Jürgen Fischer
: „Depression ist die Krankheit des Alters“

Bei Menschen im fortgeschrittenen Alter kommt es gar nicht gut an, wenn man sie als seelisch krank bezeichnet. Kein Wunder, findet Jürgen Fischer, wenn man bedenkt, wie man vor 60 Jahren mit psychisch Kranken umgegangen ist.
Von
Carolin Stihler
Stuttgart
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Jürgen Fischer tritt nach ach 27 Jahren im Klinikum Stuttgart den Ruhestand an.

Max Kovalenko

Bei Menschen im fortgeschrittenen Alter kommt es gar nicht gut an, wenn man sie als seelisch krank bezeichnet. Kein Wunder, findet Jürgen Fischer, wenn man bedenkt, wie man vor 60 Jahren mit psychisch Kranken umgegangen ist.

Stuttgart - Herr Dr. Fischer, seelische Erkrankungen sind unter dem Stichwort Burn-out in aller Munde. Nehmen die psychischen Krankheiten zu, oder geht man nur offener damit um?

Bestimmte Erkrankungen haben zugenommen, wie zum Beispiel Depressionen. Es hat aber auch eine Entstigmatisierung stattgefunden. Betroffene äußern sich öffentlich oder engagieren sich in der Selbsthilfe. ­Außerdem nehmen Ärzte diese Krankheiten inzwischen differenzierter wahr. Ich sehe aber bei meinen älteren Patienten, dass sie es gar nicht gerne hören, wenn man sie als seelisch krank bezeichnet.

Warum?

Wenn Sie überlegen, wie man vor 60 Jahren mit psychisch Kranken umgegangen ist, verwundert diese Einstellung nicht. Es gibt ­ältere Patienten, die mit der Bemerkung, in ihrer Familie habe es so etwas nicht gegeben, sogar leugnen, an Diabetes erkrankt zu sein. Und wer lässt sich schon als psychisch krank bezeichnen?

Behandeln Sie deshalb ältere psychisch Erkrankte in einer separaten Abteilung?

Ältere Menschen haben ein langes Leben, viel und anderes erlebt. Andere Alltagserfahrungen gemacht. Sie haben andere Einstellungen erworben. Sie haben besondere Mangel- und Verlusterfahrungen gemacht. Für die Patienten ist es meist besser, wenn sie in einer Gruppe von Gleichen sind. Damit sie sich auch austauschen können über ihre Lebenserfahrungen und Lebenswirklichkeit.

Sind Ältere häufiger von psychischen Krankheiten betroffen als Jüngere?

Altsein ist keine Krankheit. Wenn wir über Demenzkranke reden, sieht man, dass 60 Prozent der über 90-Jährigen keine Demenz haben. Die häufigere Krankheit des Alters ist die Depression. Man sagt, dass etwa ein Viertel der älteren Menschen unter behandlungsbedürftigen depressiven Störungen leiden. Nimmt man alle Formen der Depression zusammen, kommt diese Erkrankung bei Älteren häufiger vor als bei Jüngeren.

Welche psychischen Krankheiten kommen bei Jüngeren häufiger vor?

Angsterkrankungen, zumindest die Neuerkrankungen, sind im jüngeren Erwachsenenalter wesentlich häufiger. Schizophrenien, die zum ersten Mal jenseits des 60. Lebensjahres auftauchen, gibt es praktisch nicht. Es sei denn, sie gehen einher mit akut auftretenden, krankhaften Hirnveränderungen. Außerdem gibt es Schwierigkeiten, die im Alter wiederbelebt werden können wie bei posttraumatischen Stressreaktionen. Viele Menschen können traumatisierende Erfahrungen in Kindheit und Jugend einigermaßen oder auch gut überstehen. Bei manchen älteren Menschen, zum Beispiel Kriegskindern, kommt der Zeitpunkt, an dem die bisherigen Kompensationsmechanismen nicht mehr funktionieren. Oft begünstigt durch Krankheitserfahrungen oder allgemeines Nachlassen der Kräfte, sowohl im körperlichen als auch im seelischen Bereich.

Womit haben die älteren Patienten noch zu kämpfen?

