Prostitution in Stuttgart: Stadt will illegale Bordelle vertreiben

Im Leonhardsviertel prägen nachts die Prostituierten und das vorwiegend männliche Partyvolk das Stadtbild
Max Kovalenko/PPFDie Anwohner in Stuttgarts ältestem Stadtteil – der Altstadt – schlagen Alarm: Die Prostitution ufert immer weiter aus. Ordnungsbürgermeister Martin Schairer verspricht, die illegalen Bordelle aus der Stadt herauszuklagen. Den Anwohnern dauert dieser Weg zu lange.
Stuttgart - Prostitution in der Stuttgarter Altstadt gibt es schon lange. Doch in den vergangenen Monaten hat sich die Situation dort zugespitzt. Anwohner klagen, dass die Prostitution von der Leonhardstraße in ihre Viertel schwappt. Sie befürchten, dass die Altstadt, in der sich täglich etwa 100 Prostituierte auf dem illegalen Straßenstrich anbieten, verkommt. Bedenken, die nicht nur die Gäste auf dem Podium der „Mittendrin“-Veranstaltung unserer Zeitung zum Thema „Die bedrohte Altstadt“ teilen. Der Veranstaltungssaal im Bischof-Moser-Haus im Bohnenviertel ist voller Zuschauer, die von der Stadt eine Lösung erwarten.
„Die Prostitution im Leonhardsviertel ist sichtbarerer geworden, außerdem sind die Frauen extrem jung“, beschreibt Sabine Constabel, die im Leonhardsviertel mit dem Café La Strada eine Anlaufstelle für Prostituierte aufgebaut hat, die Veränderungen im Stadtteil. Rudolf Reutter, Wirt der schwäbischen Traditionsgaststätte Schellenturm, hat sich aus gutem Grund an einer Unterschriftenaktion gegen Prostitution im Viertel beteiligt: „Unsere Gäste werden auf der Straße von den Prosituierten angesprochen und angefasst. Wem das passiert, der kommt kein zweites Mal.“ Früher habe man mit den Prostituierten Abmachungen getroffen und sich gegenseitig respektiert.

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Stuttgarter Nachrichten„Wie kann es sein, dass die Stadt bei solchen Zuständen nicht eingreift“, will Lokalchef Jörg Hamann von Schairer wissen. „Wir haben kaum eine gesetzliche Handhabe, dagegen vorzugehen“, sagt Schairer. Schließlich sei Prostitution in Deutschland legal. Er plädiert daher für eine stärkere Regulierung von Prostitution.
Etwa 3000 Prostituierte kommen im Jahr nach Stuttgart. Rund 600 verkaufen pro Tag ihren Körper, bevor es nach kurzer Zeit in eine andere Stadt geht. Vier von fünf Frauen gehen schätzungsweise ihrem Gewerbe nicht freiwillig nach. „Für die meisten Prostituierten ist es, wie jeden Tag mehrmals vergewaltigt zu werden“, sagt Constabel. Viele landen jedoch aus Armut im Rotlichtmilieu. Eine von ihnen ist Marie, die anonym bleiben möchte.
Mit 40 Jahren wurde sie zur Prostituierten, obwohl sie einen Realschulabschluss und einen Beruf gelernt hat. „Wie konnte es dazu kommen?“, fragt Redakteurin Eva Funke. „Es geschah aus finanzieller Not“, erzählt Marie. Erst nach drei Jahren gelang ihr der Ausstieg. Heute weiß sie, dass sie dieser Schritt in die Prostitution traumatisiert hat. Reich gemacht hat sie der Job aber nicht: „Die Perspektive ist Altersarmut.“ Auf die Frage, welche Männer ihre Dienste in Anspruch nahmen, zeigt sie ins Publikum: „Das könnte hier jeder dritte sein.“ Die Wünsche der Freier seien ihr oft zu weit gegangen.
Um das Problem in den Griff zu bekommen, setzt Schairer auf Polizeipräsenz und plädiert für eine Kondompflicht und Gesundheitskontrollen der Prostituierten. Außerdem kämpft die Stadt gegen illegale Bordelle vor Gericht. „Wir können diese nur verklagen, wenn sie gegen das Baurecht verstoßen“, erläutert er. Den aufgebrachten Anwohnern im Publikum, denen dies zu lange dauert, antwortet Schairer: „Wir werden die Rechtsverfahren gewinnen und die illegalen Bordelle aus der Stadt vertreiben.“ Außerdem habe auch der Gemeinderat das Problem erkannt. „Ich will den Anwohnern Hoffnung machen: Die Stadt hat einen Bebauungsplan für das Leonhardsviertel. Doch komplett werden wir die Prostitution hier nicht verhindern können.“