Impotenz: Tote Hose – wenn Mann plötzlich nicht mehr kann

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Stuttgarter NachrichtenStuttgart - Das Ende kam nicht über Nacht. Schon gar nicht in einer romantischen Nacht. Das Versagen der Manneskraft hat sich bei Dieter Kaufmann (Name geändert) wie ein heimtückisches Gift ausgebreitet. Schleichend. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es nicht mehr so ist wie früher“, sagt er ohne Regung, als ginge es um irgendein Alterszipperlein. Doch Dieter Kaufmann spricht von einem gravierenden Einschnitt. Er berichtet vom Verlust seiner Manneskraft – im Fachjargon erektile Dysfunktion genannt.
Die schockierende Gewissheit traf ihn vor neun Jahren. „Am Anfang haben wir das Nachlassen der Erektion noch mit einigem artistischem Geschick ausgebügelt“, erzählt Kaufmann., „aber am Ende funktionierte auch das nicht mehr.“
Tote Hose, wie der Volksmund sagt.
Für Männer, die sich oft sehr stark über die Sexualität definieren, ist das eine extreme Erfahrung. Und eine Situation, die in Deutschland etwa ein Fünftel aller Männer im Alter zwischen 30 und 80 Jahren betrifft. Doch von diesen rund fünf Millionen Männern wagt keiner offen über die Flaute unter der Gürtellinie zu sprechen. Auch Dieter Kaufmann hat es bis heute nicht gewagt, sich in seinem Freundes- und Bekanntenkreis zu outen: „Ich wäre stolz, wenn ich den Mut hätte, aber ich schaffe es nicht. Obwohl ich inzwischen 73 Jahre alt bin.“
Oft hat Impotenz organische Ursachen
Ganz so mutlos wie er sich darstellt, ist er dann doch nicht. Im Gegensatz zu den meisten Männern mit Erektionsstörungen suchte Kaufmann Rat bei einem Arzt. „Selbst das schaffen viele nicht“, berichtet er, „dabei wäre es notwendig.“ Und zwar aus vielen Gründen. Oft hat Impotenz organische Ursachen, die schnell behandelt werden sollten. Die Liste der Krankheiten reicht von multipler Sklerose, Hormonstörungen, Leber- und Nierenleiden bis zu Herzproblemen. Letzteres dürfte bei Dieter Kaufmann zum Verlust seiner Potenz geführt haben. Inzwischen hat er daher einen Stent – ein gefäßstützendes Implantat in den Herzkranzgefäßen. Doch die Operation brachte ihm 2002 seine Manneskraft nicht zurück. „So isses eben, ich kann inzwischen damit leben“, sagt er und zitiert flott aus einer Fachpublikation: „Der Penis ist wie eine Wünschelrute, mit der man eine Katastrophe, wie beispielsweise den Herzinfarkt, lange vor dessen Eintreten erkennen kann.“
Dieter Kaufmann spricht über dieses „Tabuthema und Stigma“ recht unverkrampft. es mag auch daran liegen , dass er eine „sehr verständnisvolle Frau“ hat. Hermine Kaufmann hat ihren Mann in all den Jahren nie herabgewürdigt oder gar verspottet. Diese Reaktion ist bei betroffenen Frauen keinesfalls selbstverständlich. Oft verschärft das Wort „Schlappschwanz“ die Situation dramatisch. Manchmal löst es bei einer kurzfristigen Unpässlichkeit gar eine dauerhafte Impotenz aus. „Denn das größte Sexualorgan ist nicht der Penis“, weiß Kaufmann, „sondern der Kopf.“
Aber ganz gleich, wo die Ursachen der erektilen Dysfunktion auch liegen mögen. Das Ende der Erektion ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende einer erfüllten Sexualität. Es gebe Möglichkeiten, es gebe Hoffnung: „Allerdings nur für denjenigen, der Rat sucht.“ Und weil die Hürden vor diesem ersten Schritt bei den meisten Männern so groß seien, bietet Dieter Kaufmann zusammen mit anderen Betroffenen in der Region Stuttgart Hilfe an. Kaufmann ist Mitglied einer Selbsthilfegruppe. „Ich kann nur jedem raten, der merkt, dass etwas nicht stimmt, sich rasch zu informieren.“
„Nach zehn Minuten tritt die Erektion ein. Sie kommt so sicher wie die nächste U-Bahn“
Bei solchen Gruppentreffen, die alle zwei Monate stattfinden, erzählt Dieter Kaufmann immer wieder seine Geschichte. Und stets stellt er fest, wie dankbar seine Zuhörer sind. Dafür, dass sie ohne hämisches Grinsen ernstgenommen werden. Und für das Gefühl, nicht alleine mit diesem Problem zu sein. Viele haben ein Aha-Erlebnis, wenn Kaufmann von seinem persönlichen Kampf spricht. Von den Anfängen, als er die Potenzschwäche noch mit den berühmten blauen Pillen in den Griff bekam. Viagra half ihm immerhin knapp zwei Jahre. Dann herrschte wieder Flaute. Danach griff er zu einem anderen PDE-5-Hemmer. Aber auch die Wirkung von Cialis ebbte ab. Heute hilft sich Kaufmann mit Skat – kurz für Schwellkörper-Auto-Injektions-Therapie. Dabei spritzt er sich den Wirkstoff Alprostadil direkt in den Schwellkörper. An dieser Stelle seiner Geschichte verzerren Männer meistens entsetzt das Gesicht. Aber Kaufmann beruhigt sie mit dem Hinweis: „Keine Sorge, die Nadel ist so dünn. Es treten dabei kaum Schmerzen auf, es ist nur ein kleiner Piks.“
So abschreckend die Methode auch anmuten mag, die durchschlagende Wirkung sei umso größer. „Nach etwa zehn Minuten tritt die Erektion ein. Sie kommt so sicher wie die nächste U-Bahn“, sagt Kaufmann und setzt noch einen Scherz drauf: „Ich bin bis heute an der Nadel hängen geblieben.“
Kaufmann hat sich so ein großes Stück Lebensqualität zurückerobert – ohne jeden Kratzer an seinem männlichen Selbstbewusstsein. „Manche fühlen sich damit nicht mehr als vollwertiger Mann“, weiß er. Sie fühlten sich wie ein Beinamputierter, der plötzlich eine Krücke brauche. „Ich sehe das jedoch komplett anders“, sagt er stolz, „für mich ist das überhaupt kein Problem. Ich bin sehr zufrieden.“
Das können nicht viele der fünf Millionen deutschen Männer von sich behaupten. Jene (er)tragen ihre tote Hose still und heimlich.