Einwohnerrückgang in Stuttgart
: Die schrumpfende Großstadt

Die Landeshauptstadt verliert weiter an Einwohnern und ist bundesweit nur noch neuntgrößte Stadt. Das hat viel mit dem Thema Wohnen zu tun, bei dem die Stadt dringend mehr tun muss. Ein Kommentar von Jan Sellner
Kommentar von
Jan Sellner
Stuttgart
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Stadtansicht. Stuttgart Süd. Dicht besiedeltes Stadtgebiet. // 03.05.2021. Europa, Deutschland, Baden-Württemberg, Stuttgart. *** Cityscape Stuttgart South Densely populated urban area 03 05 2021 Europe, Germany, Baden-Wuerttemberg, Stuttgart

Der Süden von Stuttgart - überall in der Landeshauptstadt ist der Wohnraum knapp.

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Stuttgart – hätten Sie's gewusst? – ist heute auf dem Stand von 1956. Jedenfalls was die Einwohnerzahl betrifft. Damals, vor 70 Jahren, zählte die Stadt fast exakt so viele Bewohner wie heute: rund 602.000. Es folgten Jahre des Wachstums, die darin gipfelten, dass Stuttgart 1962 rund 640.000 Menschen zählte – der bisher höchste Stand. 1976 fiel die Einwohnerzahl wieder unter die 600.000-Marke. Es dauerte bis 2008, ehe sie wieder überschritten wurde. 2019 waren es 635.000 Einwohnern. Seitdem geht es kontinuierlich bergab. Nicht auszuschließen, dass die Einwohnerzahl demnächst abermals unter die 600.000 sinkt.

Muss einem das Sorgen machen? Eigentlich schon. Bemerkenswert ist, dass andere Großstädte eine gegenläufige Entwicklung verzeichnen: Sie wachsen! Stuttgart, das lange die sechstgrößte deutsche Stadt war, liegt im aktuellen Ranking nur noch auf Platz neun. Düsseldorf, Leipzig, Dortmund sind an Baden-Württembergs Landeshauptstadt vorbeigezogen. Und der Abstand zur zehntplatzierten Stadt Essen ist nicht mehr allzu groß.

Man kann argumentieren, Größe allein sage nichts aus, schon gar nicht über die Lebensqualität, bei der Stuttgart in diversen Erhebungen gut bis sehr gut abschneidet. Und erst jüngst feierte sich die Stadt dafür, dass sie beim Zukunftsthema Digitalisierung bundesweit auf dem Spitzenplatz landete. Mit der Einwohnerzahl schrumpft also nicht automatisch das Selbstbewusstsein.

Der auffällige Rückgang ist jedoch ein Hinweis darauf, dass bei aller Stuttgart-Liebe längst nicht alles zum Besten steht. Und vielleicht ist es ja gerade enttäuschte Liebe oder sind es enttäuschte Erwartungen, dass seit einigen Jahren mehr Menschen aus der Stadt wegziehen, als zuziehen – speziell ins Umland, wo man leichter eine Wohnung findet, die eher bezahlbar ist.

Der Stadt ist es bis heute nicht gelungen, für Entlastung auf dem Wohnungsmarkt zu sorgen. Es entstehen schlicht zu wenig neue Wohnungen. Gleichzeitig nehmen Großprojekte wie das  Rosensteinquartier den Charakter von Luftschlössern an, weil die Zeitschiene bis zu ihrer Realisierung immer länger wird. Und weil auch der natürliche Saldo negativ ist, es in Stuttgart also mehr Sterbefälle als Geburten gibt, verliert die Stadt an Größe. Erschwerend kommen nun noch Einbußen durch die Wirtschaftslage hinzu.

Stuttgart heute, das ist eine Großstadt zwischen Zuversicht und Zukunftssorgen. Die Zuversicht gilt es zu stärken, indem man die Sorgen – gerade beim Thema Wohnen – ernst nimmt und bearbeitet.