Familiennachzug
: „Ich kann jetzt Fahrrad fahren, das durfte ich in Afghanistan nicht“

In Afghanistan durfte sie kaum das Haus verlassen – heute radelt Maryam Mirzad durch Ludwigsburg, lernt deutsch und beginnt eine Ausbildung.
Von
Anna-Sophie Kächele
Ludwigsburg
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Maryam Mirzad ist seit einem Jahr in Deutschland und beginnt im September eine Ausbildung.

Simon Granville

Sie könne jetzt Fahrrad fahren, erzählt Maryam Mirzad mit einem Lächeln, aus dem Stolz spricht. „Mein Mann hat mir auch ein schönes Fahrrad geschenkt“, sagt die 28-jährige Afghanin, die seit einem Jahr in Deutschland lebt. In ihrer Heimat sei so vieles für sie als Frau unmöglich gewesen – Fahrrad fahren, einen Sprachkurs besuchen, spazieren gehen, einen Ausbildungsvertrag unterschreiben. „Sie hat wie ein Huhn in Käfighaltung gelebt“, sagt ihre deutsche Patin Brigitte Heidebrecht. Die Ludwigsburger Tanzpädagogin hat lange nicht daran geglaubt, dass die Frau ihres Schützlings würde einreisen dürfen. Seit 2015 unterstützt sie den Mann von Maryam Mirzad, den sie in einer Sporthalle in der Weststadt kennengelernt hat.

Als er 2021 seine heutige Frau per Videotelefonat heiratet, arrangiert von ihren zwei Familien, ahnt Brigitte Heidebrecht, wie schwierig es für ihn werden würde, seine Ehefrau nachzuholen. „Als er in meiner Küche saß und mir erzählt hat, dass er vor drei Tagen geheiratet hat, habe ich erschrocken gesagt: Was willst du mit einer Frau in Afghanistan?!“

Bürokratische Hürden bei Familiennachzug sind hoch

Die deutsche Botschaft in Kabul ist seit der Machtergreifung der Taliban geschlossen, ein Visum für die Familienzusammenführung wird nur in Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, und Teheran, der Hauptstadt des Iran, ausgestellt. Doch Frauen dürfen in der Öffentlichkeit nur in Begleitung eines männlichen Verwandten unterwegs sein. Da Mirzads Brüder keine Pässe besitzen und die Taliban keine Pässe ausstellen, schien es schier unmöglich, dass sie es schaffen könnte, die iranische Grenze zu überqueren. Zudem sind die bürokratischen Hürden beim Familiennachzug sehr hoch.

An ihr erstes Telefonat mit ihrem Mann in Deutschland erinnert sich Maryam Mirzad genau. „Meine Cousine, die seine Mutter kannte, hat gesagt, dass dieser Mann sehr nett ist und einen offenen Kopf hat.“ Offener Kopf? „Viele Männer in Afghanistan wollen nicht, dass die Frau, Schwester oder Mutter arbeitet“, erklärt sie. Deshalb sei ihre erste Frage an ihn gewesen, ob sie eine Ausbildung machen dürfe, wenn sie ihn heiraten würde. „Er hat gelacht und gesagt, ja klar, ob du willst oder nicht, du musst in Deutschland etwas lernen.“ Für eine afghanische Frau, die in ihrer Heimat größtenteils vom Bildungssystem und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen ist, keine Selbstverständlichkeit. Dem Telefonat, um herauszufinden, ob sie den Mann heiraten möchte, folgten viele nächtliche Gespräche. „Ich habe ihm zum Beispiel gezeigt, was er kochen kann“, erinnert sich Mirzad.

Brigitte Heidebrecht (Mitte) mit ihren Schützlingen Nasir Ahmad Hajimohamad und Maryam Mirzad, die als glückliches Paar in Deutschland leben.

Foto: privat/

Elf Monate lebt die Afghanin allein im Iran. Wartet auf den Tag, an dem sie ausreisen darf, an dem alle Nachweise ihres Mannes geprüft sind – unter anderem Aufenthaltserlaubnis, Wohnraum, gesicherter Lebensunterhalt – und das Visum zum Familiennachzug ausgestellt wird. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit ist es dann endlich so weit - ihr Mann und Brigitte Heidebrecht holen sie vom Stuttgarter Flughafen ab. Keine drei Tage hier, macht sie einen Einstufungstest. Ein wenig Deutsch hatte sie schon in Afghanistan gelernt, mittlerweile spricht sie nach einem Jahr Deutsch auf dem Level B2, das bedeutet obere Mittelstufe. Jeden Morgen besucht sie einen Kurs im Kulturzentrum, bevor sie weiter zu ihrem Minijob geht. Im ehemaligen Bioladen Rapunzel in Ludwigsburg, heute ein Onlineversand, verpackt sie am Nachmittag Naturkosmetik und Biolebensmittel. Schon in Afghanistan hat Maryam Mirzad Sprachkurse besucht. Jedoch heimlich. Als ihr Bruder sie erwischte, zerriss er Buch und Schulhefte.

Maryam Mirzad beginnt im September eine Ausbildung

Im September beginnt sie im Cardio Centrum Ludwigsburg Bietigheim eine Ausbildung als medizinische Fachangestellte. Ärztin zu werden war schon als Kind ihr Traum. An ihrer künftigen Arbeitsstelle freut man sich auf sie. Beim Hospitieren habe man sie aufgeschlossen und motiviert erlebt und möchte ihr deshalb die Möglichkeit geben, eine Ausbildung zu machen – nicht nur wegen des Fachkräftemangels, heißt es auf Nachfrage.

Marym Mirzad bei ihrem Probetag im Cardio Centrum

Foto: privat/

Mit Blick auf die Regierungskoalition, die sich dieser Tage bildet, und deren künftige Migrationspolitik hat Brigitte Heidebrecht eine klare Haltung: ohne Familiennachzug geht es nicht. „Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum, eine schnelle Arbeitserlaubnis und wir müssen diesen Männern erlauben, ihre Frauen herzubringen“, sagt sie. Es sei eine falsche Annahme, dass Migranten häufiger straffällig würden als die einheimische Bevölkerung. Um Kriminalität vorzubeugen, brauche es aber unter anderem den Familiennachzug, ist sie überzeugt: Verheiratete Männer – mit oder ohne Migrationshintergrund – begingen weit weniger Straftaten als unverheiratete. Untersuchungen des ifo Instituts und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften bestätigen diese Fakten und benennen weitere Maßnahmen, die Straffälligkeit bei Migranten vorbeugen: Sprachkurse, der erleichterte Zugang zur Staatsbürgerschaft und legale und langfristige Verdienstmöglichkeiten.

In der Zwischenzeit ist es Nachmittag geworden. Brigitte Heidebrecht und Maryam Mirzad machen sich auf den Weg zur Schneiderin. Die gekürzten Hosen abholen, damit der Saum nicht in der Fahrradspeiche hängenbleibt.

Flüchtlinge aus Afghanistan

Unterbringung
Im Jahr 2024 hat das Landratsamt Ludwigsburg in den Gemeinschaftsunterkünften insgesamt 108 afghanische Flüchtlinge vorläufig untergebracht.

Verteilung
Das Herkunftsland Afghanistan stellt neun Prozent von den Gesamtzugängen an Flüchtlingen in den Landkreis im Jahr 2024 dar.