Erinnerung ans British Rock Meeting
: „Wir waren freaky Freaks und ewig blühende Hippies“

Ella Ludwig war 1972 beim British Rock Meeting in Germersheim dabei. Das Festival gilt als das deutsche Woodstock. Was die Marbacherin dort erlebt hat.
Von
Sandra Lesacher
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Ella Ludwig in ihrem Musikzimmer in Marbach. Hier entstehen Songs gegen Tierleid.

Werner Kuhnle

„Wir waren damals so berauscht von der Musik, wir hätten keine Drogen gebraucht.“ Das sagt Ella Ludwig heute, wenn sie über das British Rock Meeting 1972 in Germersheim spricht: „Das war unser Woodstock.“ Die Tage auf der matschigen Festival-Wiese haben die Marbacher Künstlerin und Musikerin geprägt – auch wenn die Erinnerungen 53 Jahre danach etwas verblasst sind.

Bunt hingegen ist Ella Ludwig noch heute. Ein paar blau gefärbte Haarsträhnen lugen unter dem bunten Tuch hervor, das sie um den Kopf geschlungen hat. Ansonsten trägt sie Schlaghose, Leopardenbluse, Flip-Flops. Wenn sie am Flügel sitzt oder die Geige in der Hand hat, ist sie in ihrer eigenen Welt.

„Fighting for a better day today“

Ella Ludwig singt vom Frieden, vom Kampf um eine bessere Welt. Für Menschen, für Tiere. „I’m so old, you’re so young. Together we are strong, fighting for a better day today…“ („Ich bin so alt, du bist so jung. Zusammen sind wir stark, wir kämpfen heute für einen besseren Tag.“) Mit dem Song will sie die Jugend auffordern, etwas zu tun. So wie sie in ihren jungen Jahren selbst hätte mehr tun sollen. Zum Beispiel die Natur „vor der wahnsinnigen Ausbeutung zu schützen. Das haben wir nicht begriffen.“ So formuliert es die „alte“ Ella Ludwig.

Die Marbacherin ist in ihren „Seventies“, wie sie es nennt. Im April hat sie ihren 70. Geburtstag gefeiert. Sie ist ein Kind der Nachkriegszeit, aufgewachsen in Marbach am Neckar, eine Stadt, aus der sie immer weg wollte. Zu klein, zu schwäbisch, zu piefig. Ella Ludwig studierte in Berlin Eurythmie, lebte in München, später 30 Jahre in Rom. Seit vier Jahren ist sie wieder zurück in Marbach. „Heute ist es toll hier“, sagt sie. „Die Stadt hat sich verändert.“ Und Ella Ludwig auch.

Kurz nach ihrem 17. Geburtstag, im Mai 1972 war das, hörte sie, dass das zweite British Rock Meeting im rheinland-pfälzischen Germersheim stattfinden sollte. „Ich musste da hin.“ Ihr Vater war natürlich dagegen, „aber ich habe sowas von furchtbar genervt“, sagt Ella Ludwig heute lachend. Am Ende brachten die Eltern ihre 17-jährige Tochter und ihren Begleiter Mick mit dem Familien-Mercedes aufs Festivalgelände. „Das war mir so peinlich!“

Diese peinliche Berührung dürfte bald vergessen gewesen sein. Die Musik, die Stimmung, die Menschenmassen. Bis zu 100.000 Besucher kamen zum „deutschen Woodstock“. Das Rock-Festival gilt heute noch als das größte, das jemals in Deutschland stattgefunden hat.

Das British Rock Meeting fand am Pfingstwochenende 1972 auf einem privaten Gelände auf der Insel Grün bei Germersheim statt. Die Verwaltung erfuhr erst spät von dem Event und verbot es zunächst. Doch schnell wurde klar, dass der Massenansturm nicht mehr aufzuhalten war und so wurde das Verbot wieder aufgehoben.

Tatsächlich ging es an diesem verlängerten Wochenende rund um das pfälzische Städtchen Germersheim reichlich chaotisch zu. Der örtliche Supermarkt war leer gekauft, Straßen und Feldwege zugeparkt. Das Festival-Gelände war morastig, hier saßen, standen, tanzten und schliefen die zig tausend Besucher.

Bald streikten die Toiletten, gingen die Vorräte aus. „Ach, egal, dachten wir“, erzählt Ella Ludwig heute „Keine Ahnung, wie wir uns gewaschen haben. Wir lebten von Musik, Luft, Liebe...“ Und zum Glück waren da ja auch noch die Amerikaner. Die GIs waren bestens organisiert und sehr großzügig. Es gab Chips und Gin, Joints und Whiskey.

In einem Buch hat Ella Ludwig ein Festival-Foto entdeckt, auf dem sie zu sehen ist.

Foto: Werner Kuhnle

Dazu Pink Floyd, der rosa Himmel, Curved Air, die Small Faces... „Wir waren betäubt von den besten Bands Tag und Nacht, mitten unter Gleichgesinnten. Es war gigantisch. Wir waren freaky Freaks und ewig blühende Hippies“, sagt Ella Ludwig. Dennoch ist sie sicher: „Es kann niemand mehr viele Erinnerungen an dieses Festival haben. Alle waren so zugeknallt.“

Heute wäre ein solches Festival nichts mehr für sie, sagt die Marbacherin. „Bei solchen Menschenmassen bekomme ich Angst.“ Ella Ludwig sieht sich selbst und ihre Generation aber auch kritisch. Heute setzt sie sich seit vielen Jahren für Tierrechte ein. Lebt vegan, geht auf Demos, macht Musik, um auf die Not der Tiere aufmerksam zu machen.

„Love, Peace, Freedom...“

Aber damals? „Wir haben gechillt und herumphilosophiert, Love, Peace, Freedom...“ Dabei habe man gewusst, dass die Massentierzucht schon in vollem Gange war, dass „die meisten Kühe in dunklen Ställen angebunden vor sich hin vegetierten“.

Das Thema beschäftigt Ella Ludwig. Sie fragt sich, warum sie damals keine Tiere aus ihren Käfigen befreit hat, warum sie keinen Lovesong auch für die Rechte der Tiere geschrieben hat. „Wir hätten das ernster nehmen müssen“, sagt sie heute.