Aktion Schulstart: „Leute stehen Schlange“ – Ludwigsburger Diakonie verschenkt 600 Schulranzen

Glückliche Gesichter: Die Kinder durften sich ihre neuen Ranzen selbst aussuchen.
Kreisdiakonieverband LudwigsburgIm vergangenen Jahr ist der Schulranzen von Alia Saleh (Name geändert) kaputt gegangen. Die Viertklässlerin aus Ludwigsburg hatte sich daraufhin direkt im Laden einen Neuen ausgesucht – nur war schnell klar: Den konnte sich ihre Mama Bahira nicht leisten. „Neue Schulranzen sind wirklich teuer, sie kosten über 100 Euro. Denn man will ja auch eine gute Qualität“, sagt Bahira Saleh, die 2015 aus Syrien nach Ludwigsburg kam. Das Geld ist knapp, sie muss drei Kinder versorgen und darf erst ab Oktober anfangen zu arbeiten.
Für das neue Schuljahr, das am Montag beginnt, sollte es dann aber doch ein neuer Ranzen sein – schließlich geht ihre Tochter jetzt in die fünfte Klasse auf einer neuen Schule. Billiger sind Schulranzen jedoch nicht geworden. Deshalb hat Familie Saleh an einer Aktion des Kreisdiakonieverband Ludwigsburg teilgenommen. Im Rahmen der „Aktion Schulstart 2025“ in verschiedenen Städten im Kreis Ludwigsburg hat die Diakonie in diesem Jahr fast 600 Schulranzen an bedürftige Familien verschenkt.

Diakon Martin Strecker ist der Initiator der Aktion Schulstart.
Foto: Simon GranvilleDiakonie Ludwigsburg: Vor 15 Jahren mit 50 Schulranzen gestartet
Einerseits zeigt sich für Diakon Martin Strecker darin, wie viel Bereitschaft zu wohltätiger Hilfe im Landkreis steckt. „Wir haben viele treue Spender, die uns Jahr für Jahr unterstützen, das tut gut“, sagt Strecker. Andererseits sei es erschreckend zu sehen, wie viele Menschen mittlerweile auf die Aktion angewiesen sind. „Vor 15 Jahren haben wir ganz klein mit 50 gespendeten Ranzen angefangen. Mittlerweile stehen die Leute Schlange.“
So wäre es für Strecker eigentlich schöner, wenn es die Aktion gar nicht bräuchte – umso wichtiger ist es aus seiner Sicht aber, dass es sie gibt. „Natürlich wäre es besser, wenn es schon an sich mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung gäbe“, sagt er. „Es ist Fakt, dass in Deutschland Herkunft und Bildungserfolg eng miteinander verbunden sind.“ Soll heißen: Wer aus einem gut situierten Elternhaus kommt, hat bessere Chancen auf einen höheren Schulabschluss. „Den Kindern bessere Startchancen zu ermöglichen, ist für uns die größte Motivation“, erklärt Strecker.
Warum die Diakonie Ludwigsburg keine gebrauchten Schulranzen verteilt
Deshalb werden bei der Aktion bewusst auch nur neue Schulranzen verteilt und keine gebrauchten. „Wir wollen, dass die Kinder stolz mit ihren neuen Ranzen in die Schule gehen“, sagt der Diakon. Das wird auch Alia Saleh tun. „Wir mussten ein bisschen anstehen, aber es hat sich gelohnt“, erzählt ihre Mama. Manche Eltern seien ohne ihre Kinder da gewesen, weil sie wenig Zeit gehabt hätten. Für Bahira Saleh sei aber klar gewesen: Alia muss dabei sein. „Es ist ja ihr Schulranzen, den sie jeden Tag tragen wird“, sagt sie. „Da muss sie auch selber entscheiden, welcher ihr gefällt.“
Vor Ort in den fünf Diakonischen Bezirksstellen im Kreis herrsche bei der Ausgabe manchmal großer Trubel, sagen sowohl Saleh als auch Strecker. Aufgeregte Kinder, die es kaum erwarten können, sich endlich einen Ranzen auszusuchen. Aber vereinzelt auch Eltern, denen ein bisschen peinlich sei, die Unterlagen vorzuzeigen, die zur Teilnahme an der Aktion berechtigen. Denn einen Schulranzen bekommt nur, wer einen Tafelkundenausweis hat oder andere Nachweise, also etwa Bürgergeld- oder Asylbewerberbescheid, vorlegen kann.
Dankbar für die Hilfe der Diakonie Ludwigsburg
„Der gesellschaftliche Druck auf den unteren Rand der Gesellschaft steigt“, sagt Martin Strecker. „Wer nicht arbeiten kann, wird immer häufiger pauschal als Faulenzer abgestempelt.“ Dabei gebe es häufig gute Gründe, die Sozialhilfe nötig machen – Krankheiten etwa oder Kinderbetreuung. Asylsuchende haben oft auch einfach keine Arbeitserlaubnis. „Manchen ist es unangenehm, Hilfe anzunehmen. Es gibt aber auch Eltern, die längst gewohnt sind, sich als bedürftig auszuweisen“, sagt Martin Strecker.
So geht es auch Bahira Saleh, die immer wieder Hilfe von Diakonie, Caritas oder AWO in Anspruch nehmen muss. „Wir sind sehr dankbar, dass es diese Angebote gibt“, sagt sie. „Das ist nicht selbstverständlich und eine große Hilfe.“ Deshalb trifft sie bei der Ausgabe auch auf einige bekannte Gesichter. Für die Mitarbeiter der Diakonie sei die Schulranzenaktion ein Highlight des Jahres. Normalerweise würden sie vor allem für Beratungen im Büro sitzen, an den Ausgabetagen erleben sie hingegen strahlende Kinder und merken, welche Bedeutung ihre Arbeit hat, erzählt Strecker.
Der Diakon blickt trotzdem mit gemischten Gefühlen auf die Aktion zurück. „Wir können damit das Grundproblem nicht lösen, dass unser System ungerecht ist“, sagt er. „Aber wir weisen öffentlich darauf hin, wie ungleich die Gesellschaft ist. Und das tut unserem reichen Landkreis vielleicht auch mal ganz gut.“