Neuer Lustgarten in Stuttgart
: Wie Mundart-Aktivisten KI zur Kulturpflege nutzen

Mundartvereine bauen in der Kulturvermittlung auf KI und Videospiele. Ein kurzes Video über den 1635 ermordeten Baumeister Heinrich Schickhardt dient als Anschauungsbeispiel.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Szene aus dem Video „SOS-Streets of Stuttgart 2.0 //  Saving Heinrich Schickhardt": Im Hintergrund das einst größte und prächtigste Gebäude Stuttgarts, das Neue Lusthaus, von dem sich nur wenige Überreste erhalten haben.

Szene aus dem Video „SOS-Streets of Stuttgart 2.0 // Saving Heinrich Schickhardt": Im Hintergrund das einst größte und prächtigste Gebäude Stuttgarts, das Neue Lusthaus, von dem sich nur wenige Überreste erhalten haben.

Verein schwaebische mund.art/Förderverein Schwäbischer Dialekt
  • Schwäbische mund.art und Förderverein nutzen KI für ein schwäbisches Videospiel in Stuttgart.
  • Kurzvideo zeigt den Mord an Baumeister Heinrich Schickhardt 1635 – eine Figur soll ihn retten.
  • Das Neue Lusthaus wird digital rekonstruiert, innen wie außen erlebbar mit Lustgarten und Tanzsaal.
  • KI macht die Aufbereitung von Archivmaterial günstiger, sagen die Initiatoren um Pius Jauch.
  • Geplant sind weitere Episoden und Spiele mit Partnern wie Games-BW und Staatliche Schlösser und Gärten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wer beim Gedanken an die Vereine Schwäbische mund.art und Förderverein Schwäbischer Dialekt an betuliche Folklore denkt, der dürfte sich beim Betrachten des Videos „SOS-Streets of Stuttgart 2.0 // Saving Heinrich Schickhardt“ die Augen reiben. Unter der Regie von mund.art-Vorstandsmitglied Pius Jauch haben die organisierten Schwaben mit Hilfe generativer KI ein zukunftsweisendes Projekt regionaler Erinnerungskultur gestartet. Der Verein spricht selbstbewusst - und auf Schriftdeutsch - von einer „Revolution“.

Konkret geht es um ein schwäbisches Videospiel in geschichtsträchtiger Kulisse. Die kurze, knapp zweieinhalbminütige Geschichte handelt vom gewaltsamen Tod des Baumeisters Heinrich Schickhardt, der 1635, mitten im Dreißigjährigen Krieg in Stuttgart von Söldnern ermordet wurde, als er einer  Frau zur Hilfe eilte, die von den Soldaten bedroht wurde. Die Video-Entwickler fügten der Kurzgeschichte, in der allgemeinverträglich geschwäbelt wird, eine ausgedachte Figur hinzu. Sie soll den Mord an dem berühmten Baumeister verhindern.

Eindrucksvoll ist die digitale Rekonstruktion des 1584 bis 1593 im Auftrag Herzog Ludwigs errichteten Neuen Lusthauses, des seinerzeit größten und prächtigsten Gebäudes der Stadt. „Ausgehend von alten Plänen, Stichen und Federzeichnungen wird der herzogliche Lustgarten im Herzen der Residenzstadt wieder zum Leben erweckt und das bis auf einen kleinen Überrest zerstörte Neue Lusthaus - eines der bedeutendsten Gebäude der deutschen Spätrenaissance - innen wie außen dargestellt“, erklärt der Verein: „Die Wasserbassins, das überlieferte Deckengemälde und der Tanzsaal im ersten Geschoss sowie der umlaufende Arkadengang werden erlebbar gemacht.“

Möglich ist das durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. „Archivmaterial vom Staub der Jahrhunderte zu befreien und filmisch zum Leben zu erwecken, war bisher nur mit enormem finanziellen Aufwand möglich“, erklärt Pius Jauch. Nun böten sich bisher ungeahnte Möglichkeiten. Vorausgegangen war dieser  Produktion 2023 das Videospiel: „SOS-Streets of Stuttgart 2.0“, laut schwäbische-mund.art eines der medial erfolgreichsten Projekte des 1997 gegründeten Vereins.

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Das neue Schickhardt-Video soll als Anschauungsbeispiel dienen. „Wir wollen zeigen, wohin die Reise gehen kann“, erklären die Mundart-Aktivisten. In Zukunft wollen die beiden Mundartvereine Kulturvermittlung verstärkt im Zusammenhang mit Videospielen denken. In Kooperation mit der Games-BW-Förderung der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und den Staatlichen Schlösser und Gärten könnten schon in naher Zukunft Computerspiele realisiert werden, die den Vergleich mit international erfolgreichen Bestellern nicht zu scheuen brauchten, betont Jauch. Baden-Württemberg habe mit dem Höchstleistungsrechenzentrum in Stuttgart, dem IPAI Heilbronn und anderen Kompetenzzentren „alles, was es zur erfolgreichen Positionierung im Bereich Technologie/KI und Kultur braucht“.

Erkennt die Landesregierung das Potential?

Der Schwäbische-mund.art-Vorsitzende Wolfgang Wulz hat die Hoffnung, „das die Landesregierung das enorme Potential des technologischen Fortschritts auch im Hinblick auf die Pflege der kulturellen Vielfalt in THE LÄND erkennt“. Für Jauch ist klar: „Alles, was den Anschluss an die technologischen Entwicklungen verliert, verschwindet schneller denn je aus dem Bewusstsein. Wenn es uns jedoch  gelingt, kulturelle Inhalte aus dem lokalen Raum über solche Systeme darzustellen, können nachfolgende Generationen auf bisher ungeahnte Weise damit spielen.“ Auch für Wulz ist klar: „Die fortschreitende Nutzung generativer KI macht es erforderlich, Kultur- und Sprachbestände zu digitalisieren und in Datenräumen bereitzustellen.“

Eine Video-Szene aus dem Inneren des Neuen Lusthauses

Eine Video-Szene aus dem Inneren des Neuen Lusthauses

Verein Schwäbische mund.art/Förderverein Schwäbischer Dialekt

Der Rottenburger Oberbürgermeister Stephan Neher, der auch Vorsitzender des Fördervereins Schwäbischer Dialekt ist, betont: „Ein Datenraum schwäbisch-alemannische Kultur, der über Jahrzehnte digitalisiertes Material zusammenführt, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an die wir uns gerne machen wollen.“ Pius Jauch sieht die Entwicklung mit Freude: „Daraus können wir in Zukunft die herrlichsten Dinge schöpfen“. Allen, die wissen wollen, wie es mit der Geschichte mit Heinrich Schickhardt weitergeht, verspricht er:  „Weitere Episoden sind in Arbeit.“

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