Gehwege auf den Fildern: Gässle vergessen? – Kritik an Fußwegkonzept in Echterdingen

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Stuttgarter ZeitungDa kann er nur mit dem Kopf schütteln. Seit jeher setzt sich der Stadtrat Wolfgang Haug (FDP) für die Interessen der Fußgänger ein. „Im Ort bin ich vorwiegend zu Fuß unterwegs“, sagt er und meint mit „Ort“ insbesondere Echterdingen. Dass beim kürzlich vorgestellten Fußverkehrskonzept einige aus seiner Sicht wichtige Routen keine oder nur geringe Beachtung fanden, sorgt bei ihm für Unverständnis. Immerhin zählt das „Gässlesystem“, wie es Haug beschreibt, zu den ältesten Verbindungen im Ort.
Vermutlich hätten die Gässle ihre Wurzeln in den ersten alemannischen Besiedlungen des heutigen Echterdingen, meint Haug. Auf alten Stadtplänen sind die Ursprünge des Ortes noch gut zu erkennen. Neben dem Schafrain war es die Obergasse, wo sich die Menschen einst niederließen. Von dort aus wurden die ersten Wege genutzt, um Vieh auf die Weiden zu bringen oder um auf die umliegenden Felder und Gärten zu gelangen. „Im Laufe der Jahrhunderte hat sich ein Gässlesystem entwickelt“, erklärt Haug. Die erste exakte Stadtkarte hat ein Geograf mit dem Namen Rieth in königlichem Auftrag im Jahr 1827 angefertigt. Viele Gassen, die es heute noch gibt, sind auf dieser Karte bereits erkennbar.
Verbindungen in Haupt- und Nebenrouten eingeteilt
Eine Hauptverbindung gibt es parallel zur Hauptstraße. Sie geht von der Tübinger Straße im Süden in nördlicher Richtung ab. Dort hätten einst Seiler gelebt, berichtet Haug. Die Familie Allmandinger sei eine ganze Sippschaft gewesen, die in Häusern entlang dieses Gässles Seile hergestellt habe. Später wurde an dieser Achse die evangelisch-methodistische Kirche gebaut und das Gässle für den Weg zur Kirche genutzt, wie auf einem Ortsplan aus dem Jahr 1922 zu erkennen ist. Das ehemalige Kirchengebäude ist heute eine Tanzschule. Die neue Kirche wurde einige Meter weiter im Norden gebaut.
Im neuen Fußverkehrskonzept, das von einem externen Büro erarbeitet wurde, wurden Verbindungen in Haupt- und Nebenwege eingeteilt. Besonders unverständlich ist es für Wolfgang Haug, dass die Gehwege der Hauptstraße als eine Hauptroute für Fußgänger klassifiziert wurden. Schließlich gibt es wenige Meter weiter im Westen eine parallele Achse, weitgehend ohne Auto und Radverkehr. „Kein Mensch läuft mehrere hundert Meter neben der Hauptstraße“, sagt Haug. „Ich kann von der Tübinger Straße bis zum S-Bahnhof fast ohne Beeinträchtigung durch Autos laufen“, sagt er. Wer die ehemaligen Seilergässle durchschritten hat, kommt nämlich über den heutigen Kapellenweg in das vordere Brühlgässle in den Oberhof. Von dort geht es weiter Richtung Norden. Streuobstwiesen machen dann ein kurzes Ausweichen über die Hauptstraße oder die Martin-Luther-Straße nötig, bevor man nach der Überquerung der Leinfelder Straße weiter über den Lehmgrubenweg zum Bahnhof kommt.
Geografische Analyse und Anwohnerbefragung
Warum diese Route nun lediglich als Nebenroute oder teils auch überhaupt nicht beachtet wurde, ist Wolfgang Haug ein Rätsel. Ein Grund könnte aber sein, dass in einem neueren Plan aus dem Jahr 2018 manche Gässle gar nicht mehr eingezeichnet sind, beispielsweise zwischen der kleinen Obergasse und dem Glücksgängle.
Die Stadt betont: „Jeder einzelne Gehweg ist wichtig und die Kategorisierung urteilt nicht über die Bedeutung des Gehweges für jeden Einzelnen oder im Gesamtnetz.“ Das nun vorgestellte Netz schaffe eine Grundlage für systematische Planungen, Sanierungen und auch in der Priorisierung, so der Bürgermeister Benjamin Dihm. Dem kürzlich vorgestellten Hauptnetz lägen mehrere Analysen zugrunde. Zum einen wurde eine Analyse, gestützt auf das Geographische Informationssystem, durchgeführt, die auf Grundlage der Wohnorte und Ziele stark genutzte Routen identifizierte. Es wurde aber auch vor Ort nachgefragt. Zum anderen basiert das Netz nämlich auf der Öffentlichkeitsbeteiligung und Gesprächen im Mobilitätsbeirat. Die Strecken aus der Analyse und Anmerkungen aus der öffentlichen Beteiligung wurden anschließend abgeglichen. Und die Entwicklung bleibt dynamisch. „Das Fußverkehrsnetz kann im Rahmen einer Evaluation bei Veränderungen und möglicher neuer Wohngebiete durchaus weiterentwickelt und angepasst werden“, so Dihm.
Barrierefreiheit ist ein entscheidendes Kriterium

Gute Lösungen für Fußgänger sind das Ziel, doch nicht immer sind offizielle Routen auch die beliebtesen.
Foto: imagoHinzu kommt, dass es für die Planer eine Rolle spielt, ob ein Weg barrierefrei zugänglich ist und über öffentlichen Grund verläuft. Beim „Glücksgängle“ sei beides nicht gegeben, weshalb der Weg – auch wenn er im Alltag genutzt wird – nicht im Konzept hervorgehoben wird. Und dass viele Hauptrouten für den Fußverkehr an viel befahrenen Straßen verlaufen, hat für die Planer ebenfalls einen Grund. „Fußgängerinnen und Fußgänger wählen häufig die direkte und belebte Wegeverbindung. An den Hauptstraßen liegen in der Regel auch die Bushaltestellen auf dem Weg zur S-Bahn und Stadtbahn sowie Ziele der Nahversorgung“, sagt Dihm.
Das Fußgängerverkehrskonzept
Konzept
Es wurden zwölf Maßnahmenpakete entwickelt. Diese beinhalten unter anderem die Instandsetzung von Oberflächen, systematische Absenkung von Bordsteinen, ein Aktionsprogramm für barrierefreie Querungen, ordnungsrechtliche Maßnahmen, die Aufwertung bestehender Fußverbindungen sowie Maßnahmen zur besseren Wegweisung und Kommunikation. Zu tun gibt es aus Sicht der Einwohnerschaft so einiges. Im Rahmen einer Onlinebeteiligungen von Ende Februar bis Ende April 2024 wurden mehr als 900 Mängel von fast 500 Teilnehmern in sechs verschiedenen Kategorien angemerkt und verortet: Aufenthaltsqualität, Querungen, Gehwege, Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmenden, Barrierefreiheit und Sonstiges.
Haupt- und Nebenrouten
Die Hauptrouten verlaufen durch die und zwischen den Teilorten. Insgesamt haben sie eine Länge von 15,3 Kilometern. Die Hauptrouten werden durch die Nebenrouten ergänzt, die eine Länge von 35,3 Kilometern haben.