Ausgehen in Stuttgart: Die Lerche 22 – neuer Club in historischem Gebäude

Eine Postkarte von 1935 zeigt den Marquardt-Bau, damals noch ein Hotel.
imago/ArkiviDer Gast war abgebrannt. Völlig pleite. 12.100 Gulden schuldete er anno 1864. So hat es Richard Wagner selbst notiert. Fünfzig Jahre alt war er, hatte neun Opern komponiert, werkelte am „Meistersinger von Nürnberg“ und gab Geld aus, als gäbe es kein Morgen. Aus Wien flüchtete er vor den Gläubigern, dichtete voller Sarkasmus seinen eigenen Grabspruch „Hier liegt Wagner, der nichts geworden ist, nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden; nicht einen Hund hinterm Ofen entlockt er, Universitäten nicht mal nen Doktor.“ Was macht man in einer solchen Lage? Man geht nach Stuttgart.
Richard Wagner hoffte in Stuttgart auf Hilfe
Obschon die Aufführung von „Tannhäuser“ im Hoftheater 1859 eher mau aufgenommen worden war. Doch Wagner schätzte die Mineralbäder in Bad Cannstatt und kannte den Konzertmeister Eckert, hoffte, dass man seine Werke aufführe. Und selbstverständlich logierte er im Hotel Marquardt am Schlossplatz, dem besten Hause der Stadt. Er hatte kein Geld, aber hohe Ansprüche. Und der Hotelchef war ein Freund der Musik, hielt ihn frei. Noch heute erinnert eine Tafel am Gebäude an diese Episode aus Wagners Leben.

Impressionen aus der Disco Palais
Foto: Andreas RosarDie Tafel hängt an einer Fassade, die das einzige ist, die von diesem einzigartigen und geschichtsträchtigen Ort übrig ist. 1944 fällten die Bomben der Allierten den Bau, nur die Außenmauern blieben stehen. Da war aber die große Zeit des Marquardt schon vorbei.
Eine Herberge für Reisende
Begonnen hat seine wechselvolle Geschichte im Jahre 1838. Der Gasthofbesitzer Wilhelm Marquardt hatte ein Gespür für Geschäfte. Der Bahnhof war damals in der Schlossstraße (heute die Bolzstraße), Gäste strömen in die Stadt und wollen übernachten. Unmittelbar neben dem Bahnhof eröffnet der clevere Schwabe das erste Hotel Marquardt in der Königstraße. Er investiert, kauft Gebäude dazu, 1857 zieht das Marquardt an die heutige Stelle. Es wird schnell die erste Adresse der Stadt. Otto von Bismarck übernachtet, Graf Zeppelin, Karl May, der Musiker Franz Liszt gibt 1860 im Festsaal des Hotels ein Konzert. Als Soldaten 1920 putschen, flieht die Reichsregierung aus Berlin nach Stuttgart, tagt im Kunstgebäude, die Minister wohnen natürlich im Marquardt. Vier Tage war Stuttgart Hauptstadt, ehe ein Generalstreik die Putschisten in die Knie zwang. Man ist ja gerne selbstkritisch hierzulande, aber tatsächlich war diese Stadt schon immer liberaler als viele glauben: In den 1920-er Jahren trafen sich im Café Marquardt die „HomoEroten“, wie sie sich selbstbewusst nennen. Max Schmeling stieg hier ab, vor seinem Kampf gegen Adolf Heuser in der Adolf-Hitler-Kampfbahn.
Dann fielen die Bomben. Nach dem Krieg baute der Architekt Eugen Mertz den Bau wieder auf. Bis heute gehört es der Familie. Die Innenstadt-Kinos und die Komödie im Marquardt sind bis heute dort, im Laufe der Jahre schauten Gina Lollobrigida, Hardy Krüger, Heinz Rühmann, Inge Meysel, Heinz Erhardt, und Theo Lingen vorbei. Und im Erdgeschoß eröffnete Ende 1950 Armin Albert Lerche seinen ersten Plattenladen. Heute lagern dort Getränke.
In Erinnerung daran nennen die Macher ihren neuen Club im Keller des Gebäudes nun Lerche 22. Er öffnet am Samstag, 25. Oktober. In durchaus auch geschichtsträchtigen Räumen. Dort war lange das Palais mit einem Konzept, das sich mehrmals häutete. In den 80erm ging man mit schmalem Schlips und weiten Blousons tanzen; später bot man das an, das man früher Erlebnisgastronomie nannte, und in seiner modernen Form heute noch in Mallorca reüssiert. Macher Peter Seitz verabschiedete sich dann auf große Segeltour. Danach folgten in immer rascherer Folge Village, Marquardts und Tequila Bar. Und als die Brauerei den Laden nun ausräumte, wollte Wizemann-Chef Matthias Mettmann nur einen Kühlschrank sichten, ob er ihn brauchen könne. Und fand Räume, die danach schrien, weiter als Club betrieben zu werden. Gesagt, getan. Mit einer Truppe um Felix Klenk und Timo Kastl versuchen sie zunächst ein halbes Jahr lang den Ort für die Nachtschwärmer zu erhalten.
Aber wie war das nun mit unserem Pleitier Richard Wagner? Der hatte den jungen Bayernkönig Ludwig II um den Finger gewickelt. Genau der Märchenkönig mit Schloss Neuschwanstein. Der schickte seinen Kabinettssekretär Franz Seraph von Pfistermeier los, um Wagner aufzutreiben. Mangels Handy war das damals kompliziert. Pfistermeier reist nach Wien und Zürich, findet Wagner schließlich im Hotel Marquardt. Überbringt einen Ring und ein Foto des Königs und die Einladung nach München. Nachdem die Schulden beglichen sind, reist Wagner ab.

Heinz Erhardt live in der Komödie im Marquardt
Foto: Komödie im MarquardtEr hatte ja eine Liebschaft mit der 24 Jahre jüngeren Cosima, der Tochter von Franz Liszt und Gattin des Dirigenten Hans von Bülow? Von Bülow? Genau. Verwandtschaft von Vicco von Bülow, der als 15-Jähriger mit seiner Familie an den Eugensplatz zieht und am Eberhard-Ludwig-Gymnasium 1941 sein Notabitur macht. Zurück von der Ostfront wird er zu einem der größten Humoristen des Landes – Loriot. Doch das ist eine andere Geschichte.
