Ausstellung in Esslingen
: Streit um die RAF-Totenmasken

In Esslingen werden die Totenmasken der Terroristen Baader, Ensslin und Raspe gezeigt.
Von
Jürgen Lessat
Stuttgart
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  • Die Totenmasken von Gudrun Ensslin und Andreas Baader.

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  • Die Totenmasken von Gudrun Ensslin (oben-unten), Andreas Baader und Jan-Carl Raspe.

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  • Die Totenmasken von Gudrun Ensslin (oben-unten), Andreas Baader und Jan-Carl Raspe.

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  • Streit um die RAF-Totenmasken

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Esslingen - Das Wetter spielt an diesem Sonntag auf wundersame Weise mit. Tief hängende Wolken, aus denen immer wieder Regenschauer über das Esslinger Neckartal prasseln, befördern die Erinnerung an den Deutschen Herbst 1977.

Damals stand die demokratische Grundordnung dieser Republik vor ihrer bislang größten Zerreißprobe. Nach politisch motivierten Morden und Entführungen reagierten Staat, Polizei und Geheimdienste mit beispiellosen Sicherheitsgesetzen und Fahndungskampagnen.

Auf der Jagd nach den Tätern der terroristischen Roten-Armee-Fraktion (RAF) wurden mit neu erfundener Rasterfahndung und massiven Abhör- und Überwachungsaktionen bürgerliche Freiheiten beschnitten.

Während draußen Herbststimmung herrscht, scheint sich drinnen in der städtischen Galerie Villa Merkel ein politisches Sturmtief zusammenzubrauen.

In der einstigen Unternehmervilla, die seit mehr als 35 Jahren die Galerie der ehemaligen Reichsstadt Esslingen beherbergt, lenkt seit Sonntag die Ausstellung "Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation" den Blick zurück auf das noch immer nicht abgeschlossene RAF-Kapitel der deutschen Geschichte.

Zwar bezieht sich der Titel der Ausstellung, die im Vorjahr in der Hamburger Kunsthalle Premiere feierte, auf die amerikanische Hippie-Kommune um ihren Führer Charles Manson, deren Mordorgien Ende der sechziger Jahre auch die hochschwangere Filmschauspielerin Sharon Tate, Ehefrau von Starregisseur Roman Polanski, zum Opfer fiel.

Die Geschichte von Ulrike Meinhofs Gehirn

Der Rückblick von 25 Künstlern auf die gewalttätigen Ereignisse des Jahres 1969, eingefasst in politischem und gesellschaftlichem Rahmen, enthält auch Werke, die sich den RAF-Gründungsmitgliedern und deren noch immer zwiespältiger Wirkung auf deutsche Befindlichkeiten widmen.

Zuletzt hatte im Mai 2007 eine hitzige Debatte getobt, als der RAF-Terrorist Christian Klar nach 24 Jahren Haft ein - letztlich abgelehntes - Gnadengesuch an Bundespräsident Horst Köhler richtete. Am 19. Dezember 2008 wurde Klar schließlich auf Bewährung entlassen.

In der Esslinger Ausstellung porträtiert der Künstler Stefan Micheel mit Videoinstallationen und Fotografien die Geschichte der Grabstätte von Ulrike Meinhof. Nach ihrem Tod in der Stammheimer Vollzugsanstalt am 9. Mai 1976 fand sich erst nach langer Suche eine Berliner Gemeinde, die ihr die letzte Ruhestätte nicht verweigerte.

Erst im Jahr 2002 wurde dort auch Meinhofs eingeäschertes Gehirn beerdigt, das sich zuvor jahrzehntelang in einer Universitätsklinik zu Untersuchungszwecken befunden hatte.

In Hamburg fehlten die  Masken

In einer schlichten Glasvitrine zeigt die Esslinger Ausstellung drei Exponate aus weißem Gips, die eine weitaus größere Brisanz hinsichtlich des heutigen Umgangs mit der RAF-Geschichte bergen: die Totenmasken der RAF-Mitglieder Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe, die sich 1977 im Stammheimer Gefängnis das Leben nahmen. In der Hamburger Schau fehlten die Masken, sie werden in der Villa Merkel erstmals öffentlich gezeigt.

Der Tübinger Bildhauer und Zeichner Gerhard Halbritter hatte sie nach der Todesnacht am 18. Oktober 1977 in Stammheim abgenommen. Über drei Jahrzehnte waren diese grausigen Überbleibsel des Deutschen Herbstes verschollen. Erst im letzten September hatte die Tochter des Bildhauers sie im Nachlass ihres Vaters wiederentdeckt und an den Zinnowitzer Kunsthändler Andreas Albrecht veräußert.

Einen ersten Riss im Esslinger Kulturbetrieb haben die Abgüsse der Terroristen bereits bewirkt. Eine leitende Mitarbeiterin des Kulturamts blieb der Eröffnungsvernissage am Sonntag demonstrativ fern.

"Sie sieht die Villa Merkel durch diese Ausstellung entweiht", gab Esslingens Kulturbürgermeister Markus Rapp die Einwände offen zu.

Doch für Rapp sind die RAF-Masken wie auch die künstlerische Auseinandersetzung mit Mördern und Totschlägern in städtischen Räumen vertretbar. "Die Ausstellung soll nicht Vollständigkeit oder Erklärung bieten, sondern Anstoß zur Auseinandersetzung sein", betonte er in seiner Eröffnungsrede.

Auch Galerieleiter Andreas Baur erwartet während der Ausstellungsdauer bis 6. Juni weitere kontroverse Diskussionen.

"Ich habe selbst lange gezögert, ob wir die Masken in diesem stark bürgerlich geprägten Umfeld zeigen sollen", bekannte er. Letztlich schlug er sich auf die Seite der Befürworter und überzeugte selbst das RAF-Gründungsmitglied Astrid Proll, das Bedenken gegen die Zurschaustellung der Totenmasken hatte.

Proll, die heute als Fotografin und Autorin arbeitet, überlässt der Ausstellung selbst zehn Fotografien, die sie 1970 von Andreas Baader und Gudrun Ensslin auf der Flucht aus dem Gefängnis geschossen hatte. "Die Ausstellung erfordert einen aktiven Betrachter", sagt Galeriechef Baur. Er ist sicher, dass die Auseinandersetzung mit Terror und Gewalt dann auch zur emotionsloseren Sichtweise führen wird.

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