Schulfremdenprüfung
: Ohne Abschluss? So holen Menschen im Rems-Murr-Kreis nachträglich ihr Zeugnis

Zweite Chance im Rems-Murr-Kreis: Jährlich holen rund 50 Menschen ihren Abschluss nach – per Schulfremdenprüfung. Anmeldung bis 1. März 2026.
Von
Chris Lederer
Rems Murr Kreis
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Rund 50 Teilnehmende stellen sich jährlich der Schulfremdenprüfung.

picture alliance/dpa

Kein Zeugnis, keine Chance? Fest steht: Ohne Abschluss stehen die Aussichten auf Ausbildung und Beruf schlechter. Bewerbungen scheitern, Ausbildungsplätze bleiben verschlossen, Perspektiven verschwimmen. Doch es gibt einen zweiten Weg: Im Rems-Murr-Kreis nutzen jedes Jahr rund 50 Menschen die Schulfremdenprüfung, um doch noch einen Hauptschul-, Werkrealschul- oder Realschulabschluss zu erlangen. Die Prüfungen orientieren sich an denselben Bildungsstandards wie die regulären Abschlussprüfungen und finden parallel dazu statt – die Vorbereitung liegt jedoch in den Händen der Teilnehmenden.

„Im Rems-Murr-Kreis zeigt sich seit Jahren eine konstante Nachfrage“, sagt Christine Kuhn, Schulaufsichtsbeamtin am Staatlichen Schulamt Backnang. „Jährlich melden sich rund 50 Personen an. Auffällig ist allerdings, dass inzwischen auch mehr Gymnasiastinnen und Gymnasiasten diesen Weg wählen. Während vor fünf Jahren noch kein einziger diese Möglichkeit nutzte, sind es inzwischen bis zu zwölf pro Jahr.“

Wer nimmt an der Schulfremdenprüfung teil?

Die Gründe sind vielfältig. Manche Jugendliche haben die Schule früh verlassen und merken nach einiger Zeit, dass sie ohne Zeugnis weniger Chancen haben. Andere stellen nach einer abgebrochenen Ausbildung fest, wie wichtig ein Abschluss ist. Rund die Hälfte der Teilnehmenden sind Jugendliche, die ein oder zwei Jahre nach dem Verlassen der Schule an den Prüfungen teilnehmen. Die andere Hälfte besteht laut Kuhn überwiegend aus Personen mit Migrationshintergrund, die oft nach einer Flucht ohne nachweisbaren Abschluss nach Deutschland gekommen sind. Auch Erwachsene, die berufsbegleitend einen Abschluss anstreben, sind dabei.

Hinzu kommen Sondergruppen: etwa Kinder von Schausteller- oder Zirkusfamilien, die keinen durchgängigen Schulbesuch haben. Auch Schülerinnen und Schüler der Daniel-Schule in Murrhardt, einer Förderschule, nehmen regelmäßig teil. Dort können keine regulären Haupt- oder Realschulabschlüsse erworben werden. Wer trotzdem ein anerkanntes Abschlusszeugnis erreichen möchte, muss diesen Weg über die Schulfremdenprüfung gehen.

Erfolgsquote liegt bei 90 Prozent

Die Chancen, erfolgreich abzuschließen, stehen gut. „Die Bestehensquote ist sehr ermutigend“, betont Kuhn. „Nach dem Besuch eines Vorbereitungskurses besteht die überwiegende Mehrheit – pro Durchgang etwa 85 bis 90 Prozent.“ Jeder mit ausreichender Vorbereitung habe realistische Möglichkeiten. Wer sich nicht vorbereitet, trage ein deutlich höheres Risiko, durchzufallen – die Volkshochschulen im Kreis sowie private Anbieter bieten deshalb spezielle Kurse an. Auskunft über die konkreten Anforderungen gibt das Schulamt.

Welche Fächer geprüft werden

Inhaltlich müssen die Prüflinge einiges bewältigen. Deutsch, Mathematik und Englisch gehören in jedem Fall dazu. Je nach Abschlussart kommen weitere Prüfungen hinzu – beim Hauptschulabschluss unter anderem eine Präsentation, beim Werkrealschulabschluss ein Wahlpflichtfach wie Technik oder Alltagskultur. Wer den Realschulabschluss anstrebt, wählt zusätzlich ein Wahlpflichtfach aus Technik, Alltagskultur oder Französisch. Außerdem gibt es mündliche Prüfungen in den Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften. Für Englisch ist in allen Abschlussarten eine Kommunikationsprüfung vorgesehen.

Sonderregelung für Gymnasiasten

Auch für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten gibt es eine Sonderregelung: Wer versetzungsgefährdet ist und im Fall einer wiederholten Nichtversetzung ohne Abschluss die Schule verlassen müsste, kann über die Schulfremdenprüfung noch einen Abschluss sichern. In Klasse 9 ist der Hauptschulabschluss möglich, in Klasse 10 der Realschulabschluss. Voraussetzung ist eine Bestätigung der Schulleitung, dass die Versetzung gefährdet ist.

Anmeldung bis 1. März 2026

Der Ablauf ist klar geregelt: Die Anmeldung für die nächste Runde ist bis zum 1. März 2026 beim Staatlichen Schulamt Backnang möglich. Danach werden die Prüflinge einer Schule im Kreis zugeteilt, die die Prüfungen abnimmt. Diese finden parallel zu den regulären Abschlussprüfungen statt und sind bis Mitte Juli abgeschlossen. Nach der Anmeldung übernimmt die jeweilige Prüfungsschule die Beratung.

Die Prüfungen finden an regulären Schulen statt.

Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Die Schulfremdenprüfung ist nach Einschätzung des Schulamts ein wichtiges Angebot, weil sie benachteiligten Personen eine zweite Chance eröffnet. Damit können Bildungs- und Karrierechancen verbessert werden – ein Beitrag zur Chancengleichheit im Rems-Murr-Kreis.

Wer sich für die Prüfung interessiert, findet Anmeldeformulare und Informationen online unter bk.schulamt-bw.de/Startseite/Pruefungen/Schulfremdenpruefung. Persönliche Beratung bieten am Staatlichen Schulamt Backnang Nicola Rosenfelder (Telefon 07191/3454-154, E-Mail: Nicola.Rosenfelder@ssa-bk.kv.bwl.de) und Bernhart Mittorp (Telefon 07191/3454-119, E-Mail: Bernhart.Mittorp@ssa-bk.kv.bwl.de).