Vom Bankbüro ins SOS-Kinderdorf
: Manager wirft Job hin und wird bald Vollzeit-Papa – von sechs fremden Kindern

Erst Manager und Banker, jetzt Vater von sechs fremden Kindern. Marc Bässler zieht ins SOS-Kinderdorf nach Schorndorf – „Eine Lebensaufgabe“, sagt der 47-Jährige.
Von
Chris Lederer
Rems Murr Kreis
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Marc Bässler freut sich, dass bald mehr Leben ins Haus kommt.

Gottfried Stoppel

Geld? Macht Marc Bässler nicht glücklich. Das weiß er längst. „Ich habe BWL studiert, als Manager eines Golfclubs und bei einer Bank gearbeitet“, sagt er. „Ich hatte nie das Ziel, die Reichen noch reicher zu machen.“ Sinnvolle Arbeit, ein erfülltes Leben, das sieht anders aus.

Jetzt sitzt der 47-Jährige gut gelaunt auf der Terrasse im SOS-Kinderdorf an der Herbert-Gmeiner-Straße in Schorndorf-Oberberken (Rems-Murr-Kreis). Hinter ihm im Haus ist es still. Kein Lachen, kein Weinen, kein Lärm. Kein Wunder: die Kinderzimmer sind leer. Noch. Das wird sich bald ändern. Schon bald ziehen die ersten Kinder ein. Dann wird Marc Bässler Vater – von sechs fremden Kindern.

Wie ein Junge ihn zum SOS-Kinderdorf in Schorndorf bringt

Der Weg dahin war kein geradliniger. Der gebürtige Schwaikheimer war nicht glücklich, sagt er. Zwar habe er gut verdient – aber gespürt: Das war nicht das, was er wirklich suchte. Dann tritt ein Junge aus dem SOS-Kinderdorf seiner Fußballmannschaft bei, die er trainierte. Bässler wird neugierig, besucht den Tag der offenen Tür im Kinderdorf in Oberberken. „Da habe ich mich über alles schlau gemacht: über die Arbeit als Erzieher, in Wohngruppen, im Kindergarten. Das hat mich alles interessiert.“

Das SOS-Kinderdorf aus der Vogelperspektive

Foto: SOS-Kinderdorf

Er beginnt ein Praktikum in der Kita – und erlebt dort einen Schlüsselmoment, der sein Leben verändert. Die damalige Dorf-Leitung bittet ihn, kurzfristig bei einer Ferienfreizeit einzuspringen. Bässler organisiert, fährt mit nach Italien – und steht plötzlich mitten in einer pädagogischen Ausnahmesituation. „Da war ein Kind dabei, das hatte kurz zuvor seine Mutter verloren. Und da hab ich mir schon Sorgen gemacht: Wie geht man unerfahren damit um?“ Es klappt. Als sie zurückkommen, sagt das Kind: „Das war der schönste Urlaub, den es je hatte.“ Bässler sagt: „Dann war’s bei mir durch.“

Bässler ist klar: Er will Erzieher werden. Doch der Einstieg ist alles andere als einfach. Die Ausbildung beginnt jeweils im September – es ist bereits Juli. „Ich hätte eigentlich nur in einer Kita anfangen können. Ich habe in fünf Kitas hospitiert – aber ich habe mich dort einfach nicht wohlgefühlt“, sagt er. Nur an einem Ort spürt er sofort: Hier passt es. In der SOS-Kita „Am Wasserturm“ in Oberberken, wo er auch sein Praktikum absolviert hat. Dort möchte er bleiben – und setzt alles daran. Bässler nimmt Kontakt mit der Bereichsleitung auf, stimmt sich mit der SOS-Zentrale in München ab – und erreicht schließlich, dass er in Oberberken eine praxisintegrierte Erzieherausbildung beginnen darf. „Die war damals noch relativ neu.“ Drei Jahre lang dauert die Ausbildung. Eine intensive Zeit – der Anfang eines neuen Lebenswegs.

