: 1. Mai 1986 – die radioaktive Wolke erreicht Stuttgart
Die Reaktorexplosion ist für die Stuttgarter rasch nicht nur ein Thema in den Nachrichten gewesen. Denn kurz nach dem Gau strahlten die Partikel auch in der Landeshauptstadt.
Saubere oder verstrahlte Ware? Ein Techniker untersucht im Stuttgarter Großmarkt frisches Obst, Gemüse und Salat auf radioaktive Partikel.
Kraufmann/Thomas Hörner
Thomas Durchdenwald: Es war ein bisschen wie ein Wettlauf, den man nicht gewinnen konnte. Als die radioaktive Wolke aus Tschernobyl sich nach Westeuropa aufmachte, fuhren wir gen Westen und machten Urlaub an der spanischen Küste. Aus dem Autoradio kam im Halbstundentakt eine Katastrophenmeldung nach der anderen, bis nur noch ein Krächzen zu hören war – und Tschernobyl plötzlich kein Thema mehr war. In Spanien ging das Leben seinen normalen Gang – auch auf dem Teller: Salat, Tomaten, Gemüse. Ab und zu schnappten wir Wortfetzen wie „Was, der Kinderspielplatz ist geschlossen?“ auf, wenn Deutsche aus Telefonzellen im Brüllton mit Zuhause telefonierten. Erst auf der Heimfahrt holte uns die radioaktive Wolke ein: in Spanien und Frankreich sah alles normal aus, doch nach der Grenze in Deutschland gab es neben der Autobahn Felder, die abgedeckt oder nicht abgeerntet waren. Als wir am Abend bei Freunden zum Grillen waren, erklärte uns die Gastgeberin unmissverständlich: „Salat und Tomaten gibt’s natürlich nicht“. Archiv
Heidemarie A. Hechtel: „Vom Ernst des Lebens halb verschont ist der schon, der in München wohnt“, dichtete Eugen Roth. Warum hätten sich die Münchner auch Sorgen machen sollen. Höchstens, ob am 1. Mai und dem langen Wochenende die Sonne scheint. Wir planten einen Kurztrip nach München, dann kamen Meldungen über Tschernobyl. In München bestehe kein Grund zur Beunruhigung, sagte Innenminister Zimmermann. In der Nacht regnete es – dass es radioaktive Wolken waren, wusste noch niemand. Am Morgen schien die Sonne, es wurde ein Traumtag. Später hörten wir, dass vor langen Aufenthalten im Freien gewarnt wurde. Der Ernst des Lebens hatte München eingeholt.
Archiv
Wolfgang Schulz-Braunschmidt: Fünf Jahre nach der Atomkatastrophe kam ich mit einem der ersten Hilfskonvois aus Stuttgart in die Tschernobylzone. In Strelitschewo, einen weißrussischen Dorf vor der 30-Kilometer-Sperrzone, durften die Kinder die Schule nicht verlassen. Morgens wurden sie mit Bussen gebracht und abends wieder abgeholt. Der Schulhof war Sperrgebiet, weil darunter strahlende Schutzanzüge von Arbeitern, die den Sarkophag um den explodierten Reaktor gebaut hatten, „begraben“ worden waren. In der Schule gab es eine künstliche Natur. Das Wasser eines kleinen Teichs war blaue Farbe. Die Schildkröte auf der „Insel“ war aus Plastik, der Wildbach rauschte über eine Fototapete. Dieses Szenario hat uns damals deutlich vor Augen geführt, wie radikal Tschernobyl alles verändert hat: Natur war plötzlich schmutzig. Draußen spielen, rennen oder verstecken war tabu, alles was das Kindsein ausmacht, war verboten. Doch in den Krankenhäusern lagen schon viele auf der Leukämiestation. Auch nach 30 Jahren ist Tschernobyl eine unendliche Zerstörung. Und es bleibt eine atomare Hypothek für viele Generationen.
Archiv
Tom Hörner: Wir machten uns auf den Weg nach Berlin, als man hierzulande gerade gelernt hatte, halbwegs unfallfrei den Namen Tschernobyl auszusprechen. Den Daheimgebliebenen war nicht wohl bei unserer Reise, für sie lag Berlin weiter im Osten und somit dichter dran am Brandherd in Weißrussland. Im Nachhinein eine naive Vorstellung, weil die Windrichtung im Falle eines Gaus schwerer wiegt als die geografische Nähe. Aber die Menschheit hatte mit Nuklearkatastrophen in dem Ausmaß noch keine Erfahrung. Unsere Mission konnten wir schlecht abblasen, die Karten für das Pokalfinale des VfB gegen die Bayern aus München hatten wir vor Wochen gekauft. Mit der U-Bahn ging’s zum Stadion, die Stimmung im Zug war riesig, die Berliner sangen: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus.“ Das Spiel war eine einzige Katastrophe, nicht eine Minute hatte der VfB eine Chance. Stuttgart ging mit 2:5 unter. Das war für uns an diesem 3. Mai 1986 der Gau.
