Jüdische Malerinnen: Bilder, an denen das Herz einer Holocaust-Überlebenden hängt

Die Stuttgarter Malerin Alice Haarburger (1891 - 1942)
Archiv- Auktionshaus Nagel ermöglicht Erwerb zweier Bilder von Alice Haarburger durch Eva Weyl.
- Weyl ist 91, Holocaust-Überlebende und Großnichte der 1891 geborenen, 1942 ermordeten Malerin.
- Die Werke mit Stuttgarter Motiven sollten am 15. Juli versteigert werden – nun Kauf statt Auktion.
- Die Töchter der betagten Sammlerin stimmten zu, nachdem Weyl sich direkt an Nagel gewandt hatte.
- Weyl holt die Gemälde beim nächsten Stuttgart-Besuch im September ab.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Gudrun Greth, eine der prägenden Gestalterinnen der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen, hat sich tagelang den Kopf zerbrochen. Der Grund: ein Termin im Stuttgarter Auktionshaus Nagel. Dort sollten im Rahmen der bundesweit beachteten Auktion von moderner und zeitgenössischer Kunst am 15. Juli zwei Bilder der jüdischen Malerin Alice Haarburger versteigert werden. Haarburger zählte zur sogenannten Damenmalklasse des Stuttgarter Malers Adolf Hölzel, die dieser 1906 an der Königlich Württembergischen Kunstschule gegründet hatte, um Frauen den Zugang zu akademischer Kunstbildung zu ermöglichen. Die Mitglieder dieser Damenmalklasse wurden damals abschätzig „Malweiber“ genannt. Neben Alice Haarburger gehörten ihr unter anderem auch Ida Kerkovius, Käte Schaller-Härlin, Käthe Loewenthal an.
Die Bilder, die bei Nagel versteigert werden sollten, stammen aus dem Besitz einer betagten Stuttgarter Sammlerin. Nach einem Sturz und einem anschließenden Krankenhausaufenthalt lebt sie jetzt in einer Alteneinrichtung. Aus Platzgründen konnte sie nur zwölf ihrer Gemälde mitnehmen. Dutzende andere Bilder aus ihrer Sammlung boten ihre Töchter dem Stuttgarter Auktionshaus an.
„Verlorene Stimmen der Stuttgarter Moderne“
In dessen Katalog werden Haarburger und die ebenfalls vertretene Käthe Loewenthal als „verlorene Stimmen der Stuttgarter Moderne“ hervorgehoben. Es geht um insgesamt „vier seltene Arbeiten zweier bedeutender Stuttgarter Künstlerinnen, deren Lebenswege durch die Verfolgung des nationalsozialistischen Regimes ein tragisches Ende fanden“. Im Umfeld der von Adolf Hölzel ausgehenden Moderne hätten die beiden Malerinnen die Entwicklung der südwestdeutschen Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. Bei den beiden Bildern Haarburgers („Blick von der Sandbergerstraße“, entstanden um 1930, und „Blick aus dem Haus in der Danneckerstraße in Stuttgart“) handle es sich um winterliche Stadtansichten, die Stuttgart aus einer persönlichen Perspektive zeigten und eine sensible Beachtung des urbanen Raums mit einer klaren, von der Moderne geprägten Formensprache verbinden würden.
Gudrun Greth kennt die Sammlerin, in deren Besitz sich die Bilder befanden, seit längerem. Sie hatte sie auch schon in ihrem Haus im Stuttgarter Osten besucht, zusammen mit der 91-jährigen niederländischen Holocaust-Überlebenden Eva Weyl, die immer wieder für Schulbesuche nach Stuttgart kommt. Gemeinsam hatte sie die Sammlung bestaunt. Weyl, deren Familie mütterlicherseits aus Stuttgart stammt, hatte den Wunsch geäußert, die beiden Bilder von Alice Haarburger zu erwerben - aus familiärer Verbundenheit. Die Malerin, 1891 in Reutlingen geboren, 1942 von den Nazis deportiert und in Riga ermordet, war ihre Großtante. Umso größer ihre Betrübnis, als Weyl jetzt erfuhr, dass die Bilder versteigert werden sollten. Die mit ihr befreundete Gudrun Greth spricht von einer „unglücklichem Verkettung verschiedener Umstände“. Die Töchter der Sammlerin hätten nicht gewusst, dass Weyl nicht vorab gefragt worden sei, ob sie die Bilder erwerben möchte.

Blick von der Sandbergerstraße“ - eines der beiden Gemälde von Alice Haarburger, das ihre Großnichte, die Holocaust-Überlebende Eva Weyl, nun erwerben kann.
Gudrun GrethGreth setzte daraufhin viele Hebel in Bewegung. Weyl selbst wandte sich direkt an das Auktionshaus Nagel. Ihre Bitte, die Gemälde aus der Versteigerung herauszunehmen, verband sie mit einem eigenen schriftlichen Kaufangebot.„Verstehen Sie denn nicht wie emotional es für mich ist, diese Gemälde in fremden Händen zu sehen?“, schrieb Weyl.
Das Auktionshaus zeigt in der Tat Verständnis. Geschäftsführer Fabio Straub erklärte auf Anfrage, wenn die „Einlieferinnen“, also die Töchter, damit einverstanden seien, stehe dem Erwerb der beiden Bilder durch Eva Weyl nichts im Wege. Das Einverständnis erfolgte laut Gudrun Greth umgehend. Weyl könne die Bilder ihrer ermordeten Großtante nun kaufen. Der Schätzpreis war jeweils mit 500 bis 800 Euro angegeben. In einem Aushang im Auktionshaus anlässlich der Vorbesichtigung vom 10. bis 12. Juli heißt es: „Das Los wurde aus der Auktion zurückgezogen. Hintergrund ist eine besondere bzw. familiäre Beziehung einer Interessentin an den Werken. Nach Rücksprache mit der Einliefererseite wurde hierzu einvernehmlich eine Lösung außerhalb des regulären Auktionsaufrufs gefunden.“ Weyls Reaktion: „Sie ist überglücklich“, berichtet Gudrun Greth. Bei ihrem nächsten Stuttgart-Besuch im September will sie die Bilder persönlich abholen.