Rückkehr ins SOS-Kinderdorf in Schorndorf

Trotzdem bleibt er nach dem Abschluss zunächst nicht im Kinderdorf. Der Grund: Er leitet zu dieser Zeit eine soziale Fußballschule in Schorndorf. „Ich wusste, wenn ich das aufhöre – dann stirbt die. Und ich fand das ein supercooles Projekt.“ Er arbeitet einige Jahre in Kitas, sammelt Erfahrung. Doch der Wunsch, ins SOS-Kinderdorf zurückzukehren, bleibt. Schließlich bewirbt er sich offen – deutschlandweit bei SOS-Kinderdorf. Die Bewerbung landet auch beim Einrichtungsleiter in Oberberken, Rolf Huttelmaier – der erkennt Bässler sofort wieder und möchte ihn als Kinderdorfvater gewinnen. Auch Bässler will. Es folgt das aufwendige Eignungsverfahren: Gespräche mit Psychologen, Personalabteilung, Hospitationen in Kinderdorffamilien. „Man schaut genau, wie man tickt. Es gibt viele Eindrücke, viele Meinungen – und das ist auch richtig so“, erklärt er.

Auch zwei Jungs, vier und sieben Jahre alt, lernen ihn kennen. „Da war der Funke sofort übergesprungen. Die Jungs hatten Bock, ich auch. Das sind jetzt meine zwei ersten fixen Kinder.“ Weitere werden folgen. In der Theorie ist alles denkbar: von Säuglingen bis jungen Erwachsenen. Welche Kinder einziehen, entscheidet sich jeweils im Einzelfall – nach Bedarf, Alter, Vorgeschichte und Zusammensetzung der Gruppe.

Kinderdorfvater: Teamarbeit und Herz im neuen Zuhause

Bässlers neues Zuhause steht mitten im Kinderdorf. Es gibt fünf Kinderzimmer, bei Bedarf Platz für ein sechstes. Ein kleiner Privatbereich für ihn selbst, ein Wohnzimmer, zwei Bäder und Platz für das Team. Kinderdorfeltern sind keine Einzelkämpfer. Zwei pädagogische Fachkräfte gehören dazu, ein Auszubildender – und idealerweise eine Reinigungskraft. „Ohne die geht gar nichts.“ Die Rolle des Kinderdorfvaters beschreibt Bässler so: „Man ist die wichtigste Bezugsperson – immer da. Und gleichzeitig auch Teamleitung.“ Aber Hierarchie spiele hier keine Rolle. Es müsse menschlich passen, auch im Team. „Die Kinder spüren sofort, wenn das nicht funktioniert.“

In den meisten Fällen betreuen Kinderdorf-Mütter die Kinder – doch es gibt auch Väter und Elternpaare.

Foto: Gottfried Stoppel

Der Alltag wird intensiv. Sechs Arbeitstage pro Woche, ein freier Tag, 32 Urlaubstage im Jahr. „Man kann das flexibel gestalten. Ich werde wahrscheinlich im Rhythmus zwölf Tage arbeiten, und zwei Tage frei haben.“ Für die Kinder werden Freizeiten angeboten, aber auch ein gemeinsamer Urlaub als Kinderdorf-Familie ist möglich. „Das ist wichtig. Man funktioniert als Familie an einem anderen Ort noch mal ganz anders.“

Marc Bässler: Teamgeist und familiäre Werte als Fundament

Was er sich vom neuen Alltag verspricht? „Ich will den Kindern ein stabiles, sicheres Zuhause geben – mit Struktur, Verlässlichkeit, Bindung.“ Dabei hilft das Team, aber auch sein Umfeld. Freunde und Familie ziehen mit. „Ich habe mit allen gesprochen. Die meisten sagen: Dann kommen wir eben zu dir.“ Auch seine beiden Patchwork-Kinder aus einer früheren Beziehung sind weiterhin Teil seines Lebens – und könnten theoretisch auch jederzeit mit im Haus übernachten.

Warum er den Job macht? „Ich würde niemandem raten, nur sachlich an den Job ranzugehen. Das funktioniert nicht. Man muss das spüren.“ Ob er das als Lebensaufgabe sieht? „Wenn die Kids irgendwann ausziehen, werde ich nicht sagen: Job beendet. Ich werde weiter für sie da sein. Mein Ziel ist, dass es Kindern gut geht.“

Und wie viel Geld verdient man eigentlich als Kinderdorf-Vater? Marc Bässler zuckt die Schultern: „Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht.“