieder anders gekommen. „An der Bar stellte er mir seinen Freund vor.“

Der Name dieses „umwerfend gut aussehenden Mannes“: Richard Arnold, heute ist der CDU-Politiker OB von Schwäbisch Gmünd. Auf dem Foto von 1991 steht Arnold direkt neben Wommy. Im „Stuttgart-Album“, dem Geschichtsprojekt unserer Zeitung, wurde es gepostet. Etliche Kommentatoren notierten, dass Marianne Rosenberg zickig gewesen sei. Die Verstärkeranlage habe Aussetzer gehabt, weshalb sie schlecht gelaunt und wenig fetzig sang. Wommy: „Und ich dachte, die ist sauer auf mich, weil ich als Double vor ihr saß.“

Auch Arnold erinnert sich noch gut an die Tonpanne und an seine erste Begegnung mit Wommy, die damals eine Echthaarperücke trug und nicht wie heute eine Haarpracht aus Schaumstoff. Per Mail habe ich das Foto von 1991 ins Rathaus von Schwäbisch Gmünd geschickt – eine halbe Stunde später rief mich Arnolds freundlicher Pressesprecher an, um mich sofort mit seinem ebenfalls freundlichen Chef zu verbinden. „Ach, was für ein Foto“, freute sich der 56-jährige OB, „damals habe ich 79 Kilo gewogen – heute ist es genau andersrum, es sind 97 Kilo.“

1991 war er gerade aus Brüssel zurückgekehrt, wo er am Centre for European Policy Studies gearbeitet hatte. In Stuttgart begann Arnolds Karriere im Landwirtschaftsministerium. Er wohnte am Hölderlinplatz in einer WG, die bekannt im Viertel war, weil sie vorm Haus die Freiheitsstatue aufgestellt hatte. Die Figur reckt mit der rechten Hand eine vergoldete Fackel hoch. Zu ihren Füßen liegt eine zerbrochene Kette.

Der CDU-Mann hatte sich längst die Freiheit genommen, so zu leben, wie er ist. Einer seiner Lieblingsplätze war das Jenseitz im Westen, das älteste Schwulencafé Stuttgarts, das es heute nicht mehr gibt. Auch im Kings Club von Laura Halding-Hoppenheit war er öfter. Erst kürzlich hat er die Wirtin nach langer Zeit wieder gesehen: bei der Segnungsfeier für CDU-Kreischef Stefan Kaufmann und dessen Partner Rolf Pfander, bei der Arnold einen Psalm las.

Er gehört zu mir! „Eben noch hatte Aids dem Selbstbewusstsein der Schwulen einen mächtigen Schlag versetzt – jetzt drängt es sie wieder raus aus den Schwulentreffs“, schrieb Roger Repplinger 1991 in den Stuttgarter Nachrichten über die Nacht mit Marianne Rosenberg. Dirk Wein, der in den 1990ern die Partyreihe „Boys Night“ im Perkins Park veranstaltet hat, berichtet, dass es damals „viel Gegenwind“ für ihn gegeben habe: „Nicht von außen, sondern von der Szene selbst – dort hieß es, Gaypartys gehörten nur in Gayclubs.“

Als sich der heutige OB und das ewige Fräulein kennenlernten, gab es keine Handys. Man musste Adressen aufschreiben. Über all die Jahre haben sich Arnold und Wommy immer wieder getroffen – ob nach Auftritten oder bei Freunden. Am 23. Juli feiert der Travestie-Star Premiere in der Sparda-Welt mit „Sahneteilchen de luxe“. Panzer bewundert es, wie ein homosexueller Politiker in einer konservativen Stadt so beliebt geworden ist und ihm als „Macher von Schwäbisch Gmünd“ eine noch größere politische Karriere zugetraut wird.

„Das Ja der Iren ist ein wichtiger Impuls für Deutschland“, sagt Arnold, der mit seinem vor drei Jahren verstorbenen Lebensgefährten verpartnert war. Gerade bei dessen Krebserkrankung sei die Verpartnerung für beide sehr wichtig gewesen. Die Iren sorgten nun dafür, dass sich in der CDU der Prozess pro Homo-Ehe beschleunige.

Wommy hört es gern. Und überhaupt schwärmt sie von ihrem Kumpel Richard wie in jener Perkins-Park-Nacht anno 1991: „Der ist ja nicht unattraktiv zu kriegen!“

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