Gesellschaftlicher Zusammenhalt
: Die Lust an immer neuen Feindbildern spaltet die Gesellschaft

In dieser Woche haben sich im Landkreis Ludwigsburg einige gesellschaftliche Gräben aufgezeigt. Die Ereignisse zeigen, dass die Frage nach dem gesellschaftlichen Miteinander auch vor der eigenen Haustür stellt. Eine Anleitung zu einem besseren Miteinander.
Kommentar von
Emanuel Hege
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Fallback Image STZ

Stuttgarter Zeitung

Die Situation ist simpel und beängstigend zugleich: Die Krisen sind größer und vielfältiger denn je, gleichzeitig scheint es den Menschen immer schwerer zu fallen, gemeinsam an Lösungen für Migration, Klimawandel und Wirtschaftsabschwung zu arbeiten. Die Gesellschaft wird immer ausdifferenzierter, immer mehr Milieus und Partikularinteressen knallen aufeinander, verheddern sich und sorgen für Stillstand.

In Vaihingen arbeiten sich aktuell Gemeinderat und Bürgermeister Uwe Skrzypek aus einem tief greifenden Konflikt, der die Stadt fast komplett gelähmt hat. In Asperg votierten die Gegner der Landeserstaufnahmestelle Schanzacker in einer eigens organisierten Abstimmung gegen das Projekt. Flüchtlingshelfer kritisierten die Wahl als Farce – es tun sich Gräben auf. Die gibt es auch am Ludwigsburger Bahnhof. Die Kneipenkellnerin Maryam S. berichtete diese Woche von ihren Beobachtungen vor Ort, ihre größte Sorge: steigende Feindseligkeiten und Vorurteile, vor allem zwischen den verschiedenen Nationalitäten am Bahnhof.

Wir müssen uns daran gewöhnen: In unserer Region wird die Gesellschaft immer bunter, aber auch unbekannter und für einige bedrohlicher. Wir sind mit immer mehr Identitäten, Anspruchshaltungen und Kulturen konfrontiert. Diese Entwicklung lässt sich nicht beeinflussen. Was sich beeinflussen lässt, ist die Art, wie wir damit umgehen. Irgendwelche Ideen? Schauen wir doch mal genauer auf die drei Themen der Woche, denn die dienen als Kurzanleitung für einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt:

In Vaihingen scheint es, als ob die Verantwortlichen aufgehört haben, sich tiefer in den Konflikt einzugraben und Lösungen finden wollen. Die Bürger werden es ihnen danken. Der Wille zur Konstruktivität ist nicht selbstverständlich, aber immer wichtiger.

Die Gegner der LEA in Asperg sind engagiert und konfrontativ, Gegenrede wurde bei Veranstaltungen der Bürgerinitiative GGLTA bereits mit Buh-Rufen niedergemacht – Gift für den gesellschaftlichen Frieden. Wer aus unterschiedlichen Blickweisen automatisch Feindbilder ableitet, wird nie zu einer Lösung gelangen. Die Suche nach Verständigung ist ein zweiter Schlüssel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die junge Kneipenkellnerin Maryam S. berichtet von wachsenden Ressentiments zwischen migrantisch geprägten Gruppen und den meist deutschen Kunden der Bahnhofskneipen in Ludwigsburg. Sie versuche mit allen im Gespräch zu bleiben, auch dann, wenn die Deutsche mit palästinensischen Wurzeln mit rassistischen Äußerungen konfrontiert wird. Maryam macht es vor: Hass darf nicht mit mehr Hass beantwortet werden, Vorurteile dürfen uns nicht auffressen.