Lange Einkaufsnacht: Stuttgart strahlt

Die Lange Einkaufsnacht „Stuttgart leuchtet“ mit großer Illumination am Königsbau
Lichtgut/Ferdinando Iannone (Archiv)„Stuttgart leuchtet!“ Ein kraftvolles Motto steht über der Langen Einkaufsnacht an diesem Samstag. Die City-Initiative kündigt ein „Lichtermeer“ an, „Ballonglühen“ am Eckensee und „Illumination des Königsbaus“. Dazu einen „Artwalk“ in der Tübinger Straße. Eines kann man jetzt schon sagen: Das Stuttgart-Bild wird ein anderes sein, als am vergangenen Wochenende. Da brannte nach der von Armleuchtern gekaperten Gen-Z-Demo am Abend die Luft.
Jetzt brennt die Stadt auf Shopping bei elektrischem Kerzenschein. Allerdings kommt einem die eingängige Leucht-Reklame der City-Initiative „Stuttgart leuchtet“ seltsam bekannt vor. Beleuchtet man die Sache näher, landet man unweigerlich in München. Die bayerische Landeshauptstadt leuchtet nämlich schon seit 65 Jahren! So alt ist die Auszeichnung „München leuchtet“, mit der Personen geehrt werden, die sich in der Isar-Metropole durch ehrenamtliches Engagement hervortun. Zugleich hat sich „München leuchtet“ zum inoffiziellen München-Slogan entwickelt.
Entnommen ist die glänzende Formulierung der Novelle „Gladius Dei“ von Thomas Mann. Darin heißt es: „München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitags." Merke erstens: Die Illumination in München ist natürlichen Ursprungs. Und zweitens: Mit Säulentempeln und Barockkirchen kann Stuttgart nicht dienen. Das muss auch kein Schaden sein.

Thomas Mann war während der NS-Zeit im Exil in den USA. 1955 besuchte er Stuttgart und hielt dort einen Festvortag zum 150. Geburtstag von Friedrich Schiller.
IMAGOSchade ist dagegen, dass sich die Formulierung „Stuttgart leuchtet“ bei Thomas Mann nicht findet. Erwähnenswert ist jedoch, dass er am 8. Mai 1955, wenige Wochen vor seinem Tod, in der Stuttgarter Oper eine fulminante Rede zum 150. Todestag Friedrich Schillers gehalten hat. Sein Stuttgart-Besuch war zugleich eine Geste der Versöhnung mit deutschen Kulturschaffenden, die während der NS-Zeit nicht ins Exil gegangen waren. Das Thema sprengt den Rahmen einer Langen Einkaufsnacht.
Man kann an dieser Stelle jedoch festhalten: Stuttgart braucht werbetechnisch ein eigenes Leuchtmittel. Wie wär's mit „Stuttgart strahlt“? Passt auch besser zum Anspruch seines Oberbürgermeisters, der in Stuttgart den „Stern des deutschen Südens“ sieht. Frohes Shopping allerseits!
