Jugend gestern – Jugend heute: Freiheiten in einst unvorstellbarer Fülle

Gespräch im Garten in Vaihingen über Jugend früher und heute: Georg Czieslik und sein Enkel Florian sind sich einig, dass es einst für junge Leute viel weniger Möglichkeiten gab.
Max KovalenkoSuche nach der eigenen Rolle, Streben nach Unabhängigkeit, erste Liebe – Erwachsenwerden ist nicht immer leicht.Wie war das eigentlich früher? Und was ist anders für Jugendliche heute? In unserer neuen Serie suchen Großeltern und Enkel nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten.Teil 1: Georg Czieslik und sein Enkel Florian übermehr Freizeit und bessere Perspektiven.
Stuttgart - Die Herbstsonne bescheint Gärten und Felder in Vaihingen. Bei so einem Wetter hält Georg Czieslik und seinen Enkel Florian Czieslik nichts mehr im Haus.Wenn Georg von seinem Enkel spricht, zählt er zunächst auf, wie ähnlich sie sich seien.Florian spielt gut Tischtennis, ist begabt im Zeichnen, mag Opern – und beide lieben sie die Natur. Ansonsten könnte ihr Leben jedoch unterschiedlicher nicht sein.
Und das schon auf den ersten Blick: Florians Vater kommt aus Vietnam. Der Vater von Opa Georg aus Oberschlesien. Florian ist 16 und geht in die elfte Klasse des Hegel-Gymnasiums in Vaihingen. „Noch ein Jahr, dann ist meine Schulzeit zu Ende“, sagt er, „es wird ernst.“ Opa Georg ist 76. Er bereitet seinen Umzug vor, von Filderstadt nach Konstanz, in das Elternhaus seiner Frau Ingeborg. „Wir fangen noch mal ganz neu an“, sagt er.
Lesen Sie hier die weiteren Teile unserer Serie.
Neu anzufangen – damit hat Georg Czieslik reichlich Erfahrungen gesammelt. Als Georg gerade acht Jahre alt ist, wird Schlesien vom Deutschen Reich abgetrennt. Georgs Mutter flüchtet mit ihren vier Kindern von der Stadt Gröbnig in Oberschlesien nach Crailsheim. Die Familie kommt auf einem Bauernhof im Wald unter. „Der Hof gehörte einem alten Ehepaar, das konnte jede Arbeitskraft gebrauchen“, sagt Georg Czieslik. Den Sommer verbrachte er meist auf anderen Höfen, um dort zu helfen. Im Winter ging er zur Schule. „Wenn Alfred, unser einziges Pferd, gut drauf war, hat er uns auf dem Pflug zur Schule gezogen“, sagt er. Die Schule bestand aus einer Klasse mit einem Lehrer. Der Unterricht fand in einer drei Kilometer entfernten Kapelle statt.

Opa Georg Czieslik früher: „Ich hatte keine schöne Kindheit.“
Foto: privatFlorian staunt, wenn er die Geschichten von seinem Opa hört. Einen Bauernhof kennt er nur aus dem Urlaub.Und zur Schule mit dem Pferd? Das klingt wie bei Pipi Langstrumpf – undenkbar in Stuttgart. Doch Opa Georg verbindet mit dem Leben auf dem Bauernhof keine romantischen Erinnerungen. „Ich hatte keine schöne Kindheit“, sagt er und sieht nachdenklich aus, „nicht so schön wie mein Enkel heute.“
Der Enkel soll etwas Vernünftiges lernen
Florian ist ausgelastet mit seinen Freizeitaktivitäten: Posaune, Klavier, Origami, Inlineskaten, Standardtanz, Taekwondo. In diesem Jahr hat er ein Abenteuerbuch geschrieben, für das er nun einen Verleger sucht. „Aber Schriftsteller, das ist ja kein rechter Beruf“, sagt Opa Georg. Florian solle lieber was Vernünftiges lernen. Sein Enkel ist da anderer Meinung. Ein vernünftiges Leben sei ja langweilig.
Nach der Schule geht Florian häufig zu einem Kumpel, und am Wochenende steigt jetzt immer öfter eine Party bei Freunden, die sturmfrei haben. Auch die Mädchen zeigen mehr und mehr ihr Interesse.Opa Georg hatte früher keine Zeit, auszugehen und zu feiern. „Man traf sich nur in Gruppen, Jungs und Mädchen getrennt“, sagt er. Seine Frau lernte er erst mit 28 kennen. Das ist für Florian zu spät, er möchte früh eine Familie gründen.Es sei aber manchmal schwer, alles unter einen Hut zu bringen. „Auszuwählen, wer die richtigen Freunde sind und wer die falschen, wie viel man trinken sollte auf einer Party oder welches Mädchen zu mir passt“, sagt er. Opa Georg zieht ihn auf, da passe ja jeden Tag eine andere.
