Ostendplatz in Stuttgart
: Der Ort, an dem Linke und Rechte zusammenwohnen

In einem Wahlbezirk in Stuttgart-Ostheim leben besonders viele AfD-Wähler mit Linke-Wählern Tür an Tür. Wie viel von der Spaltung im Land erkennt man am Ostendplatz?
Von
Erdem Gökalp
Stuttgart
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Der Ostendplatz ist laut Statistik ein Ort, an dem besonders verschiedene politische Lager aufeinander treffen.

STZN/Erdem Gökalp

Das Stuttgarter Viertel, in dem besonders viele Rechte und Linke in direkter Nachbarschaft wohnen, offenbart zunächst wenig von dem Konflikt, den man hier erwarten würde. Die Nachbarschaft östlich vom Ostendplatz zwischen Ostend- und Talstraße gleicht mehr einer Oase, die für alle Verkehrsmittel eine sehr gute Anbindung zum Rest der Stadt hat. Erst auf den genaueren Blick erkennt man Teile der Spannungen, die im ganzen Land spürbar sind.

In seinem jüngst erschienen Buch „Wo wir wie wählen“ analysiert der Soziologe Ansgar Hudde die Bundestagswahlergebnisse von 2021 und 2025. Er vergleicht darin, wie unterschiedlich Nachbarschaften wählen – und wo sie besonders stark vom Durchschnitt abweichen. In seiner Auswertung des Wahlverhaltens zeigt sich: In Stuttgart treffen am Ostendplatz gleich drei unterschiedliche Wahlmuster zusammen. Östlich der Ostendstraße leben besonders viele AfD- und Linke-Wähler zusammen, beide Parteien kamen dort im Urnenwahlergebnis auf über 20 Prozent. Drumherum liegen Wahlbezirke, in denen eher gewählt wird wie im Bundesschnitt. Westlich davon liegt eine Nachbarschaft, die von hohen grünen (24,1 Prozent) und linken (19,4 Prozent) Stimmanteilen geprägt sind.

Welche Gefahren Hudde in einer zunehmenden Polarisierung sieht und warum ein Großteil von Stuttgart zu „Typischdeutschland“ zählt, erklärt unsere ausführliche Datenanalyse.

Streit um Hafermilch

In einem Kiosk am Ostendplatz bekommt eine Mitarbeiterin die vielfältige politischen Lager um den Ostendplatz ziemlich genau mit. Das zeige sich bei Konfliktthemen: Frauen, Ausländer und Hafermilch. Viele jüngere Kunden kämen wegen der hochwertigen Kaffegetränke aus der La Marzocco-Kaffemaschine. „Wir fragen immer, ob man mit Kuh- oder Hafermilch will“, sagt die Verkäuferin. Doch als Reaktion kämen gelegentlich auch politische Diskussionen zustande. „Dann heißt es manchmal, das sei keine echte Milch“, sagt sie weiter. Ein andere Kunde habe immer eine Kappe auf, auf der ein AfD-Schriftzug aufgemalt wurde. Andere kaufen regelmäßig Rubbellose und ärgern sich jeden Tag aufs Neue, dass ihnen das Glück verwehrt geblieben ist.

Bei einem Spaziergang durch die Nachbarschaft, in der besonders viele Linke- und AfD-Wähler leben, muss man etwas genauer hinsehen und -hören, um auch hier Spannungen zu erkennen. Zum einen ist da die besondere Geräuschkulisse. Es ist das schrille Quietschen von Stadtbahnen auf Schienen, das sich überschlagende Donnern von Autolärm und Beben von Bussen. Täglich fahren tausende Menschen zwischen Hölderlinplatz und Untertürkheim auf der U4, in der Buslinie 42 und 45 in die Innenstadt oder nach Bad Cannstatt und auf dem Verkehrskoloss Talstraße mit dem Auto zwischen Bad Cannstatt und Wagenburgtunnel. Direkt an diese Verkehrsstränge grenzen die von Smog und Staub bedeckten Wohnhäuser, in denen die Bewohner Ostheims nur wenige Meter entfernt den Dreck der Stadt einatmen und den Lärm ertragen.

Hohe Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund

Wenn man sich in dieser Gegend genauer umschaut, erkennt man noch weitere Auffälligkeiten. Die Klingelschilder offenbaren nur wenige „biodeutsch“ klingende Namen. Laut Zahlen des Statistischen Amtes der Stadt ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund bei 60,5 Prozent.

Wenn man den Ostendplatz verlässt und ein paar Meter Richtung Ostendstraße läuft, trifft man vermehrt auf Menschen, die sichtbar so genannten sozial anfälligen Gruppen zugeordnet werden können. In einer Raucherkneipe schenkt ein Barkeeper schon am Vormittag Schnaps aus. Für sich und einen Kunden. Vor einem Drogeriemarkt sitzen häufig Bettler auf dem Boden. Ein paar Meter weiter ist eine Verkehrsinsel mit Sitzbänken. Dort kommen oft Menschen zusammen, die sich betrinken und laut Musik hören. Eine Sprecherin der Polizei beschreibt diesen Bereich als Ort, wo sich Menschen aus der Trinker- und Obdachlosenszene aufhalten. Die Beamten würden hin und wieder zu Ordnungswidrigkeiten dorthin gerufen werden. Man kenne sich, der Umgang sei meistens respektvoll.

Die Probleme des Landes

Jemand, der die Nachbarschaft besonders gut kennt, ist Heiko Blocher. Der 46-Jährige betreibt seit sechs Jahren am Eduard-Pfeiffer-Platz sein Café Schwarzmahler. „Man merkt, dass sich in manche Bereichen hier in Ost die Probleme des Landes besonders deutlich auswirken“, sagt er. Vor der jüngsten Bundestagswahl habe es eine politische Diskussion vor seinem Laden gegeben. Ein Stammkunde habe sich abwertend über Ausländer geäußert. „Dem habe ich das nächste Mal gesagt, dass wir in unserem Laden keinen Platz für so eine Meinung haben“, sagt er. Doch werde man in seinem Laden nicht nach der Gesinnung überprüft. Jeder sei willkommen. Das ginge auch gar nicht anders, gerade an einem Ort wie Stuttgart-Ost.

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