Kornwestheim: Eine Ehe nur zum und für den Schein?

Vor dem Amtsgericht hat sich eine 32-Jährige zu verantworten.
dpaKornwestheim - Die ganz große Liebe ist es sicherlich nicht. Sonst wüsste die 32-Jährige vermutlich, wo sich ihr Mann derzeit aufhält. Und er wäre am Vormittag auch mit zum Amtsgericht nach Ludwigsburg gekommen, um seine Frau zu begleiten, als Zeuge auszusagen und dem Gericht zu erklären, dass er sie nur aus Liebe geheiratet hat. Aber er war nicht da. Lediglich ein ominöses Schreiben des Klinikums Ludwigsburg lag plötzlich vor, wonach er derzeit in Behandlung sei. Aber stationär, das hat Richter Matthias Buchen in der Kürze der Zeit recherchieren können, ist er nicht aufgenommen.
Wenn’s denn so ist, wie es die 32-Jährige erzählt, dann hat sich das Paar – er ist Portugiese, sie Nigerianerin – vor vier Jahren in Spanien kennen gelernt. Er machte Urlaub, sie lebte in Spanien. Das Ja-Wort gaben sich die beiden am 4. September 2009 im Urlaub – in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Und dann zog’s das junge Glück ins Schwäbische. Zunächst lebten sie in Ermangelung von Geld bei einem Freund in Asperg, dann bezogen sie eine eigene Wohnung in der Albstraße in Kornwestheim. Nach Angaben der Frau führen sie eine Fernehe. Er hält sich viel in Frankfurt auf, wo Verwandte von ihm leben und wo er sich auf dem Arbeitsmarkt größere Chancen erhofft. Manchmal komme er für zwei, drei Wochen nach Kornwestheim, dann sei er wieder für mehrere Wochen in Frankfurt, wo sie ihn auch schon besucht habe, erzählte die Angeklagte dem Gericht.
Im Landratsamt schöpfte man gleich Verdacht, dass diese Ehe möglicherweise nur zum Schein geschlossen worden war. Als sich das im Sommer 2010 Paar anmeldete und für die Frau eine Aufenthaltsgenehmigung beantragte, unterhielt es sich selbst mit Hilfe eines Dolmetschers. Der Arbeitsvertrag, den der Mann vorlegte, enthielt einige augenscheinliche Fehler. Er erwies sich später als gefälscht.
Die Behörde schaltete die Polizei ein, die schließlich die Wohnung in der Albstraße durchsuchte. An Kleidungsstücken, die auf einen männlichen Bewohner hätten schließen lassen können, fand sich lediglich ein Paar Schuhe. Für die Staatsanwaltschaft war die Sache klar: Die 32-Jährige hat ihre Aufenthaltsgenehmigung erschlichen. Sie beantragte bei Amtsgericht einen Strafbefehl, der dann auch erlassen wurde. Das Erstaunliche: Während der Ehemann seinen Strafbefehl (120 Tagessätze) akzeptierte, legte seine Frau Widerspruch ein – vermutlich weil ihr ansonsten die Abschiebung in ihr Heimatland gedroht hätte. Weil sie gegen den Strafbefehl aufbegehrte, sah sie sich dem Gerichtsverfahren ausgesetzt.
Amtsrichter Matthias Buchen ließ nichts unversucht, den Vorwurf aufzuklären. Er ließ sogar eine ehemalige Nachbarin aus Hamburg einfliegen, die aber zur Aufhellung des Geschehens ebenso wenig beitragen konnte wie die meisten Nachbarn, die ebenfalls als Zeugen geladen waren. Einige hatten den Ehemann nie gesehen, einer will ihn zwei-, dreimal wahrgenommen haben. Wer ihn allerdings nach eigenen Angaben häufiger in der Wohnung in Kornwestheim angetroffen hat, das war der 71-jährige Vermieter, ein Handwerksmeister aus Stuttgart. Er selbst hat die Wohnung nur gemietet und an die 32-Jährige dann untervermietet. Er pflegt gute Kontakte insbesondere zur 32-Jährigen, hilft ihr bei Behördengängen und lädt sie „ab und zu zum Essen ein“. Bei der Beziehung der Nigerianerin und des Portugiesen handele es sich sicherlich nicht um eine „klassische, schwäbische Ehe“, betonte der Senior. Aber sie funktioniere auf körperlicher Basis. Sie sei sehr nett zu ihm, sehr warmherzig.
Weil der Verteidiger Michael Wanke-Lasom auf den Ehemann als Zeugen nicht verzichten will, der aber gestern einfach nicht erschien, vertagte das Gericht das Verfahren auf einen unbestimmten Termin – nicht ohne dem ausgebliebenen Zeugen eine Geldbuße in Höhe von 150 Euro aufzubrummen.