Stuttgarter Ballett: Katja Wünsche: Eine, die gerne mitdenkt
Stuttgart - Kaum vorstellbar, dass sie hier einmal nur eine Nummer war. Und doch: Bei der Audition, durch die Stuttgarter Ballett und Katja Wünsche zusammenkamen, trug sie die 27 auf dem Trikot. Das war im Januar 1999, und die gebürtige Dresdnerin, die da gerade ihre Ausbildung an der Ballettschule in Berlin abschloss, hatte schon an mehreren Orten vorgetanzt. In Den Haag zum Beispiel, beim Nederlands Dans Theater. „Aber dort hat man echte Typen gesucht“, sagte die junge Tänzerin damals, als typische Mitteleuropäerin habe sie keine Chance gehabt.
13 Jahre später ist Katja Wünsche eines der prägenden Gesichter des Stuttgarter Balletts. Sehr präsent war es vor kurzem, als die Tänzerin von allen Plakatsäulen herab für Christian Spucks neues Ballett „Das Fräulein von S.“ geworben hatte – mit funkelndem Collier auf makelloser Haut. Das Motiv, das effektvoll für einen Ballettkrimi stand, wird sich in der Erinnerung vieler mit dem Abschied Katja Wünsches aus Stuttgart verbinden. Denn die Rolle der Madelon, der Tochter eines mordenden Goldschmieds, war einer ihrer letzten großen Auftritte als Solistin des Stuttgarter Balletts. Am Ende der Spielzeit verlässt Katja Wünsche die Kompanie, um Christian Spuck nach Zürich zu folgen. Eine konsequente Entscheidung, schaut man auf den Weg zurück, den der Choreograf und die Tänzerin in Stuttgart gemeinsam gingen.
„Christian Spuck hat mich schon in meinem ersten Jahr in Stuttgart in seine Arbeit einbezogen und besetzt“, beschreibt Katja Wünsche das Vertrauensverhältnis. Trotzdem sei ihr die Entscheidung, Stuttgart zu verlassen, mehr als schwergefallen. „13 Jahre – das ist sehr lang in einer Tänzerkarriere. Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange bleiben werde. Aber nun ist es an der Zeit, etwas Neues zu erleben.“ 13 Jahre, die auch deshalb schwer wiegen, weil sich Katja Wünsche in dieser Zeit von der unauffälligen Mitteleuropäerin zu einer der auffälligsten deutschen Ballerinen entwickelt hat. Der Deutsche Tanzpreis Zukunft, eine Nominierung für den Prix Benois (für ihren Auftritt in Spucks „Sandmann“) und ein Faust-Theaterpreis (für ihre Interpretation der Nadia in Mauro Bigonzettis „I fratelli – Die Brüder“) sind die Trophäen, die Katja Wünsche aus dieser Zeit bleiben. Vor allem aber nimmt sie einen Schatz an Erfahrungen mit, die sie in der Zusammenarbeit mit Choreografen wie Kevin O’Day und Itzik Galili in Stuttgart sammeln durfte. Und ein breites Repertoire an großen Rollen, das von Klassikern wie „Dornröschen“ über große Frauenfiguren Crankos bis zu den aktuellen Findungen Marco Goeckes reicht.
Schritt in eine neue Lebensphase
Den Eindruck der Tänzerin, dass sich das Repertoire in Stuttgart für sie erschöpft habe, muss man nicht teilen. Doch der Weggang der Choreografen Douglas Lee, an dessen neuen Balletten Katja Wünsche fast immer beteiligt war, und nun Christian Spuck haben vielleicht auch in ihr die Lust auf Veränderung geweckt. „Ich bin jemand, der eine Aufgabe braucht und eine Herausforderung“, sagt Katja Wünsche. Dass Zürich gar nicht so weit weg von Stuttgart ist und sich nur ein wenig wie Ausland anfühlt, mag ihr die Weichenstellung erleichtert haben. „Für mich ist es ein Schritt in eine neue Lebensphase, auch um selbstständiger zu werden“, beschreibt die Tänzerin ihre Emanzipation vom Stuttgarter Ballett.
„Die Chemie zwischen uns stimmt einfach“, sagen Christian Spuck und Katja Wünsche unabhängig voneinander. Ihre Karrieren liefen in Stuttgart parallel. Für Katja Wünsche ist die Entscheidung für Zürich auch eine dafür, weiterhin in kreative Prozesse eingebunden zu sein, und verrät viel über ihre Tänzerpersönlichkeit. Denn unabhängig davon, ob die Chemie stimmt, ist der Dialog mit einem Choreografen im Ballettsaal für sie der Faktor, der ihren Beruf zur Berufung macht. „Es macht mir Spaß, ihre Bewegungen auszufüllen, damit zu spielen und verschiedene Stile auszuprobieren. Ich mag es mitzudenken, dann bin ich ganz anders gefordert“, sagt sie.