Der Körper verändert sich. Es gibt altersassoziierte Erkrankungen, die massiv darauf Einfluss nehmen, was der Ältere im Alltag leisten kann. Ich denke da unter anderem an Einschränkungen der Beweglichkeit, des Hörens, Sehens, aber auch des Gedächtnisses, der Informationsverarbeitung. Ein typisches Problem des Alters kann auch Einsamkeit sein. Manche Ältere entdecken erst durch eine neu aufgetretene Krankheit, dass sie alt sind. Dieses plötzliche Entdecken ist gar nicht so selten. Diese „überraschende“ Erkenntnis kann manchmal ein schwerwiegendes Problem werden.

Haben nach Ihren Erfahrungen viele Menschen ein Problem damit, alt zu werden?

Ich würde sagen, es gibt kaum Menschen, die damit kein Problem haben. Da spielt vieles mit rein, wie zum Beispiel der Verlust nahestehender gleichaltriger Menschen. Oder Statusverlust. Oder ökonomische Einbußen.

Nun stehen Sie selbst an der Schwelle zum Ruhestand. Haben Sie Bedenken?

Es gibt ältere Menschen, die mit dem Ruhestand Probleme haben. Vielleicht werde ich dazu gehören. Vielleicht gehöre ich auch schon dazu. Natürlich mache ich mir darüber Gedanken.

Wie wollen Sie Ihren Ruhestand gestalten?

Ich werde mit Sicherheit noch weiter arbeiten. Dabei werde ich sehr genau auswählen, was und wie viel ich tun werde. Und ich werde mehr freie Zeit haben und diese dadurch anders gestalten können als bisher.

Das klingt nicht nach Ruhestand.

Am Wochenende und an Feiertagen frei zu haben ist für einen Mitarbeiter einer Klinik schon fast ein Privileg.

Beschäftigen Sie die Probleme Ihrer Patienten auch am Feierabend?

Wenn man ausgebildeter Therapeut ist, kennt man Techniken, durch die man eine Art Rückzugsraum für sich hat. Aber es gibt Dinge, die einen so berühren, dass man sich nicht einfach in diesem Rückzugsraum verschließen kann. Dann ist es gut, mit jemandem zu reden. Hierzu gibt es professionelle Institutionen, Supervision beispielsweise.

Können Sie Ihre Patienten nun loslassen und anderen Ärzten überlassen?

Ich habe die Entscheidung meinen Patienten überlassen. Wenn sie meinen, dass sie meine Hilfe weiter brauchen, bin ich unter gewissen Bedingungen dazu bereit. Ich habe einige Fälle abgegeben und versucht, keine neuen Langzeitbehandlungen zu beginnen. Daher sind es in den letzten zwei Jahren schon weniger ambulante Regelpsychotherapien geworden.

Streben Sie dennoch etwas in Ihrem Ruhestand an, was vorher nicht möglich war?

Ich will mehr von der Welt sehen. Städtereisen will ich häufiger als bisher machen. Ich war im Gegensatz zu meinen Kindern noch nie in Übersee oder in Asien. Ich will noch eine ganze Reihe von Orten in dieser Welt sehen. Und ich will mich mehr meiner Familie, meinen Enkeln, und meinen Freunden widmen. Zukünftig soll es zumindest ein Gleichgewicht zwischen der Arbeit und der Freizeit geben.

Welche Kämpfe mussten Sie während Ihrer Zeit als Chefarzt austragen?

Interesse für Kinderheilkunde ist sicher leichter herzustellen als für Gerontopsychiatrie. Schwierige Rahmenbedingungen waren, dass das Bürgerhospital dem Ansturm der Patienten nicht gewachsen, die Gebäude im Bürgerhospital veraltet waren. Die Bedingungen sind in unserem schönen Neubau in Bad Cannstatt, für den wir uns jahrelang einsetzten, besser. Zu Beginn meiner Tätigkeit fand ich ca. 190 Behandlungsplätze vor. Jetzt sind wir bei ca. 330 Plätzen. Als ich in die Klinik eintrat, gab es außer für Alkoholkranke keine Spezialisierung, insbesondere auch nicht für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie. Jetzt haben wir für ältere Menschen mit seelischen Schwierigkeiten über 100 Behandlungsplätze und ein differenziertes ambulantes Angebot. Außerdem war es immer wieder schwierig, Menschen zu finden, die sich dafür begeistern, mit alten und dazu psychisch kranken Menschen zu arbeiten. Das Alter war und ist in unserer Gesellschaft selbst ein Stigma. Um dies zu ändern, ist noch viel zu tun.

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