Geschichten um das summende Insekt: Maikäfer-Suppe isst zumindest hierzulande kaum noch jemand

Früher alles andere als beliebt: der Maikäfer.
IMAGO/imagebrokerÜber viele Jahrhunderte galten er und seine Larven als gefürchtete Schädlinge in der Land- und Forstwirtschaft. Doch inzwischen freuen sich Jung und Alt, wenn sie einen Maikäfer summen hören oder sehen. Vor 100 Jahren wurde in Württemberg damit begonnen, wissenschaftlich die Frage des periodischen Auftretens und der Verbreitung des Käfers zu erforschen. Die Erkenntnisse, auf Oberämter aufgeteilt, wurden 1933 in einer Arbeit aus der Landesanstalt für Pflanzenschutz Hohenheim von Ernst Welte unter dem Titel „Der Maikäfer in Württemberg“ zusammengefasst.
Aus Akten der Regierung und der Oberämter, aus Gemeinderatsprotokollen, privaten Aufzeichnungen und Zeitungsnachrichten haben die Wissenschaftler in Hohenheim Daten bis in die 1830er Jahre zusammengetragen und analysiert. Für das Oberamt Leonberg, das 1933 als Teil des Neckarkreises aus den Ortschaften des Altkreises Leonberg und Weilimdorf bestand, gibt es erste belegte Daten zum Maikäfer aus dem Jahr 1833.
Viele Käfer rund um Ditzingen
Den Bezirk Leonberg stuften die Fachleute aus Hohenheim vor gut 90 Jahren als Übergangsgebiet von starker Verseuchung hin zu schwachem, fast bedeutungslosem Auftreten ein. Während im nördlicheren Teil vermehrtes Auftreten bemerkt wurde, waren im südlichen Teil nur wenige Käfer anzutreffen. Die Grenze verlief ungefähr durch die Mitte des Oberamtes. Ab 1920 ging die Maikäferpopulation überall stark zurück. Fachleute führten diesen Rückgang mit der ab dieser Zeit beginnenden sogenannten Tiefkultur zurück. Das bedeutet, dass nun die Äcker tiefer, bis zu 60 Zentimeter gepflügt wurden.
Aufzeichnungen von 1833 gibt es, weil ein massiver Käferauftritt in Schöckingen, Ditzingen, Heimerdingen und Weilimdorf verzeichnet wurde. In den folgenden beiden Jahren verursachten die Larven, Engerlinge genannt, großen Schaden – außer in Friolzheim, Malmsheim, Perouse, Renningen, Rutesheim, Warmbronn, Weil der Stadt und Wimsheim. Für 1836 wurden diese Kommunen sogar als frei von Maikäfern bezeichnet. Dafür gab es im selben Jahr ein massives Auftreten in Leonberg, Ditzingen, Eltingen, Flacht, Merklingen, Gerlingen, Hemmingen, Schöckingen und Korntal. Etwas schwächer war es in Gebersheim, Hausen und Heimsheim.

Die Engerlinge benötigen vier Jahre, bis sie geschlechtsreif sind.
Foto: imago images/blickwinkelWeitere starke Flugjahre waren 1875, 1878 sowie 1884, doch dann nahm die Intensität immer mehr ab, sodass ab den 1920er Jahren das Oberamt als Gebiet mit nur noch schwachem Befall eingestuft wurde. Als letzte größere Engerlingsjahre gelten 1925 und das Folgejahr, als vermehrt Fraß-Schäden durch die Larven in Renningen, Warmbronn, Merklingen und Weil der Stadt verzeichnet wurden. Danach wurde es ruhig um den Maikäfer im Oberamt Leonberg.
Die Maikäfer, die bis zu drei Zentimeter lang werden, kommen in Mitteleuropa in drei Arten vor. Hat er seine Metamorphose beendet, gräbt sich der Maikäfer – sein Name sagt es – im April und Mai aus dem Erdboden. Die Käfer leben etwa vier bis sieben Wochen, fliegen hauptsächlich im Mai und Juni und ernähren sich überwiegend von Blättern der Laubbäume. Das Männchen stirbt nach der Paarung, das Weibchen legt, bevor es verendet, etwa 15 Zentimeter tief bis zu 100 Eier in feuchte Humusböden. Nach vier bis sechs Wochen schlüpfen die Larven.
Larven nagen die Wurzeln an
Die Engerlinge benötigen vier Jahre, bis sie eine vollständige Metamorphose zum geschlechtsreifen Tier durchgemacht haben. So folgt auf drei Jahre mit niedrigem Aufkommen ein Jahr mit deutlich mehr Käfern. Besonders die Larven gelten als Schädlinge. Zwar fressen die Käfer in Massen ganze Laubwälder kahl, doch davon erholen sich die Bäume. Wenn aber Larven die Wurzeln abnagen, sterben die fressen, wovon sich die Bäume flächendeckend.
Noch in den 1930er Jahren galt das Einsammeln der Käfer als sicherste Methode, sie zu bekämpfen. Ab 1950 rückte man ihnen mit dem inzwischen verbotenen Insektizid DDT auf den Leib. Gut 20 Jahre später betrieben Frankreich und die Schweiz eine künstliche Verpilzung des Maikäfers. Auch in Gebieten, in denen er nicht aktiv bekämpft wurde, ging die Population des Maikäfers stark zurück, sodass er in Deutschland als fast ausgestorben galt. Aus Teilen Mitteleuropas werden wieder größere Bestände gemeldet, aber hierzulande bekommt man ihn immer noch selten zu Gesicht.
Aus der Käferplage, versuchten die Menschen das Beste zu machen. In den 1830er Jahren riet Professor Plieninger, der wissenschaftliche Sekretär des Landwirtschaftlichen Vereins Stuttgart, das Fett des Maikäfers als Wagenschmiere oder für Waschseife zu verwenden. 1841 lief in Freiberg ein Versuch, aus den Käfern Leuchtgas herzustellen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurden Maikäfer als Hühnerfutter genutzt, aber in Frankreich und Teilen Deutschlands wurden sie auch geröstet und zu Maikäfersuppe verarbeitet. Diese kulinarische Variation ist in unseren Breitengraden heutzutage nicht mehr üblich.