Chirurgie Bad Cannstatt
: Ärztepfusch und falscher OP-Bericht

Der 45-jährige Christian Fiedler hat seine Lebensversicherung gekündigt, denn er wird ihre Fälligkeit nicht erleben. Die Schuld sieht er bei Fehlern des Krankenhaus Bad Cannstatt.
Von
Klaus Eichmüller
Stuttgart
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In jungen Jahren rannte Christian Fiedler im Verein in Fellbach-Oeffingen leidenschaftlich hinter dem Fußball her. Später ging er gern in die Muckibude. Heute bringt er bei 1,70 Meter Körpergröße knapp 50 Kilo auf die Waage - doch nur in guten Phasen. In schlechten schafft er es nicht einmal mehr, sich auf spindeldürren Beinen vom Krankenhausbett zum Waschbecken zu schleppen. "Mein Sohn ist nur noch ein Wrack", sagt die 68-jährige Mutter Margarete und bricht in Tränen aus. "Im Krankenhaus Bad Cannstatt haben sie ihn kaputtoperiert." Christian nickt. "Ja, dort haben sie mich 2004 vermurkst."

Seit 1. Oktober 2003 ist Professor Uwe-Jörg Hesse Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemein- und Visceralchirurgie im Krankenhaus Bad Cannstatt. Nach Stationen in Bonn, Köln, Minnesota und als Chef der Transplantationschirurgie der Uniklinik Gent bekommt der Mediziner im Gemeinderat breite Zustimmung. Das kommunale Gremium wählt Hesse mit 54 von 58 Stimmen zu Chefarzt.

Als junger Erwachsener erkrankt Christian Fiedler an Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Begleitet wird sie von Bauchschmerzen, Fieber, Durchfall, Erbrechen und gelegentlich von schweren Komplikationen. Zweimal, 1985 und 1997, muss Fiedler wegen Darmverschluss operiert werden. Beide Eingriffe im Krankenhaus Bad Cannstatt verlaufen unter der Leitung des Vorgängers von Hesse problemlos. "Dann hatte mein Sohn sieben Jahre lang Ruhe", erinnert sich Margarete Fiedler. Bis zum 16. Februar 2004 abends. Christian, der zu dieser Zeit als Bäckereifahrer arbeitet, bricht beim Schließen des Garagentors unter Schmerzen zusammen.

Noch in der Nacht zum 17. Februar 2004 wird Christian Fiedler im Krankenhaus Bad Cannstatt aufgenommen. Dort kennt man den Patienten, dort wurde ihm in der Vergangenheit geholfen. Fiedler wird eine Magensonde gelegt, er bekommt schwere Schmerzmittel. Am nächsten Tag beginnen Untersuchungen. Vor Schmerzen erbricht der Patient die Magensonde. "Er lag am Boden und hat sich gekrümmt", sagt die Mutter. "Ich habe den Arzt um eine Operation angebettelt", sagt Christian. Bei der Visite tritt ihm erstmals Hesse gegenüber. Auf die Frage, was er denn habe, erhält der Patient nur eine kurze Antwort: "Das wissen wir nicht." Am nächsten Tag, dem 19. Februar, kommt nach dem Abschluss einer weiteren Untersuchung gegen 12.30 Uhr Hektik auf. Christian soll sofort operiert werden. Doch der Eingriff beginnt erst um 18.30 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt liegt der Patient im Schock mit Blutdruck 60/40.

"So etwas haben wir noch nie gesehen", erzählt später ein an der Operation beteiligter Arzt dem Patienten. Im OP-Bericht schreibt der Operateur, ein Oberarzt, wörtlich: "Völlig überraschend liegt eine Dünndarmgangrän vor, der Dünndarm ist vollständig schwarz und an manchen Stellen bereits gedeckt perforiert." Zwischen drei und fünf Meter des Organs sind wegen Durchblutungsstörung abgestorben. "Deshalb Zuzug von Herrn Professor Hesse und Demonstration des Befundes", heißt es im Bericht. Und: Auch Hesse sei der Ansicht, dass der Dünndarm weitgehend zu entfernen sei.

Seit Februar 2004 hat Christian Fiedler so gut wie keine feste Nahrung mehr zu sich genommen. Alles was er isst, gibt er rasch und unverdaut in beiden Richtungen wieder von sich. Eine Folge des so genannten Kurzdarmsyndroms. Ernährt wird er mit diversen Flüssigkeiten, die ihm über mehrere Schläuche intravenös zugeführt werden. Nicht nur Fettemulsionen tropfen ihm in die Adern. Das Menü der anderen Beutel listet Aminosäuren, Elektrolyte und Glukose mit Calcium auf.

