Ladenschließung in Stuttgart
: Bonus-Markt muss aufgeben – Nahversorgung gefährdet

Ende September wird der Bonus-Markt an der Rohrer Höhe in Vaihingen schließen. Wie steht es nun um die Nahversorgung vor Ort?
Von
Torsten Ströbele
Stuttgart
Jetzt in der App anhören

2007 hat der Bonus-Markt an der Rohrer Höhe seine Türen geöffnet.

Archiv Rebecca Stahlberg

Der Kühlschrank ist leer, das Waschmittel verbraucht, und auch der Getränkevorrat neigt sich dem Ende zu: Was für die meisten Stuttgarterinnen und Stuttgarter kein wirkliches Problem darstellt, kann für einige Menschen zu einer großen Herausforderung werden – vor allem, wenn man nicht mehr gut zu Fuß ist, ohne Auto oder Fahrrad auskommen muss und der nächste Einkaufsladen mehrere Kilometer entfernt liegt.

Für die Vaihinger aus dem Stadtteil Rohr hat die Bonus (Berufliche Orientierung, Nachbarschaftsmärkte und Service) gGmbH in den vergangenen rund 18 Jahren dafür gesorgt, dass die wohnortnahe Versorgung mit Lebensmitteln und Dingen für den täglichen Gebrauch abgedeckt ist. Nun ist aber klar: Der Laden schließt – und zwar zum 30. September.

Bürger wollen Bonus-Markt retten

Die Nachricht hat im Vaihinger Bezirksrathaus, in der Bevölkerung und auch im Stuttgarter Gemeinderat für Bestürzung gesorgt. Stadträte des ökosozialen Lagers haben einen Antrag gestellt, um die Nahversorgung im Stadtteil zu sichern. „Eine Schließung würde die Lebensqualität in der Nachbarschaft massiv verschlechtern und die soziale Struktur schwächen. Der Markt ist nicht nur ein Nahversorger, sondern auch ein Treffpunkt für die Menschen vor Ort“, heißt es zudem in einer Online-Petition, die eine Bürgerin ins Leben gerufen hat. Knapp 900 Menschen haben sie schon unterschrieben. Sie wollen, dass für Ersatz gesorgt wird oder der Bonus-Markt sogar erhalten werden kann.

Letzteres ist aktuell ausgeschlossen, wenn man mit Bonus-Geschäftsführer Karsten Fischer spricht. Der Mietvertrag für die Rohrer Höhe 32 bis 34 wurde durch die Bonus gGmbH nicht verlängert, „woraufhin im beiderseitigen Einvernehmen das Mietvertragsende auf den 30.09.2025 festgelegt wurde“, sagt Fischer. „Über viele Jahre hinweg hat uns die Eigentümerschaft der Immobilie durch ihr außergewöhnliches Engagement und eine stark reduzierte Mietkondition eine wirtschaftlich tragfähige Betriebsführung ermöglicht. Vor dem Hintergrund veränderter wirtschaftlicher und privater Rahmenbedingungen ist eine Fortführung dieser Konditionen künftig jedoch nicht mehr realisierbar.“

Keine tragfähige wirtschaftliche Perspektive

Der Betrieb des Standorts sei in den vergangenen Jahren durch „externe Faktoren erheblich erschwert worden“. Es sei nicht mehr so einfach, qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und an sich zu binden. Zudem gebe es „deutlich reduzierte Fördermöglichkeiten im Rahmen öffentlich geförderter Beschäftigung“, sagt Fischer. „Die Zuweisung von Teilnehmenden durch die Jobcenter, ein elementarer Bestandteil unseres Integrationsansatzes, konnte zuletzt nur noch eingeschränkt erfolgen.“ Trotz intensiver Bemühungen und vielen Gesprächen mit den Jobcentern, der städtischen Wirtschaftsförderung sowie verschiedenen Förderstellen konnte am Ende „keine wirtschaftlich tragfähige Perspektive für den Standort“ Rohrer Höhe mehr entwickelt werden.

„Das ist bedauerlich und ein großer Verlust“, erklärt Vaihingens Bezirksvorsteher Marcel Wolf. Der nächste Supermarkt liege am Ende der Stadtteilgrenze. Viele ältere Bürgerinnen und Bürger müssten dann mit dem Bus fahren oder eine Steigung überwinden, um zum Lebensmittelmarkt zu kommen. Das stelle ein großes Problem dar. Zumindest übergangsweise wird die Bonus gGmbH 230 Meter vom alten Standort entfernt eine Alternative im Stadtteil schaffen. Ab Oktober wolle man ein neues, niedrigschwelliges Angebot im Haus Rohrer Höhe in der Musberger Straße 52 etablieren. Dort gibt es 72 betreute Wohnungen für Seniorinnen und Senioren.

An dieser Adresse sollen jeweils dienstags und freitags von 9 bis 13 Uhr Grundnahrungsmittel, Frischwaren, Obst, Gemüse, Getränke und Drogerieartikel zum Verkauf angeboten werden. „Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, größere Bestellungen aufzugeben, die entweder zur Abholung bereitgestellt oder auf Wunsch kostenfrei nach Hause geliefert werden“, sagt Fischer. Parallel dazu stehe die städtische Wirtschaftsförderung derzeit im engen Austausch mit den Eigentümern an der Rohrer Höhe, um eventuelle Nachfolgepotenziale am Standort zu prüfen. Aus dem Stuttgarter Rathaus ist zu erfahren, dass es drei Interessenten gibt, die derzeit prüfen, ob sie die Bonus-Nachfolge übernehmen können. „Es ist aber nicht einfach, in einem Gebiet ohne eine ausreichend große Kundschaft einen Lebensmittelmarkt wirtschaftlich zu betreiben. Die Stadtverwaltung könnte einen künftigen Lebensmittelanbieter auf der Rohrer Höhe aber über das Förderprogramm Nahversorgung stützen“, heißt es bei der Stadt auf Nachfrage unserer Zeitung.

Bonus-Mitarbeitende werden weiterhin beschäftigt

Weitere Schließungen der Bonus-Märkte in Stuttgart sind derzeit nicht geplant. Jeder Markt müsse individuell betrachtet werden, da sich die Rahmenbedingungen jeweils deutlich unterscheiden würden. Klar ist auch, dass die Mitarbeitenden aus der Rohrer Höhe weiter bei Bonus beschäftigt werden. Sie werden alle nahtlos in andere Stuttgarter Filialen übernommen. „Die Sicherung dieser Arbeitsplätze war für uns ein zentrales Anliegen“, betont Fischer.

Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, brauchen eine wohnortnahe Versorgung.

Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Seit mehr als zwei Jahrzehnten verfolgt Bonus „ein sozialunternehmerisches Modell, das Arbeitsmarktintegration und wohnortnahe Nahversorgung auf innovative Weise miteinander verbindet“, sagt Fischer. „Unsere Märkte sind weit mehr als Orte des Einkaufs: Sie sind qualifizierende Arbeitsstätten, ermöglichen soziale Teilhabe und übernehmen eine tragende Rolle innerhalb der sozialen Infrastruktur.“

StN Kompakt - Der Morgen
Montag - Sonntag um 6.30 Uhr
Starten Sie mit den wichtigsten Themen aus Stuttgarter Sicht in den Tag und erhalten Sie sonntags die besten Geschichten der Woche.