Aktion Weihnachten: Eric Gauthier gibt sein Comeback bei der Nacht der Lieder
Es war eine eherne Regel. They never come back. Sie kommen nie zurück. Das galt für die Schwergewichtsboxer, bis Floyd Patterson sich den Weltmeistertitel zurück erkämpfte. Nun ist Eric Gauthier eine andere Gewichtsklasse, vor Schwergewichten schreckt er aber nie zurück.
Ein Weihnachtslied für jeden Gast
So gab er nach fünf Jahren Pause bei seiner Rückkehr zur Nacht der Lieder im Theaterhaus eine Mischung aus George Michael, Dean Martin und Noel Gallagher, moderierte mit dem ihm angeborenen Charme und sang mit Schmelz in der Stimme ein Weihnachtslied für jeden Gast, der auf die Bühne kam. Und was für Gäste das waren. Sie traten auf zugunsten der Aktion Weihnachten, die jenen hilft, denen es nicht so gut geht in dieser Stadt. Unsere Leser spenden dafür seit Jahrzehnten. Dafür wurden sie zum 23. Mal beglückt mit einem Programm, vielfältig wie die Stadt, eine Revue von Nummern, die eigentlich nicht zusammenpassen und sich doch immer wieder bestens ergänzen.
Zusammengestellt von Kolumnist Joe Bauer, der in seinen Streifzügen die Stadt erkundet und immer wieder neue Schätze ausgräbt. Weil er mit offenen Augen und Ohren als Spaziergänger unterwegs ist, weil Kunst für ihn mehr ist als Bespaßung.
„Das Wort Kultur im Zusammenhang mit staatlicher Förderung, generös Subvention genannt, wird so schwammig gebraucht, dass ein großer Teil der Bevölkerung Kultur für einen nicht systemrelevanten, also verzichtbaren Zuschussbetrieb halten muss“, las er aus einem seiner Texte, „weniger lebenswichtig als Dubai-Schokolade, auch wenn hin und wieder eingeräumt wird, dass etwas Unterhaltung und emotionale Gemeinschaftserlebnisse den städtischen Standortfaktor aufwerten. Bringt Umsatz.“
Nur ein Standortfaktor?
Im Theaterhaus zeigt er, dass Kunst mehr wert ist als zusammengerührte Pistazien, Schokolade und Engelsfäden, dass diese Stadt mehr zu bieten hat als Burger-Läden, Zimtschnecken und leicht zu verdauende so genannte Events. Es ist zu spüren: Kunst ist Herzenssache, Leidenschaft für die Menschen, die da auf der Bühne stehen. Mit so vielen Facetten, ein Kaleidoskop, das sich dreht und zu einem Großen und Ganzen fügt, das ein Bild einer Stadt ergibt, die mehr ist als ein Standort, sondern Heimat für ganz viele, für ganz viele geworden ist.
Das Lied vom Streuner
Cemre Yilmaz, geboren in Ankara, hat an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studiert. Sie trat mit Christoph Neuhaus an der Gitarre und Sandi Kuhn am Saxofon auf. Und sang vom Frieden, „Peace“, ein Jazz-Stück von 1959, aktueller denn je. Und eine Komposition von Neuhaus, vom „Rambling Bird“, einem Streuner, der sich treiben lässt. Auch Mefo haben die Weltenläufe nach Stuttgart getrieben. Sie singt Lieder aus Kamerun, begleitet von John Thobe an der Gitarre. Lieder vom Verlust der Kinder und von Wut und Aufbegehren, „Enough is enough“ – genug ist genug.
Tango auf der Marimba
Genug ist genug, das gilt für Patrick Bopp und Jasmin Kolberg nicht, beide sind Stammgäste bei der Nacht der Lieder. An Marimba und Klavier zeigen sie, dass Stuttgart auch Tango kann, zwei Stücke von Astor Piazzolla spielten sie. Die Reise führte über Argentinien nach Augsburg. Sandra Hartmann sang, begleitet von Oliver Prechtl und Dieter Fischer, Lieder des großen Schwaben Bertolt Brecht. Etwa die Ballade von der sexuellen Hörigkeit. Tatsache, dies ist erlaubt mittlerweile in der Hauptstadt des Pietcong.
Man ist ja auch so liberal, dass eine „Kieler Kondolenz-Krawatte“ wie Helge Thun sich selbst nennt, auftreten darf. Er reimt gerne zu Aktuellem, etwa dass im Enzkreis an „Richtig-Parker“ Schoko-Nikoläuse verteilt wurden. „Im Sommer gibt es, so weit ich weiß, für Falschparker ein Schokoeis, wollen die halt ihre Scheibe wischen, dann schmiert es halt ein büschen. Oder auf schwäbisch: d’r Scheibenwischer braun und bäppig isch er!“
Schokolade auf dem Scheibenwischer
Kiel? Darüber kann Natasha Te Rupe Wilson nur milde lächeln. Sie flog um die halbe Welt zu ihrem neuen Zuhause. Die Neuseeländerin singt Sopran an der Staatsoper. Und wurde begleitet von Vlad Iftinca am Klavier. „Ein künftiger Weltstar“, versucht sich Gauthier als Prophet. Der im Hier und jetzt beim Interview anerkennen muss: „Du sprichst besser Deutsch als ich!“
Einmal um die halbe Welt
Gut kokettiert ist halt halb gewonnen. Gauthier war aber nicht nur als Confèrencier gefragt, sondern auch als „Papa der Kompagnie“. Seine Nachwuchstruppe, die Gauthier Dance Juniors tanzten zu Ravels „Bolero“ – auf Trampolinen. Auch Loisach Marci bringt zusammen was nicht zusammen gehört. Schwaben und Bayern, Alphorn und Techno, er brachte den Saal zum Toben.
Und eines war schon gestern klar: Sie kommen wieder zurück: Zur 24. Nacht der Lieder im Jahre 2025. Karten dafür wären doch ein schönes Weihnachtsgeschenk.