Archiv
Wolf-Dieter Obst: Als Wehrdienstleistender bei der Bundeswehr geriet ich unversehens in große Schwierigkeiten: Damals sollte ich für die Presseabteilung des II. Korps eine Reportage über die Fallschirmjäger von Nagold (Kreis Calw) machen, die in jenen Tagen zu einer Großübung losflogen. Die Soldaten mussten nach ihrem Absprung wie bei einem Atomkrieg die ABC-Schutzkleidung anlegen, so hatte es die Übungsplanung vorgesehen. Also liefen die Männer wie Außerirdische mit Atemschutzmasken durch bayerische Ortschaften. Ein Unteroffizier kritisierte, dass man damit bei der Bevölkerung unnötigerweise große Ängste auslöse – und ich gab ihm damals Recht. Ganz Journalist berichtete ich darüber auch in einer Tageszeitung, was ich als Gefreiter aber nicht hätte machen dürfen. Mir drohten anschließend ernste disziplinarische Maßnahmen. Offenbar bewahrte mich aber ein Vorgesetzter vor meinem persönlichen Tschernobyl.
Archiv
1 / 6
Stuttgart - In der Nacht zum 1. Mai 1986, vier Tage nach der Atomkatastrophe im mehr als 2000 Kilometer entfernten Tschernobyl in der Ukraine, ist die aus dem explodierten Reaktor ausgestoßene radioaktive Fracht auch in Stuttgart angekommen. „Die Wolke ist da.“ Mit diesen Worten alarmiert der Hohenheimer Physikprofessor Hermann Schreiber der Redaktion dieser Zeitung an diesem Feiertag um die Mittagszeit.
Sein Anruf wirbelt die Zeitungsproduktion durcheinander: Tschernobyl wird das in der nächsten Ausgabe fast alle Seiten beherrschende Thema. Das Fremdwort Becquerel ist plötzlich der Maßstab aller Dinge: Wie viele radioaktive Zerfälle pro Sekunde verträgt der Mensch? Besteht eine akute hohe Gefahr? Unverständliche Begriffe und Zahlen sollen das Unberechenbare beziffern. Wie hoch sind Milch, Freilandgemüse und Fleisch, wie hoch der Sand auf Spielplätzen belastet? Der Geigerzähler regiert eine verängstigte Gesellschaft.
Die Lage ist dramatisch und unübersichtlich
Am 2. Mai 1986 empfängt Schreiber einen Fotografen und mich vor seinem Strahlenlabor in Hohenheim. Vor Tür schlägt schrillt eine Klingel, ein empfindliches Messgerät schlägt Alarm. Wir, die Besucher, sind die Gefahr. Denn wir bringen viel Radioaktivität mit. Die stahlenden Partikel sind auf der grünen Wiese, im Sandkasten auf dem Spielplatz, an den Reifen der Autos, an den Schuhsohlen der Zeitungsredakteure. Die sind plötzlich keine distanzierten Katastrophenbeobachter mehr, sondern selbst Betroffene. Tschernobyl ist überall.
Die Lage ist dramatisch und unübersichtlich. Tabletten gegen das radioaktive Jod 131 sind innerhalb weniger Minuten in allen Apotheken ausverkauft. Und in den Supermärkten streiten sich Kunden um die knapp gewordene H-Milch. In Sillenbuch verkaufen die „Mütter gegen Atomkraft“ selbst beschafftes Milchpulver als saubere Babynahrung direkt vom Lastwagen. „Ich habe noch nie so elementare Ängste bei der Bevölkerung erlebt wie in diesen Tagen“, erinnert sich später der damalige städtische Umweltmediziner Hanns Stichler.
In Stuttgart melden die Messgeräte den Faktor 30 über Null
Am 1. Mai 1986 steigt die Radioaktivität im Land stark an. In Stuttgart melden die Messgeräte den Faktor 30 über Normal. Die Informationspolitik der Landesregierung ist widersprüchlich. Die Behörden warnen aber vor dem Genuss von frischer Milch und Freilandgemüse. Im Stuttgarter Großmarkt werden Paletten mit Obst und Gemüse per Geigerzähler überprüft. Belastete Ware wird tonnenweise beschlagnahmt.
Auch drei Jahrzehnte nach der Atomkatastrophe sind deren Auswirkungen in Baden-Württemberg immer noch messbar. Das Fleisch von Wildschweinen aus dem Schwarzwald ist nach Angaben der Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter (CVUAs) in Stuttgart und Freiburg oft noch deutlich mit radioaktivem Cäsium 137 belastet. In 22 Prozent von jüngst untersuchten 770 Proben sind die Richtwerte überschritten. Der höchste Wert findet sich in einer Probe aus dem Kreis Biberach. Die Ursache für die hohen Werte sei die Vorliebe der Wildschweine für den Hirschtrüffel, so die Experten. Der Pilz reichere sich mit Cäsium aus dem Waldboden an.
Die radioaktive Gefahr ist aber noch lange nicht vorüber. Denn das strahlende Cäsium 137 aus Tschernobyl hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Das bedeutet, dass jetzt gerade einmal die Hälfte davon zerfallen ist.