Von den Großeltern kann der Enkel einiges lernen
„Wenn ich meinem Enkel so zuhöre, natürlich hätte ich früher auch gern so viele Freizeitangebote gehabt“, sagt Georg Czieslik. Tischtennis gespielt habe er auch, eben in der Scheune eines Nachbarn. Die musste man vorher erstmal auskehren. Florian findet es gut,dass die Jugendlichen heute ihre Freizeit so offen gestalten können und mehr Auswahlmöglichkeiten haben als anno dazumal. „Da kann jeder was für sich finden“, sagt er.Da bleibt aber auch immer weniger Zeit, Oma und Opa zu besuchen.
Dabei könnte Florian von seinen Großeltern so einiges lernen. „Meine Oma kocht gut, das möchte ich später auch mal können“, sagt er. Denn wenn er einmal mit einer Frau zusammenlebt, möchte Florian die Aufgaben im Haushalt „na klar“ mit ihr teilen. Bei seinen Großeltern sind die Aufgaben klar getrennt. „Wenn meine Oma kocht, darf mein Opa nicht in die Küche“, sagt Florian, „ich würde mir blöd vorkommen, wenn ich nicht im Haushalt helfe.“ – „Erziehungssache“, sagt Opa Georg, „unser Florian ist gut erzogen.“ Und da ist sein Enkel dann doch mal Opas Meinung. „Meine Mutter lässt mir den Freiraum, den ich brauche, um mich zu entwickeln.“
Florian und seine Mutter leben in einem Arbeiterwohnblock in Dürrlewang. Seine Eltern haben sich getrennt, als Florian knapp zwei Jahre alt war. Das Verhältnis zu seinem vietnamesischen Vater bezeichnet er als „distanziert“. Sein Vater hat Florian das exotische Aussehen mitgegeben. „Aufgrund meines Äußeren werde ich von manchen als Flüchtling behandelt, als Ausländer“, sagt Florian. Von solchen Situationen kann Opa Georg ihm ein Lied singen. Georg Czieslik wurde in Deutschland geboren, doch auch ihm haben seine Mitschüler damals in Crailsheim deutlich gezeigt, dass er nicht dazugehört.
Beide kämpf(t)en mit Vorurteilen
„Wegen der Leute im Dorf haben wir den Bauernhof nur selten verlassen“, sagt er, „einmal haben sie mir in der Schule die Jacke zerrissen.“ Wehren durfte Georg sich nicht, sonst wären die Vorurteile noch schlimmer geworden. Auch der Pfarrer und der Förster konnten die Schlesier nicht leiden. „Unser Pfarrer hat uns immer nachgeschrien, wenn er uns gesehen hat. Wir waren an allem schuld.“ Manche Leute würden auch ihn heute beschimpfen, sagt Florian. Vor allem die Eltern seiner Mitschüler hätten Vorurteile. „Dabei komme ich doch aus Deutschland.“
Georg ging schließlich von zu Hause weg und arbeitete bei der Post, später als Gerichtsvollzieher. Über sein Leben und seine berufliche Zukunft habe er damals nicht nachgedacht. Viel zu jung und unerfahren sei er gewesen. „Ich war froh, dass ich überhaupt eine Ausbildung hatte.“Enkel Florian hingegen hat seine Zukunft schon genau durchdacht. Er möchte Psychologie studieren, in einer anderen Stadt wohnen, selbstständig sein.
„Die Jugendlichen von heute sind freier erzogen worden als wir damals.Sie sind aufgeschlossener und können es kaum erwarten, erwachsen zu werden“, sagt Georg Czieslik. „Ich möchte ein reiches Leben führen“, sagt sein Enkel. „Nicht unbedingt reich an Geld, aber reich an Erfahrungen.“ Am wichtigsten sind ihm die Familie, seine Großeltern, die er nach ihrem Umzug nur noch selten sehen wird, und seine Spaziergänge im Wald. Eine Liebe zur Natur, die ihn mit seinem Großvater verbindet.
„Mit dem Älterwerden ist das so“, sagt Opa Georg an diesem Herbsttag: „Wenn man jung ist, möchte man älter werden. Man freut sich darauf. Aber wenn es so weit ist, dann kann man es nicht so genießen, wie man sich das vorgestellt hat.“Dann merke man plötzlich verblüfft: „Ich bin alt geworden.“