Horst von Olschowski
: „Die Schlösser sind in guten Händen“

Seit zehn Jahren ist Horst von Olschowski, 73, Pensionär, aber von Ruhestand kann keine Rede sein. Der gebürtige Österreicher arbeitete die Geschichte seiner Familie auf und schrieb sie in der bemerkenswerten Romanbiografie „Im Himmel gibt’s kein Kernöl“ nieder.
Von
Tom Hörner
Stuttgart
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Horst von Olschowski: Wer so einen Ausblick hat, braucht kein Schloss.

Leif Piechowski

Seit zehn Jahren ist Horst von Olschowski, 73, Pensionär, aber von Ruhestand kann keine Rede sein. Der gebürtige Österreicher arbeitete die Geschichte seiner Familie auf und schrieb sie in der bemerkenswerten Romanbiografie „Im Himmel gibt’s kein Kernöl“ nieder.

Herr Olschowski, Ihre Tochter Petra, die ­Rektorin der Kunstakademie, trägt ein Von im Namen. Sie stehen als Horst Olschowski auf dem Titel Ihres Buchs „Im Himmel gibt’s kein Kernöl“. Wie kommt’s?
Das Von ist, wenn man so will, 1919 auf der Strecke geblieben. Damals ist Österreich Republik geworden und das Führen von Adelstiteln oder Adelszusätzen wurde verboten. Ich habe einen österreichischen Pass und kann das Buch bei einem österreichischen Verlag nicht als Horst von Olschowski herausbringen.

Wie passt das zur Titelverliebtheit der Österreicher?
Das ist ja das Typische: Alles, was verboten ist, wird interessant. Das Von im Namen meiner Tochter hängt damit zusammen, dass sie einen deutschen Pass hat. Mit der Weimarer Republik wurden Adelstitel auch in Deutschland abgeschafft, man darf aber ein Von als Teil des Namens tragen.

Ich sag’ jetzt Herr von Olschowski, man hat es nicht jeden Tag mit einem Nachfahren Adeliger zu tun. Herr von Olschowski, dass Leute einen Stammbaum anfertigen, kommt vor. Sie haben ein Buch geschrieben. Warum?
Mein Cousin erzählte bei Familienfesten immer von Schlössern, auf denen unsere Großeltern gelebt haben. Meine Kinder bekamen dann ganz große Augen. Bei einer Wanderung in der Steiermark gab es eine Begegnung, die ich eingangs im Buch beschreibe. Wir kamen mit einer Bäuerin ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass sie meinen Großvater kannte, als ihm noch Schloss Ottersbach gehörte. „Ich weiß noch“, sagte die Frau, „wie er dastand mit seinen Knickerbockern und für uns Kinder immer Zuckerl hatte.“ Das war ein Wink des Schicksals. Meine Töchter sagten: „Jetzt wollen wir wissen, was dahintersteckt!“

Dann betrieben Sie Ahnenforschung?
Ich habe daheim Unterlagen gewälzt, aber die Arbeit ist liegen geblieben, bis ich vor zehn Jahren in den Ruhestand ging. Ich wusste kaum etwas über meine Familie. Das bisschen, das mir bekannt war, hatte mir meine Mutter erzählt. Mein Vater und mein Großvater sprachen nie darüber. Bei einem Urlaub in Österreich sind wir zum Landesarchiv in Graz gegangen. Dort wurden uns in Kalbsleder gebundene Grundbücher gebracht. Alles war in Kurrentschrift verfasst.

Die konnten Sie lesen?
Nein, ich musste das erst lernen. Je mehr wir, also meine Frau und ich, uns einlasen, desto klarer wurde uns, dass die Geschichten meines Cousins wahr waren. Wenn Sie da einmal anfangen, dann können Sie nicht mehr davon lassen. Eine große Hilfe bei der Recherche war das Internet. Aber wir sind auch nach Brünn in Tschechien gereist, einer Partnerstadt von Stuttgart, wo mein Großvater väterlicherseits von 1888 bis 1904 gelebt hat. Den Besuch dort im Archiv werde ich nie vergessen. Plötzlich hältst du einen Leitz-Ordner in Händen, in dem alles über deinen Großvater steht. Das waren Hunderte Seiten, die man uns anstandslos kopierte.

