Hirnforscher Spitzer: "Gewalt wird gelernt"

Fallback Image STN
Stuttgarter NachrichtenErklären Sie uns doch bitte noch einmal kurz, wie sich die ständige Berieselung mit Gewalt im Gehirn auswirkt. Welche Mechanismen spielen sich dort ab?
Letztlich wird gelernt. Es ist dabei egal, ob man virtuell trainiert oder real – beides hat entsprechende Folgen. Man gewöhnt sich Gewaltbereitschaft an und stumpft gegenüber Gewalt ab. Dies ist in sehr vielen Studien nachgewiesen.
Ist dieser Prozess umkehrbar?
Nicht wirklich. Vor allem gilt: Was man als junger Mensch lernt, bleibt lebenslang hängen. Wenn also Kinder und Jugendliche täglich Gewalt „üben“, dann werden sie gewaltbereiter. Was Hänschen gelernt hat, kann sich Hans nur schwer wieder abgewöhnen.
Gibt es eine angeborene Veranlagung zu Gewalt? Ein Art Hirndefekt?
Keinen Defekt, nein. Aber es gibt ganz klar Unterschiede im Hinblick auf die Aggressivität. In Kriegszeiten leben wir alle davon, dass einige Menschen aggressiv sind. Die bekommen dann einen Orden. In Friedenszeiten sitzen sie im Gefängnis.
Welche Maßnahmen müssen jetzt unmittelbar in Angriff genommen werden, damit dieser Entwicklung Einhalt geboten wird?
Ich denke, wir brauchen keine weiteren Studien, um zu handeln: Mediale Gewalt – Computerspiele, TV-Sender usw. – sollte besteuert werden. Dann würde sie teurer und die Gleichung – Gewalt wird angeschaut, dafür kriegen wir Werbeeinnahmen – ginge nicht mehr auf. Man müsste dann gutes Programm ohne Gewalt machen.
Sind Sie optimistisch, dass die Politik jetzt endlich in diesem Sinn handelt?
Eher nicht. Es gab ja schon genug Schreckliches. Vor allem spielt sich viel „kleine Gewalt“ tagtäglich in Schulbussen und auf Schulhöfen ab. Wir brauchen eigentlich keine schlimmen Ereignisse wie den Amoklauf in Winnenden, um zu handeln.
Geben Sie bitte Eltern drei Tipps, wie sie Ihrer Meinung nach ihre Kinder aufwachsen lassen sollen.
Sie lieb haben. Sie ernst nehmen. Die Dosis an Bildschirmmedien so gering wie möglich halten.