Mörike-Gymnasium Stuttgart feiert Jubiläum: Ein Dichter macht Schule

Die Schülerinnen der Klasse 1 a im Jahr 1961.
Archiv Evangelisches Mörike-GymnasiumStuttgart - „Frühling läßt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte“ – die ersten Verse von Eduard Mörikes Gedicht „Er ist’s“ sind sicher vielen geläufig. Für die gleichnamige Schule in der Arminstraße im Stuttgarter Süden hält dieser Frühling allen Grund zum Feiern parat: Seit 175 Jahren besteht das ehemalige Mädchengymnasium.
Die Geschichte der Schule beginnt eigentlich schon fünf Jahre früher: 1836 stellen Friedrich und Charlotte Reihlen einen Hauslehrer für die beiden Söhne und Tochter Elise ein. Bald besuchen auch die Töchter befreundeter Familien den Unterricht von Friedrich Weidle. Die Väter gründen 1841 das Weidle’sche Töchter-Institut, Schulleiter ist der Namensgeber. „Seine Kompetenz und Fähigkeit zu unterrichten waren ausschlaggebend für den Bestand der Schule“, sagt Schulleiterin Sonja Spohn.
Schon 15 Jahre später besuchen rund 500 Schülerinnen das Institut. 1906 genehmigt König Wilhelm II. die Schulstiftung für das Evangelische Töchter-Institut, wie die Schule nach Weidles Tod heißt. Bis heute ist die Evangelische Schulstiftung Stuttgart Träger des Mörike-Gymnasiums, der Johannes-Brenz-Schule und des Heidehof-Gymnasiums. Nach mehreren Standortwechseln weiht Schulleiter Hermann Class 1929 das neu erbaute Gebäude in der Arminstraße ein, dort befindet sich die Schule noch immer.
Der Nationalsozialismus geht nicht spurlos vorüber
Hitlers Diktatur hinterlässt Spuren: 1937 wird die Schulstiftung abgeschafft, die Stadt Stuttgart übernimmt das Töchter-Institut. In dieser Zeit bekommt die Einrichtung den Namen „Mörike-Oberschule“. Warum ausgerechnet der romantische Dichter Eduard Mörike? „Man hat sich einfach der benachbarten Mörikestraße bedient, aber Mörike war auch Literatur-Lehrer am Königin-Katharina-Stift und evangelischer Pfarrer“, sagt Thomas Held, Mitglied im Stiftungsrat der Evangelischen Schulstiftung. Der Dichter war eine unverfängliche Lösung, der Bezug zur Kirche blieb durch ihn bestehen.
Nach dem Krieg geht die Schule wieder zurück an die Evangelische Schulstiftung und erhält schließlich den Namen Evangelisches Mörike-Gymnasium. Mit rund 1100 Schülerinnen und zwei Ablegern in Degerloch und Möhringen ist sie die größte Privatschule Süddeutschlands. Jahrzehnte später, im Schuljahr 1979/80, kommen schließlich die Jungs. Heute ist der Anteil an Jungen und Mädchen unter den rund 700 Schülern ungefähr gleich. Im Schuljahr 2012/13 folgt ein weiterer Meilenstein, die Evangelische Mörike-Realschule nimmt den Unterrichtsbetrieb auf.
Einiges hat sich auch in 175 Jahren nicht geändert
Eine bewegte Zeit liegt hinter der Schule, einiges hat sich laut Spohn aber auch in 175 Jahren nicht verändert: „Grundlage ist nach wie vor das Evangelium, und wir fördern das Bewusstsein der Schüler für sich selbst und für andere.“ Die Kinder und Jugendlichen würden als individuelle Persönlichkeiten wahrgenommen.
Anlässlich des Jubiläums erscheint eine Festschrift, die gleichzeitig eine neue Ausgabe des „Turmhahns“ ist. Das Magazin publiziert die Schule seit etwa 50 Jahren mal jährlich, mal in größeren Zeitabständen. Der Titel basiert auf Eduard Mörikes Gedicht „Der alte Turmhahn“. Schüler der Oberstufe, die am Seminarkurs teilnehmen, haben ihre Arbeiten in gekürzter Version beigetragen. Im „Turmhahn“ finden sich zum Beispiel Interviews mit Ehemaligen, Artikel über die Geschichte des Gebäudes oder die Einführung des Spanisch-Unterrichts. Die Schüler waren nicht nur an der Festschrift beteiligt, sie haben auch die Wände der Schule mit Gemälden tapeziert. „175 Jahre EMG“ prangt auf jedem, dazu Fotos oder Zeichnungen vom Schulgebäude oder Porträts der Gründer. Auf einem Bild schwebt die Schule an Luftballons über Stuttgart – die Poesie eines Eduard Mörike lässt grüßen.
Feiern zum Jubiläum: Donnerstag, 3. März um 16.30 Uhr Gottesdienst in der Stiftskirche, ab 18.30 Uhr festlicher Abend im Hospitalhof. Am Dienstag, 3. Mai um 19 Uhr Vortragsabend im Festsaal des Mörike über Charlotte Reihlen. Ein Ehemaligentreffen im größeren Kreis soll 2017 nach dem Abschluss der Sanierungsarbeiten stattfinden.