Diese Arbeit hat Katja Wünsches tänzerischen Verstand geschärft. Im Gespräch analysiert sie Stile sehr exakt, schärft unser Auge für die ungewöhnliche Spitzentechnik eines Demis Volpi oder die geschichteten Bewegungen von Douglas Lee. Bei aller Leichtigkeit ihrer Kunst gelingt es Katja Wünsche, tanzend die Komplexität eines Entstehungsprozesses durchscheinen zu lassen. Etwas, das mit Zweifeln, mit Mut, mit Entscheidungen zu tun hat. „Ich mag es, etwas herauszukitzeln, damit zu spielen. Etwas zu riskieren, gerade im modernen Tanz“, sagt Katja Wünsche. „Wenn man da nicht riskiert, die Balance zu verlieren, dann kommt man keinen Schritt weiter.“
Eine moderne Ballerina
Echte Abgründe öffnet diese Risikobereitschaft im Dialog mit Marco Goecke. „In sensu“ ist da nur das jüngste Beispiel; das Solo schenkte der zweite Stuttgarter Hauschoreograf Katja Wünsche für die Gala der Aktion Weihnachten unserer Zeitung im Dezember 2011. Enorme Kräfte lässt die Tänzerin darin an ihrem Körper zerren; flatternd versuchen ihre Hände den Schrecken abzuschütteln. Ängste müssen gar nicht konkret benannt werden; allein die Nervosität der Bewegungen spiegelt die Unsicherheiten unserer Zeit.
„Es ist eine ganz besondere Mischung, die Katja Wünsche mit ihrer Arbeit hinterlässt“, sagt Marco Goecke. „Sie ist eine sehr moderne Ballerina. Ein Mensch aus unserer Zeit, der alles verbindet und der offen ist für das, was wir heute sagen wollen. Dabei hat sie keine Angst vor dem, was wir tun, und ist absolut uneitel.“ Nicht ohne Grund suchte Katja Wünsche oft bei Noverre-Abenden den Dialog mit Choreografie-Einsteigern. 2003 tanzte sie bei dieser Gelegenheit erstmals in einem Stück Goeckes, viele folgten. Als sie 2007 in Essen den Tanzpreis Zukunft erhielt und für den Prix Benois nominiert war, reiste sie mit einem seiner Soli an. „Mit einem Stück, das auf klassische Technik setzt, würde ich in diesem Kontext nur verlieren“, erklärte sie damals ihre Wahl.
Was Wünsches Kunst ausmacht
„Äffi“, für einen männlichen Kollegen entstanden, zeigt wie unterm Lupenglas, was die Kunst der Katja Wünsche ausmacht: bei hohem Tempo eine Präzision zu wahren, die viel Konzentration erfordert, weil Bewegungen nicht harmonisch fließen, sondern zersplittern. „Marcos Stücke sind körperlich sehr anstrengend, ich mag das“, sagt Katja Wünsche, die einst nach Stuttgart kam, weil sie gehört hatte, dass man hier hart arbeite. Heute ist ihre Energie für alle sichtbar. Sie tanze erdig, dem Boden verbunden, beschreibt sie selbst ihre Erscheinung.
Eine Präsenz, die sie fortan in Christian Spucks Handlungsballette einbringen darf, als Lulu, Clara, Lena und demnächst als Julia. „Auch wenn der Rahmen vorgegeben ist, gibt es bei der Rollengestaltung doch eine große Freiheit“, sagt Katja Wünsche. Dass sie diese nutzt, begeistert wiederum Christian Spuck. „Katja Wünsche ist eine großartige Tänzerin und eine fantastische Bühnendarstellerin“, sagt der neue Zürcher Ballettdirektor. „Bei den Proben ist die Kommunikation mit ihr sehr einfach. Sie macht instinktiv das Richtige, aber sie fragt auch sehr genau nach, warum etwas so ist. Und ich mag es, wenn jemand so reflektierend, so verantwortungsvoll arbeitet. Auf der Bühne hat das eine besondere Kraft.“
Dass Katja Wünsche den Spaß an diesem Dialog mitnimmt auf die Bühne, erhöht die Freude am Zuschauen. In Stuttgart ein vorerst letztes Mal am 7. Juli, wenn die Kompanie ihren Haus-Choreografen Christian Spuck verabschiedet – und mit ihm die Solisten Katja Wünsche und William Moore.


















