Stadtarchiv von Marbach am Neckar: Warum Hitler kein Marbacher Ehrenbürger war

Fallback Image STZ
Stuttgarter ZeitungSein Interesse an Geschichte, Geschichten und Archive ist früh geweckt worden. „Ein Freund begann während unserer Schulzeit mit Familienforschung. Ich war sofort Feuer und Flamme!“, erzählt Albrecht Gühring, der seit 35 Jahren das Archiv der Stadt Marbach leitet. Auch er sei dann eingetaucht in Familiengeschichte. „Ich bin 1964 in Stuttgart geboren, meine Mutter in Rielingshausen – und die Gührings lebten seit Generationen in Stammheim.“ Er stieß auf Kirchenbücher und Archive, fand heraus, dass ein Verwandter in „Engelland“ verschollen sei. „Der wurde verkauft – man lernt viel aus Primärquellen.“ Als er dann über einen Bekannten das Stadtarchiv Stuttgart entdeckte, war es um ihn geschehen. „Ich wusste, das ist was für mich, ein vielfältiger Beruf.“
Blieb nur ein Problem. Sein Vater wollte, dass Sohn Albrecht seinen Aussiedlerhof zwischen Möglingen und Stammheim übernehmen möge. Während man zuhause verhandelte, hatte der schon die Ausbildung zum Diplomarchivar in Marburg an der Lahn entdeckt. Die Archivschule und Fachhochschule für Archivwesen ist auch Institut für Archivwissenschaft der Bundesrepublik Deutschland, wo man beamtete Archivarinnen und Archivare des höheren und gehobenen Archivdienstes ausbildet. „Im Prinzip“, erzählt Gühring, „war das ein duales Studium mit viel Praxis.“
Die Aufgabe reizte ihn
Nach dem Abschluss 1988 startete Gühring im Hauptstaatsarchiv Stuttgart – bis er hörte, dass Marbach ein Stadtarchiv neu einrichten wollte. „Mich reizte, das von Grund auf aufzubauen in dieser geschichtsträchtigen, einstigen Oberamtsstadt.“ Gesagt, beworben – eingestellt: Am 1. Januar 1990 fing er in Marbach an. Dort finden sich nun aus Marbach, Rielinghausen und Siegelhausen Schulakten verschiedener Schulformen, Nachlässe, Archivbibliothek, Partei-, Genossenschafts- , Firmen-, Stiftungs- und Vereinsarchive. Auch museale Sammlungen mit Zeitungen, Fotos, Dias, Plakaten, Postkarten, Genealogischem, Mikrofiche, Mikrofilme, Grafik und Gemälden. Natürlich auch Bände, Rechnungen, Akten, Inventuren und Teilungen ab 1670 und danach: „Davor haben wir quasi nichts. Auch in anderen Archiven entdecken wir Neues. Schön, wenn man auf Prominente stößt, die hierher Verbindungen und Vorfahren haben wie Grace Kelly.“
Der Stadtarchivar schwärmt vom Schönsten und Größten, was er je erwerben konnte, dank großzügiger Privatspende. „Der Zunftkelch der Marbacher Müller – ein absolut seltenes Stück.“ Das Stadtarchiv sei stets auf der Suche nach nichtamtlichen Schriftgut, Vereinsarchiven und Nachlässen. „Gerade spreche ich mit den Töchtern des verstorbenen Stadthistorikers Dr. Hermann Schick. Wer was hat – melden.“
Hitler hat seinen Ehrenbürgerbrief nie abgeholt
Historisch einmalig sei auch der Ehrenbürgerbrief von Adolf Hitler im Tresor. Der Diktator holte ihn 1934 zu Schillers 175. Geburtstag nicht ab. Für Archivare war daher Hitler nie Ehrenbürger von Marbach. „Der Rechtsakt findet erst durch die Übergabe statt.“ Bisher kenne er nur einen weiteren solchen Fall, die meisten Urkunden seien verbrannt oder verschollen. „Die Ehrenbürgerschaft erlischt mit dem Tod. Man erkannte Hitler diese, zur Sicherheit, vor etwa 50 Jahren ab.“
Geschichte live erlebbar! Daher seien Archive auch wichtig für Kinder und Jugendliche. Um zu erfahren, woher sie kämen, um über Demokratie zu lernen. „Wer liest, wie die Menschen in der 1848er-Revolution für Demokratie kämpften oder 1918, vergisst das nicht!“ Es wiederhole sich traurigerweise vieles. „Da kann man nur den Kopf schütteln. Darum breche ich alles runter auf einzelne Schicksale.“
Das Stadtarchiv Marbach nahm auch schon mehrfach teil am Aktionstag „Türen auf mit der Maus“, der jährlich am 3. Oktober in Deutschland stattfindet. „Da gehen Türen auf, die sonst zu sind, etwa zu Kinderführungen.“ Das Team war begeistert, wie wissbegierig und neugierig die Schülerinnen und Schülern waren. Mehr Zeit für solche Aktivitäten wünscht sich Gühring – und deren Verankerung in den Lehrplänen. „Im Archiv kann man vieles vertiefen. Wir hatten schon Schüler hier, die über den Ersten Weltkrieg arbeiteten.“
Digitales Archiv wird eingerichtet
Um Genealogie, Gebäudeforschung, Marbacher und Rielingshäuser Geschichte geht es bei Recherchen von Bürgern. Und so manche Anfragen kämen von der eigenen Verwaltung. Zu Gührings Aufgaben gehört auch die Schriftgutverwaltung. „Als Archivare haben wir diesen Januskopf. Der eine blickt zurück, um zu erhalten und zu erforschen. Der andere blickt nach vorne, um zu dokumentieren, was heute passiert.“ Gesetzlich müsse man alles für die Zukunft dauerhaft verwahren. „Es geht um Rechtssicherheit.“ Zwar gilt die E-Akte noch nicht als rechtssicher, doch wird Historisches digitalisiert, für „digital born“ Daten, also Computergeneriertes, ein digitales Magazin eingerichtet. „Dafür mieten wir beim Landesarchiv Platz an, die Daten werden über eine Schnittstelle verwahrt und wir können sie nutzen.“ Vorteil: Das Landesarchiv bringe die Daten auf den neuesten Stand der Digitalisierung.
Gühring freut sich auf die neuen Projekte. „Eine Publikation und mehr zu 500 Jahre Bauernkrieg stehen 2025 an, da gibt es spannende Geschichten. 2026 ist ein Theaterstück und anderes zu 1250 Jahre Rielingshausens geplant, 776 wurde der Ort erstmals erwähnt – das ist sehr früh!“ Viel beruflicher Leidenschaft, gibt es da Zeit für Hobbys? Gühring nickt. „Ich spiele Tuba in zwei Orchestern und einem Blechbläserquintett – und dirigiere. Mit meiner Frau tanze ich in Ludwigsburg.“