Das war der Auslöser fürs Buch?
Ja, da kam so viel über meinen Großvater Arthur Olschowski heraus. Also entschloss ich mich, es aufzuschreiben. Wir haben geahnt, dass er über seine Verhältnisse gelebt hat. Aber nun hatten wir es schwarz auf weiß.

Gleichwohl erscheint Ihr Großvater im Buch als schillernde Figur.
Er war ein Lebemann, der sein Geld auch ohne die Wirren der Kriege durchgebracht hätte. Er war Jude und ist zum Christentum übergetreten, um im österreichischen Kaiserreich einen Beamtenjob zu bekommen. Bei den Braun de Prauns, der Verwandtschaft meiner Mutter, sah die Sache anders aus. Da es schriftliche Belege gab, musste ich weniger recherchieren. Meine Mutter hat kein Tagebuch geführt, aber viel aufgeschrieben.

Sie hätten eine Familienchronik schreiben können. Warum wurde es ein Roman?
Es gibt in diesem Puzzle einige Stellen, zu denen ich keine Unterlagen gefunden habe. Deshalb ist auch Fiktion im Spiel. Ich sage es mal so: 80 Prozent des Inhalts ist belegbar, der Rest ist so, wie es sich zugetragen haben könnte. Ich habe für das Buch vier Jahre recherchiert und drei Jahre daran geschrieben.

Gibt es Dinge, die Sie zum Schutz der Familie unter den Tisch fallen ließen?
Nein, das, was ich weiß, habe ich geschrieben. Weder die Freundin meines Großvaters noch die lockere Lebensweise meines Vaters habe ich unterschlagen.

Was meinte die Verwandtschaft?
Es gab nur positive Reaktionen. Aber ich habe vor der Veröffentlichung das Okay der Familie eingeholt. Sonst kann man so etwas nicht machen. Am 2. Dezember 2012 ging für mich ein Traum in Erfüllung. Ich habe das Buch auf Schloss Ottersbach vor Verwandten und Freunden vorgestellt. Draußen hat es geschneit. Es war wie im Film. Dann gab es mit dem heutigen Hausherrn eine Schlossbesichtigung. Es war unglaublich. Selbst das Klavier meiner Tante stand noch in dem Zimmer, wie ich es in dem Buch beschrieben habe.

Wie kam es zum Titel „Im Himmel gibt’s kein Kernöl“?
Als wir mit der Bäuerin sprachen, sagte sie, dass ihr das Leben keine Freude mehr bereite. Sie höre schlecht, die Augen ließen nach. Am liebsten würde sie sterben. Als sie das sagte, pulte sie gerade Kerne aus Kürbissen. Da sagte ich: „Denken Sie daran, im Himmel gibt’s kein Kernöl.“ Sie hat gelächelt: „Ja, da haben Sie auch wieder recht.“ Meine Lektorin wollte den Titel erst nicht haben. Das klänge nach Kochbuch.

Sie erzählen unglaubliche Lebensläufe. Wenn man allein bedenkt, wohin es Ihre Großeltern verschlug.
Das ist mir wichtig. Wenn einer heute aus beruflichen Gründen durch die Welt reisen muss, nennen wir das Job-Rotation und tun so, als sei das eine Erfindung der Neuzeit. Im Grunde hat es das schon im 19. Jahrhundert gegeben. Mein Großvater mütterlicherseits, Alexander Maria Ladislaus Braun de Praun, wurde als Offizier dorthin geschickt, wo man ihn brauchte. Auf die Familie wurde keine Rücksicht genommen.

Er ist, wie Ihr Großvater Arthur Olschowski, ein spannender Charakter.
Ja, aber er war ganz anders. Er war ein Mann, an dem man sich orientieren konnte. Er wurde von seinen Eltern verstoßen, weil er eine Bürgerliche zur Frau nahm.

Haben Sie jemals bedauert, dass Sie selbst kein Schloss besitzen?
Natürlich denkt man manchmal dran. Aber im Grunde ist so ein Besitz eine Last. Wie soll man in 40 Zimmern leben? Ich weiß, dass die Schlösser in guten Händen sind. Das reicht.

Auf Betreiben seiner Töchter beschäftigt Olschowski sich mit den Wurzeln seiner aus Osteuropa stammenden Familie. Das Ergebnis der Recherche liegt nun als ­Romanbiografie vor. „Im Himmel gibt’s kein Kernöl“ ist in der Steirischen Verlagsbuchhandlung ­erschienen und kostet 19,40 Euro.

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