Invasion in Stuttgart und Tübingen
: Nilgans erobert Parks – „Ausbreitung lässt sich nicht stoppen“

Städte wie Stuttgart und Tübingen sagen der Nilgans den Kampf an. Ein Wildtierexperte befürchtet allerdings, dass sich die Turbovermehrung der Tiere nicht aufhalten lässt.
Von
Jörg Breithut
Stuttgart
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Nilgänse breiten sich in Stuttgart aus: „Stockenten sind am Eckensee fast komplett verschwunden. Das macht uns Sorgen.“

imago images/Arnulf Hettrich

Die Nilgans breitet sich nahezu ungehemmt in Städten im Südwesten aus. Den Schlossgarten in Stuttgart haben die Gänse bereits eingenommen. Auch die Innenstadt von Tübingen haben die Tiere mittlerweile als Nistplatz auserkoren – und wenn es nach Oberbürgermeister Boris Palmer geht, sollen Nilgänse dort sogar zum Abschuss freigegeben werden. Doch welches Mittel hilft gegen die invasive Art?

Die Turbovermehrung der Nilgänse beschäftigt auch den Landesjagdverband in Baden-Württemberg – weil heimische Tierarten vertrieben werden. „Stockenten sind am Eckensee fast komplett verschwunden“, sagt Klaus Lachenmaier, der das Wildtiermanagement des Jagdverbands leitet. „Das macht uns Sorgen.“ Früher seien dort Dutzende dieser Enten unterwegs gewesen. Nun sind es nur noch wenige. „Nilgänse sind Stockenten einfach deutlich überlegen“, sagt der Biologe im Gespräch mit unserer Redaktion. Dieses Schicksal könnte seiner Meinung nach auch Bless- und Teichhühnern im Land blühen.

In Städten sind die so genannten Neozoen auch wegen Konflikten mit Parkbesuchern und haufenweise Gänsekot in Ungnade gefallen. Der Stuttgarter OB Frank Nopper spricht von einer regelrechten „Nilgans-Invasion“, die den Park verschmutzten und große Schäden anrichteten. Ein Abschuss der Jungtiere, wie von Boris Palmer gefordert, gilt in Stuttgart als allerletztes Mittel. Das liegt auch daran, dass sich dieser Plan nicht so einfach in die Tat umsetzen lässt. Tübingen und Stuttgart seien keine Jagdreviere, sagt Lachenmaier. „Dort kann man nicht so einfach auf Gänse schießen.“ Das sei auch eine Frage der Sicherheit. Man müsse die Küken erst einfangen und dann erlegen. „Das ist sehr aufwändig und teuer“, sagt Lachenmaier. „Günstig geht das nicht.“

Nilgänse kapern auch Storchennester

Stuttgart hatte im November das so genannte „Wildgänsemanagement“ gestartet, das drei Jahre lang getestet werden soll. Seither hat sich das Bild im Schlossgarten kaum verändert. Ganz im Gegenteil: Nilganspaare dominieren den Park und watscheln derzeit mit bis zu zehn Küken im Schlepptau über die Wiesen. Es ist Brutzeit. Da sind Nilgänse besonders aggressiv. „Vor allem Kinder und Hunde müssen aufpassen“, sagt Lachenmaier. „Das sind keine Kuscheltiere.“ Wenn man die Gänseküken streicheln wolle, dürfe man sich nicht wundern, wenn man attackiert wird. „Die Gänse sehen zwar nett aus, aber sie verursachen Probleme.“ Eines ist klar: „Man sollte sie auf keinen Fall füttern.“

Derzeit schaut sich die Stadt erst einmal an, mit wie vielen Nilgänsen man es zu tun hat. Die Zählungen haben nach Angaben einer Stadtsprecherin im März begonnen. Darauf sollen dann zunächst milde Abschreckungsmittel wie Drohnenflüge folgen und Eier angestochen werden. Doch da sieht Lachenmaier ein Problem: „Nilgänse nisten überall.“ Die Tiere errichten Nester auf Bäumen, in Schrebergärten und selbst in der Kanalisation. „Das ist die schwierigste Methode“, sagt der Jäger. „Man wird niemals alle Nester in Stuttgart finden.“

Störche in Stuttgart: Muss sich auch das Vogelpaar am Bahnhof vor den Nilgänsen in Acht nehmen?

Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ob sich auch das neue Storchenpaar in Stuttgart in Acht nehmen muss? Erstmals nach mehr als 30 Jahren haben sich wieder Weißstörche in Stuttgart niedergelassen. Das Vogelpaar errichtete vergangene Woche ein Nest direkt an der Stuttgart-21-Baustelle beim Bahnhof. Das könnte problematisch werden, meint Lachenmaier. „Nilgänse können Storchennester kapern und darin brüten“, sagt der Biologe. „Da ist mit allem zu rechnen.“ Bei Nestern von Wanderfalken habe der Verband das schon öfter beobachtet. „Weißstörche wissen sich aber auch zu verteidigen.“

Lachenmaier ist gespannt, wie das Wildgansmanagement in Stuttgart verläuft. Der Jagdexperte geht davon aus, dass die Maßnahmen die Situation im Schlossgarten nur vorübergehend entspannen. „Die Gänse leben ja nicht nur in Städten wie Stuttgart und Tübingen, sondern kommen immer wieder von außen nach.“ Es sei eine Daueraufgabe, die Tiere in Schach zu halten. „Die Ausbreitung der Nilgans lässt sich nicht mehr stoppen.“ Diesen Zeitpunkt habe man verpasst. „Es wäre schön gewesen, wenn sie nie gekommen wären.“

Und die nächsten invasiven Arten stehen schon bereit. Man solle jetzt nicht den gleichen Fehler machen und bei Rost-, Kanada- und Schwanengänsen tatenlos zuschauen, wie sie sich in Baden-Württemberg niederlassen, sagt Lachenmaier. „Dann haben wir die nächsten Neozoen, die sich hier ungehemmt ausbreiten.“

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