Sara Maria Rilling: „Ein Kontrapunkt zur Geschäftigkeit“

Sara Maria Rilling, Tochter des Bach-Dirigenten Hellmuth Rilling, ohne Berührungsängste zur U-Musik
Leif PiechowskiStuttgart - Ein Leben voller Musik. Wie sollte es auch anders sein, wenn der Vater ein weltweit anerkannter Kirchenmusiker, Dirigent und Musikpädagoge ist und die Mutter ebenfalls Schulmusik studiert hat. „In Frankfurt bei meinem Vater“, gibt die Tochter ein wenig von der Lovestory der Eltern preis. Denn da habe sich der Lehrer in seine Schülerin verliebt und sie geheiratet.
Die Eltern haben nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch ihr Talent an ihre Töchter vererbt, denn auch Saras Schwester Rahel Maria spielt seit ihrem vierten Lebensjahr Geige und hat die Musik zu ihrer Profession gemacht. „Talent ist nur die eine Seite“, schränkt Sara Maria Rilling ein, „permanente Übung und Anstrengung sind der andere Teil des Erfolges.“ Vor allem ihre Entscheidung für das Streichinstrument Bratsche habe ihr viel Mühe abverlangt und Selbstzweifel eingebracht: „Eigentlich sind meine Hände dafür etwas zu klein. Und ich habe gehört, dass es nicht richtig klingt. Aber ich wollte dieses Instrument beherrschen, um im Schulorchester mitspielen zu können.“ Die heute 40-Jährige, in Stuttgart geboren und aufgewachsen, besuchte das Eberhard-Ludwigs-Gymnasium, das für seinen Musikzug berühmt ist. Heute klingt es auch in den Ohren der Virtuosin richtig, wenn sie den Bogen ansetzt und über die Saiten streicht: Dunkel, streng, erdig, nicht zum Himmel jubilierend wie die Geige.
„Die Bratsche ist für mich die Brücke zwischen Geige und Cello“, sagt die Künstlerin über ihr Instrument, das kaum je als Solist in Erscheinung tritt und für das es nur wenige Kompositionen gibt: „Von Mozart schrieb eine Sinfonia concertante für Bratsche und Geige, die ich oft mit meiner Schwester zusammen spiele“, berichtet Sara Maria Rilling. Sie erklang als Überraschung zum 60. Geburtstag von Mutter Martina, aber die Schwestern führen das Stück auch auf Tourneen auf. Unter der Stabführung des Vaters.
Tourneen rund um den Globus gehören zum Leben dieser Künstlerfamilie. Denn Musik verbindet weltweit. „Wir haben wirklich auf der ganzen Welt wunderbare Beziehungen und Freunde“, strahlt die junge Frau. Sie sei schon als Baby in Oregon (USA) dabei gewesen, wo ihr Vater, der Gründer der Gächinger Kantorei (1954), des Bach-Collegiums Stuttgart (1965) und der Internationalen Bach-Akademie Stuttgart (1981), im Städtchen Eugene anno 1970 das Oregon Bach Festival ins Leben gerufen habe. „Dort sind wir seither jedes Jahr im Sommer, und die Leute dort kennen mich und meine Schwester schon, seit wir so klein waren“, deutet sie in Richtung Bodennähe. Südamerika und Asien sind so selbstverständliche Ziele wie europäische Länder.
Hat sie jemals daran gedacht, etwas anderes als Musik zu machen? „Ja“, sagt Sara Maria Rilling, „da war einmal der Gedanke, etwas Soziales zu machen. Bis ich darauf gekommen bin, dass ich das mit meiner Musik verbinden kann.“
So habe sie immer wieder über längere Zeit in Venezuela gelebt und dort mit den Kindern aus den Slums Musik gemacht. „Mein Platz ist nicht in einem Orchester“, habe sie nach ihrem Studium festgestellt. Die Orchester des Vaters ausgenommen. Sie unterrichtet auch und tritt in kleineren Formationen auf: Ohne Berührungsängste vor der U(nterhaltungs)-Musik „offen für alles, auch Pop, Jazz oder wie kürzlich Tango“. Mit ihrer Schwester gründete sie vor neun Jahren das Kammermusik-Festival Hohens-taufen: „Das ist immer am letzten Septem-ber-Wochenende“, macht sie Lust und Neu-gier darauf. Ihre „schwäbische Premiere“ nennt sie aber den Auftritt am Sonntag, 17.August, auf Burg Wäscherschloss mit dem Ivy Ensemble: „Dazu gehören der Sa-xophonist Rainer Fox, der auch im Palast-Orchester von Max Raabe spielt, und der Jazzcellist Martin Klenk“, erzählt sie. Und dass sie bei diesem Auftritt improvisieren, ganz ohne Noten: „Die Musik ist meditativ und sphärisch und erinnert an die Klangwelten der isländischen Band „Sigor Ros“ und des norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek. Wir wollen einen Kontrapunkt zur Geschäftigkeit unserer Zeit setzen.“
Zu Sara Rillings Leben voller Musik gehört auch die Harmonie, ohne die der Wohlklang gestört wäre: „Ich habe eine wunderbare und sehr enge Beziehung zu meinem Vater, meiner Mutter und meiner Schwester“, versichert sie. Die Bitte des Vaters, seine Biografie zu schreiben, hat sie daher mit Begeisterung erfüllt: „Ich schreibe seit ich denken kann, Tagebuch. Denn schreiben macht mir wirklich große Freude.“ Vielleicht sei ihr nächstes Thema Familie und Leben ihrer Mutter, die jüdische Wurzeln hat und die Enkelin des Komponisten Robert Kahn (1865-1951) ist.
Das Klavier hat sich für Sara Maria Rilling, die „Großstadt-Sehnsucht“ 1997 nach Berlin trieb, doch noch als Schicksalsinstrument erwiesen: „Als ich einen Mann kennenlernte, der fantastisch Klavier spielen kann und den ich gefragt habe, ob er mit mir vierhändig spielt.“ Das tun sie seither oft, denn im Juni hat sie den Historiker und Buchautor Carsten Kretschmann, geheiratet.
Kultur im Wäscherschloss: Matinee mit Sara Maria Rilling und den Ivy-Ensemble am Sonntag, 17. August, um 11 Uhr. http://www.burgwaescherschloss.de/veranstaltungen/aktuelle-termine.html