Besondere Stuttgart-Momente: Geige und Gänsehaut


Markus Reinhardt, Mano Guttenberger und Krystiane Vajda (von links) bei der Verleihung des Gregor-Gog-Preises durch Roland Saurer (rechts) von der Landesarmutskonferenz.
Jan SellnerBerührende Momente – davon gibt es im Hamsterrad des Alltags nicht viele. Stress und Staunen vertragen sich nicht. Manchmal brechen sich solche Momente jedoch unvermittelt Bahn und wirken wie eine Bremse. Man steigt dann aus dem Hamsterrad aus, setzt sich auf einen Stuhl und lauscht.
Ein solcher Moment ereignete sich diese Woche bei der Verleihung des Gregor-Gog-Literaturpreises in der Leonhardskirche. Der Preis ist benannt nach dem Vagabunden Gregor Gog, einem der führenden Köpfe des berühmt gewordenen „Vagabundenkongresses“, der 1929 auf dem Killesberg tagte. Vergeben wird der Preis von der Landesarmutskonferenz, die in dieser Woche ihre jährliche Aktionswoche veranstaltete, um an das oft verdrängte Thema Armut zu erinnern. Die aktuellen Preisträger kommen aus Köln. Es sind der Musiker Markus Reinhardt und seine Frau, die bildende Künstlerin Krystiane Vajda. Soweit so gut. Und wo ist das Berührende?
Es besteht in einer wahren Geschichte. Sie handelt von der Kölner Sinti-Familie Reinhardt, einer Musikerfamilie, die zusammen mit anderen Sinti und Roma 1940 über Zwischenstationen nach Auschwitz deportiert wurde. Viele Familienmitglieder kamen ums Leben. Der Großvater und ein Teil der Familie überlebten und kehrten 1945 zu Fuß nach Köln zurück. Lange hat die Familie darüber geschwiegen. Aus Scham über das Durchlittene. Markus Reinhardt, der Enkel, durchbrach das Schweigen und machte die Geschichte bekannt, die stellvertretend für viele Roma und Sinti-Schicksale steht. Seine Frau schrieb sie auf. Lukas Ruegenberg, ein Benediktinermönch und Künstler, machte ein Buch daraus: „Niemals wegschauen: Der Weg der Sinti-Familie Reinhardt.“
In der Leonhardskirche haben Markus Reinhardt und Krystiane Vajda diese Geschichte jetzt vorgetragen. Untermalt mit einem Walzer, den Reinhardt von jenem Mann erlernte, dem die Nazis einst in Auschwitz befahlen, auf der Geige deutsche Märsche und Walzer zu spielen, wenn die Insassen des „Zigeunerlagers“ morgens zur Zwangsarbeit aus- und abends wieder einrückten.
Dieser eine Walzer aber war ganz anders. Selbstkomponiert aus Liebe, Mitgefühl und Hoffnung. Der Moment, als Markus Reinhardt das Stück in der Leonhardskirche anstimmte, begleitet von dem Stuttgarter Gitarristen Mano Guttenberger, der ebenfalls aus einer Sinti-Familie stammt, war eine große Kraft und Innigkeit zu spüren. Etwas, das stärker ist, als Hass, Ausgrenzung und Rassenwahn. „Nehmt diese Hoffnung in den Alltag mit“, bat Krystiane Vajda. Man kann gar nicht anders.