Altes Schauspielhaus
: Die Power der Gastarbeiterinnen

Gastarbeiter-Frauen standen bisher eher im Schatten. Mit dem neuen Stück „Die Optimistinnen“ im Alten Schauspielhaus ändert sich das.
Von
Jan Sellner
Stuttgart
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Spielszene aus dem Theaterstück "Die Optimistinnen", das am 12. Juni im Alten Schauspielhaus Premiere hat.

Sabine Layh

. „Istanbul“ im Alten Schauspielhaus – klingelt da etwas? Vermutlich schon, denn das gleichnamige Theaterstück mit Liedern der türkischen Starsängerin Sezen Aksu war vor drei Jahren ein Kassenschlager. Rund 22.000 Besucher sahen die tragikomische, augenöffnende Geschichte rund um den Gastarbeiter Klaus Gruber aus dem strukturschwachen Stuttgart, der in den 1960er Jahren vom Wirtschaftswunderland Türkei angeworben wird, zum Arbeiten nach Istanbul geht und dort versucht, sich zu integrieren. Verkehrte Welt.

„Dieses Engagement ist einmalig in Deutschland. Ich war noch nie an einem Theater so angekommen wie in Stuttgart.“

Murat Yeginer, Regisseur und Schauspieler

Jetzt gibt es ein Nachfolgestück. In der bewährten Zusammenarbeit mit dem deutsch-türkischen Forum Stuttgart und dem Regisseur und Schauspieler Murat Yeginer bringt Intendant Axel Preuß vom 12. Juni an sechs Wochen lang (30 Vorstellungen) die „Optimistinnen“ auf die Bühne, ein musikalisches Schauspiel, angelehnt an den 2022 erschienenen gleichnamigen Roman von Gün Tank. Darin geht es diesmal um eine ungerechte Welt, in der türkische Gastarbeiterinnen für ihre Rechte kämpfen.

Es ist „die Geschichte unserer Mütter“, so der Untertitel des Romans. Auch die der Mutter des in Hamburg und München aufgewachsenen Murat Yeginer. Ihn berührt diese bisher wenig erzählte Geschichte. Er machte daraus eine Bühnenfassung – bereits die zweite. Die erste Fassung der „Optimistinnen“ wurde unter seiner Regie mit großem Erfolg im Stadttheater Bielefeld aufgeführt. Die Stuttgarter Fassung fällt umfangreicher aus; sie enthält zusätzliche Figuren, etwa Dede, einen türkischen Großvater, den Yeginer selbst verkörpert.

Frauen-Power: das Plakat zum Theaterstück „Die Optimistinnen“.

Foto: Martin Sigmund

Hauptfigur ist die junge Nour aus Istanbul, gespielt von Melisa Melek Özel. Anfang der 70er Jahre kommt sie voller Elan nach Deutschland, tut sich als junge Großstädterin jedoch schwer mit dem Leben in der deutschen Provinz. Nour ist progressiv, trägt Stiefel und einen kurzen Rock. In der Oberpfalz begegnen ihr Einheimische mit Kopftuch und langen Kleidern. Auch die Arbeitswelt hat sie sich anders vorgestellt. Die Arbeit in der Fabrik ist hart, die Bezahlung schlecht. Dagegen setzt sie sich mit ihren Freundinnen zur Wehr.

Gastarbeiterinnen erhielten 4,70 Mark pro Stunde

Der Hintergrund ist ein realer. Es geht um den ohne gewerkschaftliche Unterstützung organisierten „wilden Streik“ beim Neusser Automobilzulieferer Pierburg 1973, ein Arbeitskampf, der stellvertretend für viele andere Streiks in jener Zeit steht. Die Initiative dazu ging von „Gastarbeiterinnen“ aus. Sie streikten für mehr Gleichberechtigung und eine bessere Bezahlung.

Nicht nur Türkinnen. Auch Frauen aus Spanien, Griechenland, Italien und dem damaligen Jugoslawien. Bei Pierburg stellten sie nach Angaben des Dokumentationszentrums und Museum über die Migration in Deutschland (MiD) rund 70 Prozent der mehr als 3000 Beschäftigen. Die Entlohnung richtete sich nach der sogenannten Leichtlohngruppe. Das bedeutete 4,70 Mark pro Stunde, Männer erhielten 6,10 Mark für die gleiche Fließbandarbeit. Das Ergebnis des von polizeilichen Festnahmen begleiteten Streiks war die Abschaffung der Leichtlohngruppe und rund 30 Pfennig mehr in der Stunde für die Arbeiterinnen. Ein hart erkämpfter Erfolg. „Es waren unsere Mütter, die das erreicht haben“, sagt Yeginer.

Auf der Bühne wird viel getanzt und gesungen

Das alles schwingt bei den „Optimistinnen“ mit. Und noch einiges mehr. Vor allem Lebenslust. Murat Yeginer ist es wichtig herauszustellen, dass die Elterngeneration, so hart die Umstände waren, „nicht da saß und heulte“, sondern das Leben genoss. Unterstrichen und untermalt wird dies auch musikalisch. Begleitet werden die „Optimistinnen“ Nour, Tülay (Selda Falke), Mercedes (Sorina Kiefer), Ira (Ursula Berlinghof) und Su (Yasemin Cec) von einer vierköpfigen Band aus Multiinstrumentalisten, die teils auch schon bei „Istanbul“ auf der Bühne standen und Stücke von Tarkan, Sezen Aksu oder Âşık Veysel spielen. Es wird viel gesungen und getanzt. „Die Opulenz und die Zartheit der türkischen Musik geht ins Herz und in den Bauch“, sagt Regisseur Yeginer. Das empfindet auch der Intendant Preuß so. Er hofft, dass sich, wie schon bei „Istanbul“, ein „interkulturelles Publikum“ angesprochen fühlt und „das Parkett ein Abbild unserer Vielfaltsgesellschaft sein wird“.

Eine Schokolade aus Deutschland, die jeder in der Türkei kennt

Die Frauen-Power auf der Bühne dürfte das ihre dazu beitragen. Ein Besuch bei den Proben zeigt: „Die Optimistinnen“ gehen kraftvoll zu Werk. Murat Yeginer steigert die Intensität durch seine Regiearbeit noch. Er legt wert auf die Details. Dazu gehört auch die „Nussknacker“-Schokolade aus Deutschland, „die in der Türkei jeder kennt“, wie er sagt. Eine Botschaft der „Optimistinnen“ lautet für ihn: „Unterschätzt nicht die Kraft der türkischen Frauen!“ Nicht zu unterschätzen ist auch das Engagement des deutsch-türkischen Forums, das rund um das Theaterstück ein üppiges Begleitangebot aus Publikumsgesprächen, Filmvorführung und Ausstellungen organisiert hat. Dem Geschäftsführer des deutsch-türkischen Forums, Kerim Arpad, macht Yeginer ein Kompliment: „Dieses Engagement ist einmalig in Deutschland.“ Er selbst fühlt sich am richtigen Platz: „Ich war noch nie an einem Theater so angekommen wie in Stuttgart“. Das will was heißen, kurz vor dem 50-jährigen Bühnenjubiläum.

Weitere Informationen unter www.schauspielhaus.de

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