Leinfelden-Echterdingen
: Jugendliche bilden neue Taskforce – „Wir wollen gestalten!“

Leinfelden-Echterdingen soll lebenswerter für Jugendliche werden – nur wie? Hier kommt die neue Taskforce zum Einsatz, in der die Jugendlichen sich für neue Projekte einsetzen.
Von
Rebecca Anna Fritzsche
Stuttgart
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Das ist die Taskforce (von links): Evin, Georgia, Julia, Michi, Leonard und Mick.

Fritzsche

Wer auch immer es ist, der behauptet hat, die Jugendlichen von heute würden sich für nichts interessieren und sich nicht engagieren – von diesen Jugendlichen kann er definitiv nicht sprechen. Sie sind zwischen 15 und 18 Jahre alt, und sie haben sehr genaue Vorstellungen davon, was sich in ihrer Stadt – Leinfelden-Echterdingen – ändern müsste, um lebenswerter für Heranwachsende zu sein. Und sie haben nicht nur Vorstellungen, sie bringen diese auch ein und wollen an der Umsetzung beteiligt werden. Darum sind sie Teil einer Taskforce aus dem Stadtjugendring, die immer dann zum Einsatz kommen soll, wenn es um Projekte für Jugendliche in der Kommune geht. Zunächst sind das die Projekte, die aus der Jugendbeteiligungsreihe „Wir wollen reden“ entstanden sind, zukünftig soll dies aber auch alles andere sein, was die Jugendlichen in Leinfelden-Echterdingen bewegt.

Ideal wäre ein Raum ohne Öffnungszeiten

Und das ist viel: Beispielsweise öffentliche Räume, wo sich Jugendliche treffen können, „ohne dass wir stören, oder weggeschickt werden“, sagt Georgia, 17. Gerade wenn sich Grüppchen treffen würden zum gemeinsamen Chillen, „sprechen uns die Passanten oft an, dass wir zu laut wären.“ Ideal wäre ein Raum ohne Öffnungszeiten, „sodass wir uns dort auch abends mit unseren Freunden treffen können“, so Mick, 17 – also eine Alternative zu Jugendhäusern. Er gibt das Beispiel des Skateparks im benachbarten Filderstadt-Harthausen: Da sei ein Container aufgestellt worden, in dem sich die Jugendlichen treffen können. Pläne gibt es nun dafür, freilich fehlt noch ein geeigneter Ort in L.-E. Aber die Jugendlichen haben bei der Beteiligungsreihe, bei denen auch Oberbürgermeister Otto Ruppaner dabei war, das Gefühl gewonnen, gehört zu werden: „Wir haben auch eine Stimme und wir haben auch etwas zu sagen, das ist uns sehr wichtig“, sagt Mick. Haben die Jugendlichen das Gefühl, in der städtischen Planung oft vergessen zu werden? Ja, sagen sie alle. Woran könnte das liegen? „Wir sind als Jugendliche eine Ebene zwischen Kind und Erwachsenem“, erklärt Mick. An die Kinder werde – politisch gesehen – oft gedacht, beispielsweise was Kinderspielplätze oder Kinderbetreuung angehe, ebenso an die Erwachsenen. „Aber wir sind eine Zwischenphase, die oft hinten runterfällt“, sagt er. „Dabei ist das eine wichtige Entwicklungszeit, und wenn man da schon das Gefühl hat, man kommt nicht vor und wird nicht gesehen, ist das ein schlechtes Zeichen.“

Jugendliche arbeiten in Taskforce und Jugendgemeinderat zusammen

Dagegen wollen sie etwas tun. Im Herbst stehen die ersten Treffen mit der Stadtverwaltung an, wenn es um die Fortführung der Projekte aus „Wir wollen reden“ geht, auch in Zusammenarbeit mit dem Jugendgemeinderat von Leinfelden-Echterdingen. Simon, 18, sitzt im Jugendgemeinderat und ist auch in der Taskforce. „L.-E. kann zu einer sehr lebenswerten Stadt für Jugendliche werden“, sagt er. „Wir haben viele Ideen dazu.“ Das nächste Projekt des Jugendgemeinderats ist beispielsweise die Neugestaltung des Bolzplatzes Oberaichen: „Früher war ich jeden Tag dort, heute ist er quasi unbespielbar“, berichtet Simon.

„Wir wollen reden“ hieß die Veranstaltungsreihe mit dem OB, Simon sagt: „Jetzt muss es weitergehen und heißen: Wir wollen gestalten!“ Deshalb sei nun auch der entscheidende Punkt die Umsetzung der geplanten Projekte, wie etwa dem öffentlichen Platz für Jugendliche. Nur darüber reden und planen, bringt nichts, sind sie sich einig. Und auch bei der Umsetzung wollen sie mitreden – „die Ideen für Jugendliche sollen auch mit den Jugendlichen gemeinsam verwirklicht werden, nicht von den Erwachsenen alleine“, so Mick.

Wie müsste eine perfekte Stadt für sie aussehen? Die Jugendlichen überlegen kurz – und bringen durchaus realistische Vorschläge an. „Niemand soll ausgegrenzt werden, man wird überall akzeptiert und hat überall einen Platz“, sagt Mick. Leonard, 17, wünscht sich eine bessere Ausstattung für Sportvereine: „Wir haben viele gute Leute und könnten vom Level her gut mit Stuttgart mithalten“. Evin, 18, der auch die Probleme der Jugendlichen aus sozial schwachen Gesellschaftsbereichen im Blick hat, sagt: „Leinfelden-Echterdingen ist eine teure Stadt, was die Mieten angeht. Da muss auf Dauer etwas geändert werden, nicht nur kurzfristig.“ Neubaugebiete gebe es zwar, meint er, „aber die können wir jungen Leute uns nicht leisten, die sind zu teuer“. Bei diesem Thema nicken viele in der Runde, Georgia erzählt, dass sie einige kennt, die bei Freunden übernachten: „Man möchte nicht darüber reden, es ist einem peinlich.“

Ebenfalls wichtig für die Gruppe: mentale Gesundheit. „Da braucht es mehr Unterstützung für Schüler“, findet Julia, 15. „Ich kenne viele, die Probleme mit Depressionen oder Essstörungen haben – die wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.“ Hilfe beim Umgang mit Lernstress, eine Burnout-Prävention – dafür spricht sich Leonard aus. „Bei drei bis vier Klausuren in manchen Wochen kommt man an seine Grenzen.“

Dass der Stadtjugendring ab Herbst eine Stelle für die mobile Jugendarbeit finanziert, finden sie gut. „Ich kenne das aus Filderstadt“, sagt Mick, „die Leute hören zu, haben Interesse an dir und verurteilen nicht. Wenn das anderswo funktioniert, warum nicht hier?“ Und die neue Taskforce der Jugendlichen wird sicher ein Auge drauf haben, ob es funktioniert – und ob die Hilfe dort ankommt, wo sie hin soll.