Detroit und Stuttgart
: Wie man Gespenster vertreibt

Der Künstler Lowell Boileau hat den Niedergang Detroits miterlebt – und am Wiederaufstieg der Stadt mitgewirkt. Von ihm kann man auch in Stuttgart einiges lernen. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Kommentar von
Jan Sellner
Stuttgart
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Lowell Boileau: Der aus Detroit USA stammende Künstler Lowell Boileau hat im Jahre 1992 einen Gelenkbus der SSB zum fahrenden Kunstwerk umgewandelt. Gespräch mit ihm fast 35 Jahre später.

Künstler und Mutmacher aus Detroit: Lowell Boileau

Lichtgut/Leif Piechowski

In Stuttgart geht von Zeit zu Zeit ein Gespenst um. Es heißt Detroit. Damit verbinden sich reale Bilder einer Industriewüste, Bilder des Abstiegs und der Depression. Der tiefe Fall der einst boomenden Stadt steht sinnbildlich dafür, was eintreten kann, wenn eine Region den Strukturwandel verpasst.

Vor 100 Jahren war Detroit die reichste Stadt der Welt. Dank Ford, General Motors und Chrysler. Die drei Autoriesen formten Detroit zur Motor City. Am Ende des Jahrhunderts folgte der Totalschaden. Die Autoindustrie kollabierte, Zehntausende wurden arbeitslos, Hunderttausende zogen weg. Ein Exodus. Zurück blieb eine Geisterstadt. Dieses Schreckensszenario, verstanden als Warnung, wird angesichts der Krise der deutschen Automobilindustrie häufig bemüht. Speziell in der Region Stuttgart, die vom Auto ähnlich stark geprägt ist, wie Detroit es war.

Manchmal begegnet einem dieses Gespenst auch in der Verneinung. Als müsse man ihm nur laut und energisch genug entgegentreten, dann werde es sich schon verflüchtigen. Wie Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper, der jüngst beim Wirtschaftsempfang der Stadt erklärte: „Stuttgart lebt und wird trotz Krise in der Automobilindustrie nicht zu einem zweiten Detroit!“. Seine Feststellung untermauerte er mit der Zahl von knapp 438.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Zudem habe Stuttgart „in vielen Bereichen der Innovation“ eine Vorreiterrolle.

Ob das reicht, das Gespenst zu vertreiben? Vermutlich kommt es auch auf die Haltung der Menschen an. Von Lowell Boileau, einem Künstler aus Detroit, der in diesen Tagen Stuttgart besuchte, kann man in dieser Beziehung einiges lernen. Er dokumentierte die Entwicklung in seiner Heimatstadt nicht nur in Bildern. Seine Kunst besteht auch darin, dass er sich der Weltuntergangsstimmung entzog. Frühzeitig eröffnete er eine digitale Plattform mit dem Namen „DetroitYes“, auf der sich die Bürger über die Zukunft ihrer Stadt austauschen konnten und dies in der Folge auch intensiv taten. Ein relevantes Forum der Ideen und der Beteiligung entstand.

Heute ist Detroit kein Schreckensgespenst mehr, sondern ein Beispiel für eine aufstrebende Stadt. Boileaus Verdienst ist es, an diesem Stimmungsumschwung aktiv mitgewirkt zu haben. Sein Beispiel zeigt: Krisenbewältigung ist auch Kopfsache. Mit Jammern vertreibt man keine Geister. Es braucht Mutmacher und Anpacker und die Bereitschaft, die Zukunft der Region mitzugestalten.