Vor dem Landgericht Stuttgart hat Fiedler die Stadt Stuttgart als Träger des Krankenhauses Bad Cannstatt auf Schmerzensgeld und Schadenersatz verklagt. Bei der ersten Verhandlung im Januar 2008 wurde zwei medizinische Gutachter gehört. Beide bemängeln, dass Fiedler in Cannstatt zu spät operiert wurde. Wäre am 19. Februar 2004 bereits um 16 Uhr operiert worden, so der Gerichtsgutachter, hätten "noch gewisse Chancen bestanden, dass der Darm sich regeneriert haben könnte". Der von Fiedler selbst beauftragte Gutachter wird noch deutlicher: "Die Verzögerung um mindestens vier Stunden stellte eine Verletzung der Sorgfaltspflicht dar, ist schlechterdings nicht mehr nachvollziehbar und durfte einem durchschnittlichen Chirurgen nicht passieren."

Inzwischen kommt der Rechtsstreit nicht recht voran. "Die Stadt als Beklagte beantragt immer wieder Ergänzungsgutachten", sagt Hans Christ, der Rechtsanwalt von Fiedler. "Ich habe den Eindruck, die Stadt spielt auf Zeit."

Professor Claude Krier, als Klinischer Direktor des Klinikums Stuttgart ranghöchster Mediziner der kommunalen Krankenhäuser in Stuttgart, verweist im Fall Fiedler auf den noch nicht abgeschlossenen Rechtsstreit. "Es ist unser Grundsatz, zu einem schwebenden Verfahren nichts zu sagen", sagt Krier. Auch stehe die Trennung von Hesse in keinerlei Zusammenhang mit dem Fall Fiedler und möglichen anderen Schadensfällen. "Übrigens haben sich in der Trennungsvereinbarung zwischen Klinikum und Professor Hesse beide Seiten gegenseitig verpflichtet, zu den Gründen der Trennung keine Angaben zu machen", sagt Krier. An diese Regelung hält sich auch Hesse selbst. Über die Pressestelle des Klinikums lässt er nur mitteilen, dass er sich zu einem schwebenden Verfahren nicht äußern werde.

Dabei gibt es inzwischen nicht nur ein, sondern mindestens drei schwebende Verfahren im Verantwortungsbereich von Hesse. Eine 53-jährige Frau wirft in ihrer Klage der Stadt vor, ihr Leben sei in der Abteilung von Hesse durch schwere Komplikationen bei einer Magenverkleinerung verpfuscht wurde. Auch der 54-jährige Baumaschinenmonteur Udo G. lässt über seinen Anwalt Hans Christ eine Klage vorbereiten. Sein Vorwurf: Nach einer Tumoroperation im Jahr 2005 sei ihm eine Naht im Dickdarm geplatzt. Weil die sich daraus entwickelnde lebensbedrohliche Infektion zu spät erkannt worden sei, hätten ihm später auch große Teile des Dünndarms entfernt werden müssen. Vor einer Kommission der Ärztekammer, bei der der inzwischen berufsunfähige Udo G. Klage führte, begegnete er Hesse wieder. "Er sagte zu mir, nehmen Sie ihre Rente und geben Sie Ruhe." Daran denkt Udo G. nicht.

Zurück zu Christian Fiedler. Inzwischen hat sein geschundener Körper eine lange Odyssee durch viele Krankenhäuser hinter sich. Diverse Blutvergiftungen, Herzklappenentzündung, Nierenversagen. Am 3. Dezember 2008 wird er auf die Notfallliste von Eurotransplant gesetzt. Am 16. Dezember werden ihm an der Uniklinik Tübingen zwei Nieren und ein Dünndarm transplantiert. Seither hat sich für Christian Fiedler nur wenig geändert. Er liegt weiterhin im Krankenhaus. Nur am Infusionsständer hängen jetzt ein paar Beutel mehr: Schmerzmittel und Medikamente zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktion.

Dennoch hat sich inzwischen Entscheidendes getan - und das gibt Christian Fiedler Hoffnung, den verzweifelten Kampf gegen die Stadt und den Chefchirurgen in Bad Cannstatt doch noch zu Lebzeiten gewinnen zu können. Im Operationsbericht aus Cannstatt ist wörtlich von einer verbleibenden Dünndarmstrecke von "ca. 50 cm" die Rede. Im Operationsbericht aus Tübingen liest sich das anders. Dort wird der bei der OP vorgefundene "verbliebene Restdarm" mit einer Länge von "etwa 20 cm" angegeben. Für Fiedler ist damit klar, dass der OP-Bericht aus Cannstatt falsch ist. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand so verschätzen kann", sagt Fiedler. Seine Vermutung dürfte schon bald auch die Staatsanwaltschaft interessieren. "Die haben in Cannstatt ein paar Dezimeter hinzugeschwindelt, weil sie dachten, das erfährt ja keiner", sagt Fiedler.

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