Posse um gesperrten Park
: Teile des Eichenhains werden geöffnet

Sillenbuch ist in Aufruhr, seitdem die Stadt wegen Astbruchgefahr im Naturschutzgebiet Eichenhain Zäune aufgebaut hat. Der Zorn der Menschen entlädt sich in blinder Zerstörungswut. Nun bahnt sich eine Lösung an. Ob die dauerhaft Frieden bringt, ist indes fraglich.
Von
Caroline Holowiecki
Stuttgart
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Weil Gefahr durch herabfallende Äste bestehen könnte, ist an dieser Stelle eigentlich kein Durchkommen mehr. Die Anwohner ärgert das, sie drücken vielerorts die Absperrungen einfach zur Seite.

Caroline Holowiecki

Notdürftig sind die losen Enden der Drähte aufgerollt und zur Seite gebogen, an anderer Stelle hängt der Draht einfach nur schlapp am Boden. Der schlichte Zaun, den das städtische Garten-, Friedhofs- und Forstamt im Eichenhain in Sillenbuch aufgebaut hat, ist zerschnitten worden. Vor Bänken und am Spazierweg durchs Naturschutzgebiet wurde Hand angelegt. Absperrgitter wurden weggeschoben, sämtliche Warnschilder der Stadtverwaltung wurden zudem heruntergerissen. Die Zerstörungswut im Eichenhain ist eine Eskalation im Streit, der Sillenbuch seit Ende 2024 beschäftigt.

Bei Kontrollen wurden Schäden entdeckt

Im Zentrum: Unstimmigkeiten zwischen der Stadt und dem Regierungspräsidium Stuttgart (RP). Die Stadt hat im Eichenhain die Verkehrssicherungspflicht, und bei einer Kontrolle hat das Fachamt Schäden an den teils jahrhundertealten Bäumen festgestellt. Es bestehe Astbruchgefahr, manche der prägnanten Eichen seien nicht standfest. Brüchige Äste am und über dem Hauptweg sind Ende 2024 entfernt worden. Für weitere Pflegemaßnahmen hat das RP jedoch zunächst keine Befreiung von Verboten der Naturschutzgebietsverordnung erteilt, weil flächendeckende Schnittmaßnahmen oder gar Fällung nicht mit dem Schutzzweck des Naturschutzgebiets zu vereinbaren seien.

Wütende Anwohner reißen die Verbotsschilder runter.

Foto: Caroline Holowiecki

Bis geklärt ist, wie es weitergeht, hat die Stadt besagten 1200-Meter-Zaun aufgebaut, denn sollte jemand verletzt werden, ist sie in der Haftung. Nun kommt aber doch Bewegung in die Sache. Am Mittwoch hat das RP bekannt gegeben, dass man sich „in konstruktiven Gesprächen auf eine vorläufige Lösung im aktuellen Zielkonflikt“ verständigt habe. Bereits an diesem Donnerstag und Freitag sollen neue Arbeiten im Eichenhain starten. In Bereichen, die besonders frequentiert sind – rund ums Elly-Heuss-Knapp-Denkmal, an Sitzbänken und an stark genutzten Ein- und Ausgängen –, werden durchs RP vorsichtige Schnittmaßnahmen und Totholzentnahmen ermöglicht.

Zudem sollen die eingezäunten Flächen verkleinert werden. „Eine Entfernung der vorläufigen Zäune wird jedoch aus Gründen der Verkehrssicherung nur eingeschränkt möglich sein“, stellt das RP klar. Die Sicherheit der Menschen im Eichenhain habe höchste Priorität, wird betont.

Diejenigen, die geschützt werden sollen, die Bürger, ärgern sich jedoch maßlos über den Zaun. Weil sie sich durch ihn „gegängelt“ fühlen, weil sie ihn als unsinnig empfinden, weil sie sich ästhetisch nicht damit anfreunden können, weil eine Handvoll Bänke derzeit hinter dem Zaun liegt. Durch den Vandalismus ist der Stadt bereits ein Schaden in Höhe von 2000 Euro entstanden, sagt der Sprecher Oliver Hillinger. „Der Eichenhain wird mehrmals pro Woche von städtischen Mitarbeitern angefahren“, der Zaun sei schon zweimal repariert worden. Die Stadt habe Anzeige erstattet.

Den Behörden scheint es zu gefährlich, auf dieser Bank zu sitzen. Darum steht es hinter einem Zaun.

Foto: Caroline Holowiecki

Viele Sillenbucher haben ein inniges Verhältnis zum Eichenhain. Die Suche nach Erholung und die Tatsache, dass das Gebiet seit bald 80 Jahren unter Naturschutz steht, kollidieren immer wieder. Als 2017 gerodet wurde, um den durch Verbuschung bedrohten einzigartigen Magerrasen und die zu eng stehenden uralten Eichen voranzubringen, gab es massive Proteste, es wurden sogar Grablichter aufgestellt. Zoff gab es auch, als 2022 an der Hangkante Weidezäune aufgebaut wurden, um einem Schäfer, der aus Naturpflegegründen engagiert worden war, die Beweidung zu ermöglichen.

Ein Weidezaun soll sich harmonisch in die Landschaft einfügen

Fakt ist: Abseits der Hauptwege ist im Eichenhain sowieso kaum etwas erlaubt. Entgegen der Annahme, es handle sich um einen normalen Park, sind im Gebiet mit der besonderen Flora und Fauna Kinderspiele, Picknicks, Hunde ohne Leine oder Fahrräder auf Trampelpfaden verboten. Schilder weisen vor Ort darauf hin. In der Praxis wird jedoch permanent gegen Verbote verstoßen.

Daher werden die Arbeiten in den kommenden Tagen auch nicht die letzten sein. Um die verschiedenen Interessen im Eichenhain langfristig miteinander in Einklang bringen zu können, beabsichtigt die Stadt durch ein Rechtsgutachten zu untersuchen, welchen Umfang ihre Verkehrssicherungspflicht vor Ort hat. Auf dessen Basis sollen dann langfristige Maßnahmen umgesetzt werden. Das RP erklärt: „Eine Option könnte die Errichtung eines sich harmonisch in die Landschaft einfügenden Weidezauns, vergleichbar dem Weidezaun am Hangkantenweg, sein.“

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